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Warum die irrationale Angst vor der Pille gefährlich für unsere Selbstbestimmung sein kann

Immer mehr Österreicherinnen haben Angst vor hormoneller Verhütung. Darum verhüten viele von ihnen gar nicht oder weniger wirkungsvoll.
26.1.16
Titelbild: Surija / "Sray" via flickr

Laut dem aktuellen Verhütungsreport, der im Auftrag des Gynmed Ambulatoriums Wien durchgeführt und herausgegeben wurde, ist die Pille immer noch die beliebteste Verhütungsmethode der Österreicherinnen. Vor allem bei den Unter-30-Jährigen liegt sie nach wie vor auf Platz 1. Auch bei der Frage nach der Zufriedenheit mit dem verwendeten Verhütungsmittel ist die Pille bei den Österreicherinnen ganz klarer Favorit.

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Trotzdem geht die Nutzung in den letzten Jahren insgesamt zurück. Ein Grund dafür ist, dass immer mehr Frauen Angst vor den Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmittel haben. Über zwölf Prozent der Frauen verhüten aus diesem Grund gar nicht oder weniger wirkungsvoll, wie die folgende Grafik aus dem Verhütungsreport zeigt.

Screenshot aus dem aktuellen Verhütungsreport

„So viele Hormone können ja nicht gesund sein", höre auch ich immer wieder von Freundinnen und Bekannten, die der Pille zunehmend skeptisch gegenüberstehen, obwohl sie selbst keine schlechten Erfahrungen damit gemacht haben. Aber wie kommt es zu dieser Angst vor hormoneller Verhütung und ihren Nebenwirkungen?

Vor kurzem hat die Deutsche Felicitas Rohrer den Pharma-Riesen Bayer verklagt. Durch die Einnahme der Anti-Baby-Pille „Yasminelle" habe sie eine Lungenembolie erlitten, so die 31-Jährige. Auch die Schweizerin Céline Pfleger erlitt 2008 eine Lungenembolie und wurde schließlich zum Pflegefall—die Schuld dafür gibt auch ihre Familie der Pille, in diesem Fall dem Produkt „Yasmin". Die Medienpräsenz beider Fälle war enorm. Dass solche omnipräsenten Einzelschicksale bei Frauen, die ebenfalls die Pille einnehmen, schnell dazu führen können, dass man aus Angst vor Nebenwirkungen die eigene Verhütungsmethode überdenkt, ist nur verständlich.

DDr. Christian Fiala, Gynäkologe, Gynmed-Gründer und Initiator des weltweit einzigen Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien, sieht an der Art der Berichterstattung über derartige Fälle ein großes Problem. Die mediale Aufarbeitung ist für ihn eine wesentliche Ursache für die zunehmende Pillenangst unter den Österreicherinnen: „Wir sehen seit etwa 2 bis 3 Jahren zunehmend Frauen, die hormonfrei verhüten wollen, beziehungsweise ohne Pille. Das geht parallel zu den Medienberichten. Die Medienberichte sind emotionalisierend, tragische Einzelfälle werden aus dem Zusammenhang gerissen und isoliert dargestellt, der Kontext der Verhütung und insbesondere die Notwendigkeit, dass sich Frauen bei jedem Verkehr wirksam schützen sollten, wenn sie nicht schwanger werden wollen, werden nicht diskutiert", so Fiala.

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Seine Kritik: „Dafür wird ein reines Fantasieprodukt, die ‚natürliche Verhütung', als reale Alternative dargestellt. So entsteht ein einseitiger Fokus auf die angebliche Gefährlichkeit der hormonellen Verhütung", bemängelt der Arzt. „Jedenfalls ist ganz klar, dass diese Medienberichte bei vielen Frauen dazu geführt haben, dass sie die Pille absetzen und gezielt ohne Hormone verhüten wollen. Dass dies nicht geht, darauf kommen sie erst im Lauf der Zeit und nach ungewollten Schwangerschaften."

Auch Dr. Eva Lehner-Rothe, Gynäkologin in Wien und Baden, nimmt in ihrer Tätigkeit als Frauenärztin wahr, dass die Anzahl der Frauen, die Angst vor den Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmethoden haben, zunimmt: „Vor allem immer mehr jüngere Patientinnen sehen die hormonelle Verhütung nicht automatisch als erste Wahl. Vor einigen Jahren war die Situation noch ganz anders: Das ,Standard Einstiegs-Verhütungsmittel' war damals bei sicher über 90 Prozent aller jungen Frauen die Pille; das ist heute nicht mehr so."

Den Grund für diese Entwicklung sieht Dr. Lehner-Rothe einerseits wie Dr. Fiala in einseitiger Medienberichterstattung, aber andererseits auch im zunehmenden Verantwortungsbewusstsein junger Frauen, die sich laut Dr. Lehner-Rothe immer mehr informieren und auch untereinander austauschen: „Wenn eine junge Frau von einer nicht-hormonellen Verhütung als Alternative zur Pille begeistert ist, dann ist ihre Freundin auch sehr bald dazu bereit, von der Pille auf alternative Methoden umzusteigen."

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Einer der Gründe, warum Frauen oftmals auf die Pille verzichten, ist, dass man durch ihre Einnahme einem erhöhten Thrombose-Risiko ausgesetzt ist—laut Dr. Lehner Rothe ist das Risiko bei Einnahme der Pille vier bis acht Mal so hoch wie ohne. Dass die Thrombose-Wahrscheinlichkeit jedoch ebenfalls erheblich steigt, wenn man schwanger ist, raucht, an Übergewicht leidet, lange in einem Flugzeug sitzt oder bettlägrig ist, wird bei der Diskussion um die Pille gerne vergessen.

