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Wir haben das Zentrum für politische Schönheit gefragt, wie sie „tausende“ Flüchtlingsleichen nach Berlin bringen wollen

Wir haben mit einem der Aktivisten gesprochen, die anonym beerdigten Flüchtlingen ein würdiges Begräbnis bereiten wollen—vor dem Kanzleramt.

von Matern Boeselager
15 Juni 2015, 3:40pm

Screenshot aus dem Youtube-Video.

Screenshot aus dem Youtube-Video der Gruppe.

Mit ihrer Ankündigung, tote Flüchtlinge nach Berlin zu bringen, um sie an verschiedenen Orten in der Stadt und schließlich am Wochenende direkt vor dem Kanzleramt zu beerdigen, hat das Küstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit" für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Innerhalb weniger Stunden war auch das erste Etappenziel von knapp 15.000 Euro für die Indiegogo-Kampagne erreicht—laut dem „Zentrum" der Preis für eine Beerdigung.

Die Aufmerksamkeit ist also da, das Geld auch, aber wie geht es jetzt weiter? Und wie ernst ist das alles gemeint? Wird die Gruppe am Sonntag tatsächlich mit einem Bagger vor dem Kanzleramt einen riesigen Flüchtlingsfriedhof ausheben? Um das herauszufinden, haben wir mit Justus Lenz, einem Mitglied des Kollektivs, über die Aktion gesprochen.

VICE: Hallo Justus. Eure Kampagne hat schon jetzt viel Aufmerksamkeit erregt.
Justus Lenz: Ja, wir fangen an.

Kannst du kurz erklären, warum ihr das macht?
Es geht darum, dass sich an den europäischen Grenzen Leichenberge häufen—in Massengräbern, Kühlkammern, Lagerhallen. Krisengebeutelte Länder sind komplett überfordert mit diesen Leichen. Und das ist das Resultat der europäischen Anti-Flüchtlingspolitik, gesteuert aus dem deutschen Innenministerium. Diese Leiche werden versteckt, vergraben, sind angeblich unbekannt. Und wir machen die sichtbar.

Ist das wirklich so, dass die Leichen von Flüchtlingen systematisch versteckt werden?
Ja. Also, die können die nicht verstecken, die versuchen, die zu verstecken. Man muss sich vorstellen, das sind Tausende. Diese Länder—Italien, Griechenland—sind komplett überfordert, in gewissen Regionen werden Massengräber gegraben. Die kommen gar nicht mit dem Vergraben dieser Menschen hinterher.

Deshalb habt ihr jetzt zehn Leichen nach Berlin gebracht?
Also, bei diesen zehn Leichen geht es jetzt um einen Transporter. Von diesen Transportern sind einige unterwegs. Ich würde jetzt nicht sagen, wir haben zehn Leichen, da sind tausende unterwegs. Die europäische Abschottungspolitik sorgt permanent für Nachschub.

Screenshot aus dem Youtube-Video der Aktion

Wie meinst du das, „tausende sind unterwegs"?
Es sind tausende unterwegs nach Deutschland. Tot oder lebendig. Lebendig ist schwieriger, tot ist einfacher. Die Länder, die gerade mit den Leichen überfordert sind, sind da sehr kooperativ. Da stellt sich einem niemand in den Weg, wenn man sagt, wir werden diese Menschen würdig begraben, da wo sie hingehören: Und zwar im Regierungsviertel in Berlin.

Aber nochmal: Ihr habt jetzt wirklich tausende tote Flüchtlinge auf den Weg gebracht?
Ja. Die genauen Zahlen kann ich jetzt nicht sagen.

Die ihr exhumiert habt und nach Berlin bringen wollt?
Ja.

OK. Wie funktioniert das eigentlich genau?
Die Vorbereitungen für diese Aktion laufen seit über einem halben Jahr. Wir waren in diesen Regionen. Dort trifft man auf komplett traumatisierte Menschen, das sind sehr kleine Dörfer, die teilweise über kleine, improvisierte Friedhöfe verfügen. Da werden regelmäßig Leichen angefahren, offiziell sind die meisten von denen anonym. Wenn man da hingeht und sagt, wir werden die Menschen würdig begraben, wir machen die sichtbar, dann trifft man dort auf wahnsinnig kooperative Menschen.


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Wir habt ihr die Toten dann identifiziert?
Viele von denen tragen Dokumente bei sich: Personalien, Zeugnisse, Diplome, Fotos, Adressen, Telefonnummern. Es wird so gut es geht Buch geführt, darüber wer da liegt, wer da ankommt. Durch das Kontaktieren von Ämtern in den jeweiligen Ländern ist das kein Problem, die Identität von den Menschen festzustellen. Das wird bei der Masse übergangen, weil die Bürokratie da gar nicht hinterherkommt. Einfach Loch auf, Erde drauf, Punkt.

Und bei jeder von diesen tausenden von Leichen habt ihr die Angehörigen informiert, dass ihr das vorhabt?
Ja, es gibt keinen einzigen anonymen Toten. Wenn man wissen möchte, wer dieser Tote ist, dann findet man das heraus.

Warum ruft ihr dazu auf, vor dem Kanzleramt einen Friedhof zu errichten? Glaubt ihr, dass das realistisch ist?
Weil er da hingehört. Es ist uns scheißegal, ob das machbar ist oder nicht. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass er da hingehört.

Und was macht ihr mit den Toten, wenn ihr sie nicht vor dem Kanzleramt begraben dürft?
Die werden bestattet. In Berlin.

Pro Begräbnis habt ihr 14.900 Euro berechnet. Wie wollt ihr tausende Beerdigungen finanzieren?
So, wie wir gerade anfangen. Es geht weiter. Wir werden sehen, wie die Politik darauf reagiert. Im besten Fall werden die sich da finanziell einmischen.