News

Hey Internet: Du musst uns Muslimen jetzt nicht vorschreiben, wie wir Flagge zeigen sollen

Für Terroristen um Entschuldigung bitten sollen? Wenn man gar nichts mit ihnen gemein hat? Einige Gründe, warum das für Javaria Akbar keinen Sinn ergibt.

von Javaria Akbar
09 Januar 2015, 5:31pm

Eine kleine Zusammenstellung von Online-Kommentaren, in denen von allen Muslimen gefordert wird, die Verurteilung des Attentats deutlich sichtbar in die Öffentlichkeit zu tragen (Hintergrundbild von Chris Bethell)

Wenn ein Fremder von dir verlangen würde, dass du dich für etwas entschuldigst, das du gar nicht getan hast, was würdest du ihm sagen? Die meisten von uns würden ihn wahrscheinlich darum bitten, nicht so aggressiv aufzutreten und den tatsächlich Schuldigen dafür verantwortlich zu machen. Denn genau das wäre wohl die beste Vorgehensweise, auf Leute zu reagieren, die nicht den Kern der Sache verstanden haben.

Ich finde es äußerst eigentümlich, warum so viele Online-Kreuzritter auf die Idee kommen, dass sich gemäßigte Muslime auf der ganzen Welt Gehör verschaffen und sich für das Gewaltverbrechen beim Redaktionsbüro von Charlie Hebdo entschuldigen sollen, das islamische Extremisten begangen haben.

Wenn wir mal die kurzsichtigen und ignoranten Äußerungen zu dem Anschlag außer Acht lassen—Britain-First-Anhänger nahmen den Angriff zum Anlass, sich ihren Stolz-ein-Brite-zu-sein-Pin an die geschwellte Brust zu stecken, während Nigel Farage befand, die schreckliche Tat würde beweisen, dass Multikulturalismus etwas Schlechtes sei—zeigen die meisten Journalisten in ihren Leitartikeln und Kommentaren ausgesprochen viel Feingefühl. Zum Ende vieler Texte mussten so einige nichtmuslimische Kommentatoren dann aber doch noch einmal klarstellen, dass die Muslime jetzt bitte auf die Straße gehen müssen, um den Angriff zu verurteilen.

„Warum lassen die sogenannten gemäßigten Muslime nichts von sich hören?", wollten sie wissen. „Wann können wir endlich mit einer Reaktion vonseiten der ‚Religion des Friedens' rechnen'"?

Es beschleicht einen das Gefühl, dass um Verzeihung gebeten werden soll, und wenn dem so ist, verstehe ich nicht, warum.

Es versteht sich wohl von selbst, dass ich großes Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen empfinde. Von mir zu fordern, dass ich für die Taten irgendwelcher Extremisten um Entschuldigung bitte, weil ich Muslim bin, wäre so, als müsste ich das für die Tippfehler anderer Journalisten tun.

Terroristen, Barbaren, die sich selbst als Muslime bezeichnen mögen, haben nichts mit mir, meinem Glauben, meiner Seele oder meiner Person zu tun. Darum ergibt es für mich auch wenig Sinn, mich für ihre furchtbaren Taten zu entschuldigen, wenn ich doch nichts und wieder nichts mit ihnen gemeinsam habe und mir jegliches Verständnis für ihre groteske Auslegung des Islams fehlt. Warum sollte ich die Verantwortung für die Sünden Anderer übernehmen? Sünden, die ich weder fassen noch nachvollziehen kann.

Ich werde an einer Solidaritätskundgebung teilnehmen, aber nicht weil es meine Pflicht ist, der Welt zu zeigen, dass Muslime keine Mörder und Terroristen unterstützen, sondern weil ich ein Mensch bin und Mitgefühl für all die empfinde, die gestorben sind oder verletzt wurden. Ich zeige mich als Mensch, nicht als Gläubiger. Ferner werde ich über meine Religion sprechen, auch in der Hoffnung, Missverständnisse und Bedenken auszuräumen. Ansonsten aber habe ich mit den Extremisten genauso viel zu tun wie die ganzen ‚echten Patrioten', die Rechtspopulisten oder noch weiter rechts wählen und nicht zwischen dem Islam und Islamismus unterscheiden können.

