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Popkultur

Ein Nachbericht vom Life Ball (vom Rathausplatz und vor dem Fernseher)

Alfons Haider schmust mit Frauen, Jean-Paul Gaultier ist das Gegenmittel zu Charlize Theron und Gery Keszler hält eine berührende Rede, die in Selfies untergeht.
18.5.15

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„Es glitzert und funkelt am wunderbaren Wiener Rathausplatz", zeigt sich Life Ball-Kommentatorin Sandra König begeistert. Ich als wandelnder Notstand hab natürlich „glitzert und fummelt" verstanden. Was eigentlich sogar ganz gut zu einem Moment später in der Nacht passte, als ein schwules Pärchen im Innenhof des Rathauses genau das gemacht hat, weil die beiden vermutlich dachten, der breite (Superman?)-Umhang vorm Gemächt würde das Herummachen sowieso kaschieren. Aber ich greife ja schon zu weit vor.

Die Eröffnung des 23. Life Balls stand unter dem edlen Motto „Gold". Und obwohl ich eigentlich direkt vor Ort war, möchte ich euch trotzdem an meinen Gedanken über die TV-Ausstrahlung teilhaben lassen, die ich im Nachhinein zum Vergleich auch noch geschaut habe.

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Denn wenn ich drüber erzählen würde, wie meine tatsächliche Erfahrung am roten Teppich war, würde meine Schilderung ungefähr so aussehen: „Hey, Kelly Clarkson … ich meine Rowland … ich meine Osbourne, komm doch kurz mal zu mir rüber! Nein? OK. Hey, Carmen Elektra, Carmen! Carmen! Ach so, die redet mit gar keinem. Könntest du, lieber Security-Mensch, dich bitte nicht direkt vor meine Nase stellen? Hey, da war ja Charlize Theron … Ah, die ist wahrscheinlich immer noch in character aus Mad Max: Fury Road …"

Wenn ihr am Samstagabend also vorm Fernseher auf eurer gemütlichen Couch gesessen seid, habt ihr mit Sicherheit einen viel besseren Blick auf das Geschehen gehabt. Deshalb zur TV-Ausstrahlung des größten AIDS-Charity-Events Europas.

Angefangen hat der „bunte, schrille" ORF-Abend ja mit Promi-Interviews, geführt von der renommierten ORF-Allzweckfrau Mirjam Weichselbraun. Arabella Kiesbauer hat wahrscheinlich wegen dem anstehenden Song Contest diesmal frei. Jeder Mensch verträgt eben nur eine gewisse Dosis ORF—die Weichselbraun scheint da als einzige eine Resistenz entwickelt zu haben, die Wissenschaftler noch Jahrzehntelang beschäftigen wird.

Die Begrüßung und Anmoderation machte also Multi-Mirjam gemeinsam mit einem Faun, der ein bisschen so wie das aussah, was in Pans Labyrinth in der Fantasie des kleinen Mädchens passiert (Spoiler: Es war nicht schön und man braucht eigentlich sehr viel Gras). Kurz darauf gesellte sich auch die R&B-Sängerin Mary J. Blidge zu ihnen, die später am Abend noch auftreten wird . Anscheinend hat sie auf das Gold-Thema gepfiffen und sich, vielleicht aus Protest, ganz in Rot gehüllt. Dem Häupl hat's wahrscheinlich gefallen.

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Dann gab es eine Umarmung von Mary J. Blidge und Charlize Theron (die von ihr anscheinend nicht weggerannt ist). Mein erster Lieblingsmoment war der Auftritt der beliebten ORF-Simultan-Übersetzerin, die ich schon ziemlich vermisst hatte. Auch heuer klingt sie so, als würde sie einen Kondolenzzug oder einen ZIB-Beitrag kommentieren. Sie fasst alles derart auf den Punkt gebracht zusammen, dass man vergessen könnte, dass der Punkt eigentlich mal ein Rufzeichen war. Wenigstens spricht Mirjam im schönsten Britisch-Englisch. Mirjam meint, Sean Penn sei zwar hier, zum Interview hatte er aber „leider keine Zeit". Hör ich da ein Seitenhieb? Dieser Sean verärgert aber auch wirklich alle. Und weil Mirjam anscheinend grad in Stänkerlaune ist, schiebt sie auch gleich Richtung TV-Kamera nach, dass sie am Life Ball „manchmal ihre eigenen Freunde nicht wiedererkennt." Wegen den Kostümen, natürlich.

