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Sex

Verzweifelte Studenten haben einen Weg gefunden, vor dem Abschluss noch mal Sex zu haben

Wir haben das Phänomen des sogenannten „Gold Rushes" an britischen Unis genauer unter die Lupe genommen.
29.5.15

Foto: Stefanie Katzinger

Für viele englische Studenten beginnen jetzt lange und frustrierende Wochen: Die Abschlussprüfungen stehen vor der Tür und es entscheidet sich, ob man seinem Lebenslauf einen Universitätsabschluss hinzufügen kann oder ab jetzt doch ständig in den Wartezimmern der Jobcenter herumlungert. Es werden wieder unzählige Stunden in der Bibliothek verbracht: Angeblich geht man noch mal seine Unterlagen und Aufzeichnungen durch, aber in Wirklichkeit surft man eher heimlich auf Facebook und prokrastiniert vor sich hin. Irgendwann kommt einem dann jedoch schleichend die Erkenntnis, dass das bequeme Uni-Leben inklusive langem Ausschlafen und Burger-Frühstück schon bald ein Ende haben wird. Gibt es ein Mittel gegen diese Kombination aus Verantwortungs-Panikattacke und finalem Prüfungsstress-Druckabbau-Kreislauf?

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Ja, das gibt es: Eine gepflegte Runde Bettsport.

Willkommen bei Gold Rush, der neuesten Ausrede der Abschlussstudenten, um miteinander schlafen zu können. Erstsemester brauchen noch keine solche Ausrede, sie haben ja ihre Kennenlern- und Ampel-Partys sowie den günstigen, von den Studentenverbindungen finanzierten Alkohol. Am Anfang läuft noch alles wie geschmiert. Im zweiten Studienjahr findest du dich dann jedoch plötzlich in einer Beziehung wieder und das dritte Studienjahr verbringst du angeblich mit Lernen. Schließlich wird dir dann schlagartig bewusst, dass der Güterzug mit der Aufschrift „Erwachsenenleben" unaufhaltsam auf dich zurast und die Tage deiner hedonistischen Jugend schon bald gezählt sein werden.

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Um damit besser klarzukommen, richten die Studenten für jede Universität eine Gold-Rush-Facebook-Gruppe ein, in der die User dann anonym kurze neckische Nachrichten und Limericks an andere Abschlussstudenten schicken können, mit denen sie gerne mal in die Kiste steigen würden. Der Sinn dahinter ist, deine Identität gerade so viel preiszugeben, dass dich das Objekt deiner Begierde erkennt und sich dann noch dazu entscheidet, mit dir ein Schäferstündchen abzuhalten. Hier sind zum Beispiel die Seiten der Swansea University oder von York. Falls du keine Lust hast, dir das alles durchzulesen, dann fasse ich das Ganze kurz zusammen: Eigentlich sind alle Nachrichten immer nur irgendwelche Variationen von „An die Rothaarige aus der Soziologie-Vorlesung: Mit dir würde ich es treiben" oder „An den Typen, der im Uni-Fitnessraum Curls am Squat Rack macht: Mit dir würde ich es treiben".

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Falls du wegen der anstehenden Abschlussprüfung im Fach Geschichte zur Zeit nachts nicht schlafen kannst, dann weißt du mit Sicherheit auch, was es mit dem Begriff „Gold Rush" auf sich hat. Zwischen 1848 und 1855 machten sich 300.000 Möchtegern-Millionäre auf nach Kalifornien, um dort ganz hysterisch nach Gold zu suchen. 2015 sieht das Ganze allerdings etwas anders aus: Ein Haufen Abschlussstudenten hat gerade die Uni-Beziehung beendet, um sich bei den letzten sechs verbleibenden Partys in der Studentenverbindungsbar noch mal ganz hysterisch auf die Suche nach einem One-Night-Stand begeben zu können.

Es sind jedoch nicht alle Studenten vom Gold Rush begeistert. Kate* aus Bristol findet zum Beispiel, dass das ganze Konzept eher „gruselig" ist und „die Rugby-Typen doch eh nur eine weitere Möglichkeit suchen, ein Mädel abzuschleppen und dann damit anzugeben."

„Man wird ja vorher schon vier Jahre lang in den Clubs angegrapscht", fährt sie fort. „Im letzten Studienmonat verzehnfacht sich das Ganze dann, weil die Jungs plötzlich denken, dass sie jetzt erst Recht einen Freifahrschein haben."

Chloe, eine weitere Studentin aus Bristol, hat aus viel YOLO-mäßigeren Gründen etwas gegen den Gold Rush: „Warum warten? Man sollte das Ganze einfach am Anfang des letzten Jahres durchziehen. Dann hat man später noch genügend Zeit zum Lernen." Allerdings fügt sie noch hinzu: „Wenn du jedoch zu der Sorte Menschen gehörst, die sich vom zwanglosen Sex die Freundschaft zerstören oder die Vorlesungen total peinlich machen lassen, dann ist der Gold Rush für dich vielleicht auch genau das Richtige. Vor allem wenn der One-Night-Stand dann richtig scheiße ist und du der Person in der Uni nicht noch mal über den Weg laufen willst."

