„Bei euch darf ich wenigstens den Holocaust leugnen“ – Handy von Leipziger Neonazi gehackt

Die von Antifas veröffentlichten Privatnachrichten geben tiefe Einblicke: In die Verbindung von Neonazis und Legida, in rechte Strukturen in Sachsen und in die Gedankenwelt eines überzeugten Hitler-Fans und Judenhassers.

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Mai 11 2015, 1:01pm
Screenshot: Indymedia

UPDATE: Die Leipziger Internet-Zeitung hat mittlerweile berichtet, dass die Polizei das Material für „durchaus authentisch" hält.

Am Samstag wurden auf der linken Plattform Indymedia Hunderte private Nachrichten des Leipziger Rechtsextremen Alexander K. veröffentlicht. Die Nachrichten—hauptsächlich Sprachaufnahmen und Whatsapp-Screenshots—kommen offenbar aus einem Handy, das ihm im März von Antifa-Aktivisten geklaut wurde. Und sie enthalten so einiges an brisantem Material, das Alexander K. wohl lieber nicht an der Öffentlichkeit hätte.

Hochgeladen wurde das Material von einem User, der sich „161Boxing" nennt und erklärt, man habe „einige ausgewählte Datensätze des Faschisten" zugänglich gemacht, da sie „für die Öffentlichkeit von Interesse" seien. Die Dateien wurden dabei nach Themen geordnet, mit denen sich Alexander K. in den letzten Monaten (bis März) so beschäftigt hat—und was man da liest und hört, ist fast schon gruselig.

Nicht nur, weil man den Eindruck gewinnt, dass K.—der nach einer erfolglosen Stadtrats-Kandidatur für die NPD jetzt versucht, die „Rechte" in Sachsen aufzubauen—seine Netzwerkarbeit sehr ernst nimmt und mit einiger Energie betreibt (von außen sehen Neonazis ja oft so aus, als könnten sie nicht mal einen Stadtplan lesen). Sondern auch, weil klar wird, dass K. offenbar waschechter, vollkommen überzeugter Nazi ist, der Adolf Hitler verehrt („So einen Menschen wird's nie wieder geben), wirklich an die böse Macht des „Weltjudentums" glaubt und Anrufe mit „Heil Hitler" beendet.

Die Leipziger Internet-Zeitung hat sich die Nachrichten genau angeschaut und ist mittlerweile von ihrer Echtheit überzeugt. So umstritten eine solche Verletzung der Privatsphäre auch ist—die Leaks geben zahlreiche Einblicke in die rechtsextreme Szene in Leipzig. Ein paar der spannendsten Erkenntnisse aus den Nachrichten:

1. Echte Nazis sind immer noch Antisemiten

Auch wenn mittlerweile jeder Salonpopulist erkannt hat, dass man mit Islamophobie deutlich mehr Leute erreichen kann und die NPD offiziell auch viel lieber gegen Muslime hetzt—Hardliner wie Alexander K. sind immer noch überzeugt davon, dass „die Juden" der größte Feind des deutschen Volkes und der Welt sind.

In einer Nachricht faselt K. selber davon, die „City of London" sei ein eigener Staat und werde genau wie die amerikanische Notenbank FED von „Familienclans" kontrolliert, die „die Welt terrorisieren" und „überall Kriege schüren". In einer anderen erwähnt er stolz, dass die bekannte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck sich bei der „Rechten" wohler fühle als bei der NPD, denn: „Bei euch darf ich wenigstens noch den Holocaust leugnen." Außerdem schimpfen er und seine Gesprächspartner über die „Juden-AfD" oder beschweren sich, dass die Juden die Gleisanlage kaputt gemacht hätten, wenn ihr Zug nicht fährt. Und einem Organisatoren der Legida gegenüber meckert K., die zweite Rednerin sei ihm „zu judenfreundlich" gewesen. Was uns zum nächsten Punkt führt:

2. Die Legida steht in engem Kontakt zu Neonazis

Tatsächlich berichtet K. in einer Nachricht zuerst, ein Legida-Organisator habe ihn gebeten, die Demo zu verlassen, dem habe er aber „die Leviten gelesen". Man merkt trotzdem, dass K. anfangs durchaus nicht begeistert von der neuen Bewegung war (er bezeichnet einen Organisatoren als „bürgerlichen Scheißer")—das scheint sich aber dann etwas geändert zu haben. Später finden sich dann nämlich Chats mit einem „Holger Legida", dem er mit Anlagetechnik, Ordner-Binden und Fahnen unter die Arme greift, außerdem empfiehlt er ihm einen Anwalt. Und er weist Holger, wie schon erwähnt, darauf hin, dass ihm eine Rednerin zu judenfreundlich war—was der Legida-Mann nicht direkt kommentiert.

3. Er nimmt die NPD nicht ernst

Tatsächlich lassen eine Menge Nachrichten darauf schließen, dass K. nicht besonders viel Respekt für seine alte Partei übrig hat. Er macht sich zumindest ständig über den NPD-Stadtrat Enrico „Porky" Böhm und seine „Quietschstimme" lustig, erklärt, er könne die Flyer für „Die Rechte" auf Kosten der NPD drucken lassen, und scheint auch sonst alles daran zu setzen, die Kameraden auszubooten (schließlich darf man da nicht mal in Ruhe den Holocaust leugnen). Inwieweit die Veröffentlichung dieser Dateien ihm jetzt Ärger mit der NPD einbringen wird, bleibt abzuwarten.

In den Nachrichten ist noch einiges mehr an Sprengstoff enthalten. Auch wenn die Veröffentlichung von Privatnachrichten mit „Sieg Heil" am Ende keine rechtlichen Konsequenzen für Alexander K. haben sollte—der Fall ist ein schwerer Schlag für den Neonazi-Kader. Denn immerhin sind mit seinem Telefon nicht nur Beweise für seine eigene krankhafte Weltsicht an die Öffentlichkeit geraten—sondern auch die Kontaktdaten, Nachrichten und Pläne vieler Weggefährten und Mitstreiter.

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