Screenshot via ORF TVthek

Anschließend erzählt Dita von Teese, dass sie Sisi aufgrund ihrer Wespentaille so toll findet—dass die Emanzen-Kaiserin an schweren Essstörungen litt, ist da nebensächlich. Mirjam ist das alles egal, ihr taugt's viel mehr, dass sich Dita inzwischen selbst ein Glas Wasser einschenkt. Empowerment!

Dann nimmt noch Jean-Paul Gaultier bei Mirjam Platz, der das Fast-Nicht-Lächeln von Charlize durch seinen Dauergrinser ausgleicht. Um den Moment zu vergolden (haha), sieht man als nächstes die ersten von an diesem Abend vielen halbnackten goldenen Stieren. Ihre Nasenringe haben mich persönlich eher an kaputte Penisringe erinnert, aber gut.

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Am roten Teppich übernimmt dieses Mal Kati Bellowitsch die Interviewer-Rolle von Weichselbraun. Auch Alfons Haider ist dieses Jahr wieder eine Life Ball-Fixgröße, die wie durch ein Wunder seit Jahren nicht zu altern scheint. Heuer probiert er es mal mit einem Hetero-Kuss mit Kati Bellowitsch, die sich gleich zu Beginn beschwert, wieso sie nicht ein Klimt-Gemälde auf der Bühne darstellen darf. Der eigentliche Kuss wird wahrscheinlich für einige Jahre den 1. Platz der Liste „TV-Momente, die sich so falsch anfühlen, dass man lieber ein Buch lesen will" anführen.

Screenshot via ORF TVthek

„I glaub, wir bleim doch lieber beim Original, ha?", grinst Haider in die Kamera und wirft emotionsgeladen seine Moderatorenkarte auf den Carpet. Ob er Klimt oder seine sexuellen Vorlieben damit meint, darf jeder für sich entscheiden.

Als nächstes begrüßt er Conchita Wurst und eine gerade angekommene Kelly Osbourne wird mit etwas verwirrtem Gesichtsausdruck in den Hintergrund zurückgedrängt. Conchita sieht sehr fesch aus und dass sie immer wieder dieselben Fragen auf eine Art und Weise beantwortet (wenn auch beinahe immer mitdenselben Worten), als sei es das erste Mal, gebührt auch einer bemerkenswerten Erwähnung. Conchita macht ihrem Leben eine Liebeserklärung, Alfons will einen Witz reißen, der mit Selbstbefriedigungs-Vorlieben spielt, aber Conchita hat's nicht verstanden, also alles gut.

Weiter geht's mit mehr Anspielungen, die keiner versteht: Kati Bellowitsch hat sich Topmodel Cordula Reyer geangelt und meint, weil deren Papa sie als kleines Mädel in die Secession zu ihrer ersten Modenschau mitgeschleppt hat, sei das heute ja so was wie ein Déjà-vu. „Nicht ganz", meint Reyer kopfwiegend und alle TV-Zuseher runzeln gleichzeitig die Stirn.

Ich war ein bisschen überrascht, wie lange es dauerte, bis die erste Anspielung auf Golden Girls kam.

Bellowitsch ist grundsätzlich eine sympathische und gute Moderatorin, man hat allerdings immer ein bisschen das Gefühl, sie würde mit einem Kind sprechen. Und redet sie wirklich so laut oder bilde ich mir das nur ein? Egal, sie hat sich schon Paula Abdul geschnappt und fragt sie über den Flug mit all den anderen Life Ball-Promigästen aus. Sowas hätte sie noch nie erlebt, grinst Abdul (die Bellowitsch wie eine fürsorgliche Mutti wiederholt „Sweetheart" nennt), mit all den Bongos und dem Striptease. Wir erahnen in diesem Moment, dass die wahre Party wahrscheinlich nicht im Rathaus, sondern im Life Ball-Flugzeug stattfindet.

Dieses Jahr scheint übrigens, im Gegensatz zu 2014, mit der Regie alles glatt zu laufen. Aber wenigstens auf Alfons Haider ist Verlass. Im Gespräch mit Ferdinand Habsburg versucht er, die 18- Jährigen Life Ball-Jungfrau mit hübschen Topmodels zu verkuppeln. „Einfach hingehn und sog'n: ‚Hallo, i bin der Ferdinand!" Ein top Flirt-Tipp. Ich glaube, ich muss an dieser Stelle nicht noch mal an den Kuss mit der Bellowitsch erinnern, oder?