Informationen zur Verfügung gestellt von DDr. Christian Fiala. COC steht hier für die Pille, VTE für Thrombose.

„Anstatt Frauen, für die die Pille eigentlich die beste Verhütungsmethode darstellt, beispielsweise dazu zu motivieren, mit dem Rauchen aufzuhören, werden Ärzte umgekehrt dazu angehalten, Raucherinnen keine Pille zu verschreiben. Das ist doch absurd", so DDr. Fiala.

Zuletzt war die Pillenangst 1995 spürbar—damals vor allem in England. Zu dieser Zeit kam es zu einem massiven Rückgang an hormoneller Verhütung und somit zu einer Zunahme an ungewollten Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüchen. Die Folgen der aktuellen Pillenangst sind für DDr. Fiala subjektiv schon wahrnehmbar. In anderen Ländern wie Frankreich sind sie bereits nachgewiesen.

Hier kam es zu einer Zunahme an Schwangerschaftsabbrüchen auf den höchsten Wert seit der Legalisierung der Pille, sowohl in absoluten Zahlen (von 207.120 im Jahr 2012 auf 216.697 im Jahr 2013), als auch in der Rate an Abbrüchen pro 1.000 Frauen im gebärfähigen Alter (von 26,2 im Jahr 2012 auf 26,7 im Jahr 2013). Und das, seitdem die Zahlen der Französinnen, die die Pille einnehmen, zurück gehen.

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Für Dr. Lehner-Rothe ist eine solche Entwicklung ebenfalls eine logische Konsequenz der Pillenangst—ähnliche Folgen wie in Frankreich sind für sie auch in Österreich denkbar. Die Verhütung mit Kondomen werde oft als einfache Alternative zur Pille gesehen, ist in ihrer Wirksamkeit jedoch nicht mit der Pille vergleichbar, wie der Pearl Index, der die Sicherheit von Verhütungsmethoden abbildet, zeigt. Auch Anwendungsfehler bei jungen Menschen, die mit Kondom verhüten, tragen laut Lehner-Rothe dazu bei.

Einige Frauen versuchen als Alternative zur Pille die Kupfer-Spirale, die jedoch oftmals zu einer stärkeren Regelblutung und mehr Regelschmerzen führt, was die betroffenen Frauen selbstredend unzufrieden zurück lässt. Eine Alternative ist auch die Kupferkette, die laut Fiala jedoch häufig ausgestoßen wird oder operativ aus dem Darm entfernt werden muss. Dr. Lehner-Rothe sieht in diesen beiden Alternativen jedoch mögliche Optionen für Frauen, die nicht hormonell und trotzdem sicher verhüten wollen: „Der Trend geht stark in Richtung hormonfreie Langzeitverhütung durch Einsetzen einer Kupferspirale, der Goldspirale oder des sogenannten IUBs" Dabei handelt es sich um eine Schnur mit Kupferperlen, die sich nach Einsetzen in die Gebärmutter zu einem Ball zusammenrollt. „Diese Methoden bieten eine sichere Verhütung auf fünf Jahre—und das ohne Hormonbelastung. Die Sicherheit dieser Verhütungsmethoden entspricht der der Pille."


Die falschen Abtreibungskliniken der USA:


Die Pille und die Tatsache, dass wir selbst über das am besten für uns geeignete Verhütungsmittel entscheiden können, stehen seit jeher für die Unabhängigkeit von Frauen und die Kontrolle über unseren eigenen Körper. Die Pille mitsamt den genannten Alternativen wie der Kupferspirale ermöglicht es uns, zu entscheiden, ob beziehungsweise wann wir schwanger werden wollen, wann wir die Regel bekommen und wie unsere Lebensplanung verläuft. Durch die aktuelle Pillenangst, das Verlassen auf einseitige Medienberichte und indirekte Erfahrungen von Dritten und das oftmals fahrlässige, uninformierte Wählen von Alternativen zur Pille laufen wir Gefahr, diese Kontrolle ein Stück weit wieder abzugeben.

Wie die beiden Standpunkte von DDr. Fliala und Dr. Lehner-Rothe zeigen, gibt es beim Thema Verhütung viele (extreme) Positionen, die man einnehmen kann. Dass man hormoneller Verhütung mit einer gewissen Skepsis begegnet, kann individuelle Gründe haben—sollte aber nicht auf reinem Hörensagen gründen. Als Frau verstehe ich, dass man sich Gedanken über ein Medikament macht, das man täglich einnimmt, und das über Jahre. Natürlich denkt man darüber nach, was man seinem Körper Tag für Tag zuführt, wenn man Geschichten wie die von Felicitas Rohrer hört.

In Bezug auf Entscheidungen, die unseren Körper betreffen, sollten wir jedoch in erster Linie auch auf genau diesen hören, unseren Empfindungen trauen und individuell entscheiden. Wir müssen uns über hormonelle Verhütungsmethoden und Alternativen wie die Kupfer-Spirale informieren und (so pathetisch das auch klingen mag) mit bestem Wissen entscheiden, was das Beste für uns ist. Wenn wir aus Angst ein Thema wie Verhütung auf die leichte Schulter nehmen, riskieren wir dadurch unter Umständen ungewollte Schwangerschaften mit all ihren Konsequenzen. Und das, obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten. Your body, your rules.

Verena auf twitter: @verenabgnr


Titelbild: Surija / "Sray" via photopin (license)