Der Reiz des Gold Rushes liegt darin, dass es so gesehen keine Verpflichtungen mehr gibt. Die peinlichen Aufeinandertreffen in der Vorlesung sind passé, genauso wie die brodelnde Tratsch- und Gerüchteküche der berüchtigten Universitäts-Cliquen-Kultur. Auch der ganze Bullshit mit innigen Tänzen und „Trauen sie sich endlich?"-Getuschel hat endlich ein Ende, also wenn zwei Freunde, die offensichtlich aufeinander stehen, dann Jahre brauchen, bevor sie bumsen. Alles ist von vornherein klar: Jeder weiß Bescheid, jeder ist vom selben Panikgefühl überkommen und jeder findet Trost in der Fleischeslust. Und wenn alle Stricke reißen, dann gibt es immer noch die „Nach uns die Sintflut"-Partys, die eigentlich auch direkt unter dem Motto „Hey, wann wirst du denn noch mal die Chance auf Studenten-Sex haben?" ablaufen könnten.

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Für die Studenten, die sich am Ende ihres Studiums in einer Beziehung befinden, ist das Ganze ebenfalls eine Herausforderung: Mit dem Abschluss in greifbarer Nähe und neuen Jobs, neuen Möglichkeiten und neuen Abenteuern in Aussicht, gehen viele (und damit meine ich so ziemlich alle) Beziehung zuerst in die Knie und schließlich in die Brüche. „Diese Zeit kann für eine Beziehung entscheidend sein", mein der Student Rajesh. „Wenn der eine Beziehungspartner einen neuen Job findet oder sein Studium abschließt, dann haben viele plötzlich keinen Bock auf eine Fernbeziehung. Dazu kommen noch die ganzen Mädels, die man bald ‚nicht mehr um sich hat.' Das Gold-Rush-Umfeld ist also auch geprägt von vielen frischgebackenen Singles." Für die vielen wackeligen Beziehungen ist es nicht gerade hilfreich, wenn sich der Campus plötzlich in eine einzige Massenorgie verwandelt.

Dieser Trend ist inzwischen überall in England zu spüren. Simon, ein Student der Bristol University im dritten Jahr, meint, dass der Gold Rush „so gehypt wird, weil einfach jeder darüber redet. Das Ganze kommt bei den Leuten, die ihren Abschluss machen und einen Haufen Kommilitonen vielleicht nie wieder sehen, noch viel besser an. Man hat halt einfach kaum Verpflichtungen." Und auch hier gilt wie bei quasi jedem Social-Media-Trend: Je mehr sich die Leute mit dem Ganzen beschäftigen und daran teilnehmen, desto weiter verbreitet es sich. Da ist es auch kein Wunder, dass Facebook-Veranstaltungen mit Tausenden Teilnehmern das Konzept des Gold Rushes als etwas völlig Normales erscheinen lassen. Das Ganze ist neben den Erstsemesterpartys und der Abschlusszeremonie schon so etwas wie ein fester Bestandteil des Studiums geworden.

Foto: Jake Lewis

Natürlich kommt es da auch sehr gelegen, dass die Studenten heutzutage keine Berührungsängste mit Dating-Apps mehr haben. Die nächtlichen Bib-Sessions in Kombination mit der unterschwelligen sexuellen Lust bieten im Grunde den perfekten Nährboden für Anwendungen wie Tinder oder Grindr—die dann natürlich auch eifrig genutzt werden. Wenn dann noch Langeweile und Prüfungsdruck dazukommen, dann bringt das immer mehr Leute zusammen.

Für die Abschlussstudenten ist der Gold Rush ein Anzeichen für das Ende ihrer Bildungslaufbahn und ein Abschied von der Routine, die sie jahrelang verinnerlicht haben. Für alle anderen ist das Ganze eher eine Art sorgloser Start in den Sommer. Diese merkwürdige Doppelnatur jagt den Studenten, die bald fertig sind, noch mal einen zusätzlichen Schauer über den Rücken. Mitten während des ganzen Abschlussprüfungsstresses ruft der Gold Rush den jungen Menschen ein letztes Mal den Spaß ins Gedächtnis, den sie nach dem Beenden des Studiums hinter sich lassen werden. Gleichzeitig bietet er ihnen allerdings auch die Möglichkeit, ein letztes Mal etwas Dummes zu tun, bevor man sie in die „echte" Welt entlässt, wo es plötzlich nicht mehr so cool ist, um 11 Uhr vormittags mit Alkoholfahne und im Outfit des Vortages am Arbeitsplatz aufzutauchen. Das Studentenleben ist eine Blase und der Gold Rush der letzte Schlag, der aus dem Ganzen die Luft entweichen lässt—ein Lebewohl in Richtung Bildung und ein Hallo in Richtung Erwachsenenleben.

Und im Grunde eigentlich nur eine große, halbwegs durchgeplante Fick-Ausrede.

*Die Namen wurden natürlich geändert, immerhin wollen diese Personen auch irgendwann mal einen ordentlichen Job finden.