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Weil ich's verschrien hab, gibt's gleich darauf dann doch einen Regiefehler. Haider will mit Ellen von Unwerth sprechen, die Regie entscheidet aber, dass nun Kati mit Kelly Osbourne dran ist. Die hat die „Time of my life" am Life Ball, auch wenn sie viel arbeiten muss hier, aber sie ist rundum glücklich. Ein bisschen wirkt sie wie ein zu groß gewordener Muffin, was sehr süß ist, und wir freuen uns mit ihr. Vor allem verdrücken wir ein erstes kleines Tränchen, als sie Wien die wohl schönste Liebeserklärung des Abends macht: „Because I'm born in England, I'm English and I grew up there, but I spend a lot of my time in America. Coming to Vienna makes me realize the lack of architecture and history and art and beauty and freedom and love and independence there … This city, to me, is everything." Und weil man diese Rede auch gleich als Wien-Werbung nutzen will, blendet die Regie währenddessen das pink beleuchtete Rathaus ein.

Screenshot via ORF TVthek

Ich bin ein bisschen überrascht, dass der erste Gag in Anspielung auf die Golden Girls erst jetzt kommt. Die Kostüme sind übrigens wie immer beeindruckend, heuer wird überraschend viel Haut gezeigt, immer wieder wippen nackte Brüste und in knappengen Gold-Hot Pants gezwängte Schwänze an einem vorbei (was der ORF natürlich nicht zeigt, wegen Jugendschutz und so).

Endlich darf von Unwerth ans Haider-Mikrofon, ist aber eigentlich nicht weiter aufregend. Lustiger ist's schon eher, wenn Haider auf coole Socke macht und mit den Jungs von Madcon High Fives austauscht. Eine weitere Szene, die sich merkwürdig falsch anfühlt—ein bisschen so, wenn die geile Sau Alexander Kumptner seinen Traumkörper als Koch in einer Kindersendung versteckt.

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Haider will, falls es wen interessiert, Hannelore Elsner und Oliver Hirschbiegel (beinahe) ein „privates Projekt" andichten. Er kann's einfach nicht lassen, falsche Momente zu produzieren. Als nächstes moderiert er Kraus, Netrebko und Eyvazof an, indem er sagt: „Meine Damen und Herren, jetzt kommen die Topstars!" und degradiert damit rückwirkend alle bisherigen Stars zu Pimperl-Promis. Zu Sonya Kraus meint er kurz darauf: „Freunde trifft man selten hier am Ball!" und degradiert damit rückwirkend alle bisherigen … naja, eh zu dem, was sie für ihn wahrscheinlich sind.

Screenshot via ORF TVthek

Kurz danach beginnt endlich die offizielle Eröffnung. Die Fanfare samt Opernaufführung ist wie immer tadellos inszeniert, da kann und darf man nichts kritisieren. Nur die Debütantinnen und Debütanten tun mir leid, die stundenlang stocksteif am Magenta Carpet verharren müssen. Der Song Contest wird es schwer haben, hier mitzuhalten.

Musikalisch wird es dem Gesangwettbewerb dafür eher nicht schwer fallen, dem Life Ball das Wasser zu reichen: Trevor Jackson wirkt beim Life Ball-Song „Love Child" eher wie Kasperl auf Speed und die Lippen synchron zum Playback zu bewegen scheint auch nicht seine große Stärke zu sein. Dann, Überraschung: Kriegsgott Mars ist Brigitte Nielsen! Oder umgekehrt! Je nachdem, was ihr ärger findet. Boah! „Oh schade, ich habe gedacht, ich war Mars! Und jetzt bin isch nur kleine Brigitte!" Wenn Stermann und Grissemann für FM4 ein Tagebuch zum Life Ball geschrieben hätten, wäre es auch nicht skurriler geworden.

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Kommentator Eppinger mag Nielsens Sex-Appeal, Co-Kommentatorin König ist darüber so verwundert, dass man ihr Stirnrunzeln richtig hören kann. Dazu gibt's dann auch noch goldenen Flitterregen. Mein schwules Herz hüpft.