Als die sogenannte English Defence League zu Demonstrationen in meiner Heimatstadt aufrief, hielt ich es als weiße, nicht-rassistische Britin auch nicht für meine Pflicht, Buße zu tun und darum einen Gegenmarsch organisieren zu müssen. Niemand verlangte von mir, dass ich mich für die Aktionen dieser Rechtsextremen entschuldige, weil ich selbst keine Rechtsextreme bin. Finde ich es gut, wenn Aktivisten auf die Straßen gehen, um ihre Stimme gegen Rassismus zu erheben? Natürlich—ich bin für jede Form humanitären Bemühens. Gleichwohl bin ich davon überzeugt, dass man sein Mitgefühl auch ausdrücken kann, ohne die Schuld auf sich zu nehmen—was nur dazu führen würde, diejenigen zu beruhigen, die den Kern des Diskurses verstanden haben.

Außerdem möchte ich nicht, dass mein gewaltfreies Verständnis des Islams in irgendeiner Weise mit diesen verrückten Taten der Extremisten in Verbindung gebracht wird. Wenn ich mich dafür verantwortlich fühle, wird dieser Zusammenhang zwischen ihnen und mir unweigerlich hergestellt—so dürftig er auch sein mag. Ich möchte in keiner Weise mit einer Gruppe von unmenschlichen Monstern assoziiert werden, genau so wie ich auch mein Mittagessen nicht neben einem alten Hundehaufen essen will. Ich habe das Recht und die Kraft, mich davon zu distanzieren, also mache ich genau das. Um Verzeihung bitten würde bedeuten, die Verantwortung zu übernehmen, zu akzeptieren, dass der Islam, wie ihn der Großteil der Muslime lebt, einen Einfluss auf die Ermordung dieser unschuldigen Journalisten hatte. Ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Und alle anderen geistesgegenwärtigen Muslime, die das menschliche Leben wertschätzen und sich die gewaltfreie Lehre des Propheten Muhammad einverleibt haben, würden mir zustimmen.

Zahlreiche Muslime und islamische Organisationen verurteilen den Anschlag. Auch ich verurteile ihn, nicht als Muslimin, sondern als Schwester aller, die an die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens glauben. Wenn das die Prämisse ist, müsste die gesamte Welt für die Ereignisse um Verzeihung bitten.

Nicht wenige Muslime sind es leid, dass in der Presse häufig jeder Terrorakt mit dem Islam gleichgestellt wird. Ein paar Psychopathen haben die Mehrheit in den Dreck gezogen und keiner von uns will etwas mit der verseuchten Minderheit zu tun haben. Es macht mich krank, dass ältere Muslime, die ihr Leben genau so wie du gelebt haben (wahrscheinlich haben sie ein bisschen öfter gebetet und, wenn es nach Ben Affleck geht, ein paar Sandwiches mehr gegessen), anderen ständig versichern müssen, dass sie gute Menschen sind.

Ich befürworte den offenen Dialog und werde mich immer für die Macht des Gesprächs einsetzen. Und ich verbringe meine Zeit lieber damit, den Leuten um mich herum meine Liebe und Güte zu zeigen. An die Kraft der Nächstenliebe zu glauben.

Die unschuldigen Muslime, die nicht für die Verbrechen geistesgestörter Islamisten um Verzeihung bitten, stehen diesen Gräueltaten deswegen nicht gleichgültig gegenüber. Sie leisten Widerstand in ihren eigenen Häusern und Gemeinden, indem sie die Schönheit des Islam mit ihren Taten und Worten bekunden. Muslime werden gelehrt, das Licht zu sein, das die Aufmerksamkeit der anderen auf die Wärme der Lehren des Korans richtet. Wir werden gelehrt, gütig zu sein, zu verzeihen, gastfreundlich und aufrichtig zu sein. Wir werden gelehrt, an die Macht des friedlichen Gebets zu glauben. Vielleicht ist das der Grund, warum viele von uns so schweigsam sind.