Screenshot via ORF TVthek

Aber im Gedächtnis bleiben wird aber vor allem eins: Life Ball-Vater Gery Keszler spricht erstmals öffentlich über seine HIV-Infektion. Und, an alle Medien da draußen: Nein, er gestand nichts und gebeichtet hat er auch nichts. Man gesteht und beichtet nur Sünden und Liebe. „Wer hier von ‚Keszlers Geständnis' schreibt, der beweist, dass das Schweigen der Betroffenen aus Selbstschutz notwendig ist", betonte Corinna Milborn auf ihrer Facebook-Seite – und Recht hat sie. „Ich hab Sorge gehabt, dass das alles irgendwie nur mehr um die Party geht", berichtet Keszler über die vergangenen Tage, kurz vorm Life Ball. „Immer dreister werden die Leute, immer mehr Wünsche wollen sie, immer schwieriger wird diese Organisation Jahr für Jahr." Nur ein Bruchteil an Spenden im Vergleich zum vergangenen Jahr hätte man dieses Jahr erreicht, was ihn traurig gemacht und ihm wohl auch die Augen geöffnet habe, dass beim Life Ball nicht mehr zwingend die Message von HIV und Aids oder Safer Sex im Vordergrund steht.

Dann, ganz plötzlich, berichtet er, dass er sich als 20-Jähriger in Australien mit dem HI-Virus infiziert habe, dass er einer der ersten HIV-Kranken in Österreich war, dass kein Arzt gewusst habe, was mit ihm los sei. Keszler kämpft mit den Tränen, ringt um Worte. Es gehe ihm aber seit damals sensationell, vielleicht ist er ja, wie Kommentator Eppinger es ausdrückt, „das lebende Beispiel dafür, dass die Therapien in Sachen HIV tatsächlich greifen."

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Dann geht Keszler von der Bühne ab, begleitet von tosendem Applaus. So still wie während seiner Rede war es wohl noch nie während einer Life Ball-Eröffnung. Auch nach dem Event muss man nur manche Online-Kommentare lesen, um zu verstehen, warum er 20 Jahre gewartet hat, um über seine Krankheit zu sprechen. Neben dem üblichen Troll-Hass wird ihm vor allem Kalkül unterstellt: Es gehe ihm nur ums Geld, sein „Outing" solle wieder mehr Spenden in die Life Ball-Kasse spülen. Und selbst WENN? Ist der Kampf um Aufmerksamkeit nicht genau das, was jede Charity immer wieder führen muss, egal ob Licht ins Dunkel oder Life Ball? Es ist ja nicht so, als ob er das Geld für sich privat beanspruchen würde. Für Keszler selbst wird's dadurch vermutlich nicht leichter werden, wie er selbst sagt. „Ich weiß nicht, ob ich diese Gala nächstes Jahr brauche."

Screenshot via ORF TVthek

Nach ziemlich viel ziemlich betretenem Schweigen gibt es dann die Prämierung des besten Kostüms—und die funktioniert heuer einwandfrei, dank Rettungsgasse für Tumler und ungebundenen Nummerntafeln. Nur das wild gewordene Hündchen Pan musste unter Kontrolle gebracht werden, hat aber letztlich auch hingehauen. Gleich danach verscheuchte Tumler alle Nominierten mit einem „Husch-Husch!" auch wieder von der Bühne, um Platz zu machen für Jean-Paul Gaultiers Fashion Show.

Die Models sind fesch, die Promis machen sich gut. Austria's Next Topmodel-Kandidat Damir blieb von den Kommentatoren unerkannt—und vom Rest Österreichs wohl auch. Für die Zuseher auf der Couch ist der Ball-Abend hier zu Ende, für mich geht's im Rathaus weiter.

Weil ich an diesem Abend eine Charlize Theron-Obsession entwickelt habe, folge ich ihr gleich mal in bester Stalker-Manier Richtung Eingang, verliere sie aber schnell im Getümmel wieder. Dita wollte uns auch kein Foto geben. Dafür gab's zu später Stunde ein ESC-Special mit Jedward, Loreen und Conchita Wurst, das in einem „Waterloo"-Singsang gipfelte, das so schlecht klang, dass es fast schon wieder kultig war. (wenn auch nur auf dieselbe Art, wie Frisuren „frech" sein können).

Der Innenhof war wie immer zu einem kleinen Paradies mit gemütlichen Sitzsäcken umdekoriert worden, und wenn man wollte, konnte man sich gar eine Fußmassage—unter anderem von einem sehr heißen Typen—geben lassen. Die Hauptbeschäftigung war dieselbe wie bei jedem Life Ball: Von Location zu Location wandern, staunen, lästern, Küsschen verteilen und sich wundern, wieso jeder nur von Location zu Location wandert, aber nicht tanzt. Keszlers Rede war weiterhin Gesprächsstoff. Und ist es eigentlich immer noch (oder sollte es zumindest sein). Drum spar ich mir zum Abschluss eine sarkastisch-lustige Bemerkung und bin zur Abwechslung einfach nur mal still. Schadet ja vielleicht ab und zu nicht.