Ermittlungen im ungelösten Mordfall am Enkelsohn von Malcolm X

Malcolm L. Shabazz wurde möglicherweise in einem mexikanischen Stripclub ermordet. Niemand weiß ganz genau, was passiert ist. John L. Mitchell hat mit Malcoms Mutter und mit Miguel, dem Typen, der Malcom zum letzen Mal gesehen hat, gesprochen. Außerdem...

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16 Januar 2014, 7:34am

Malcolm Shabazz, der 28-jährige Enkel von Malcolm X, wurde im vergangenen Mai in Mexico City getötet.

Malcolm L. Shabazz, der 28-jährige Enkel von Malcolm X, überquerte Anfang Mai aus zwei Gründen die Grenze von Kalifornien nach Tijuana. Miguel Suarez, ein Freund und Arbeiterrechtler, war gerade aus der Bay Area abgeschoben worden; Malcolm wollte ihn moralisch unterstützen und irgendwann wieder nach Kalifornien schleusen. Doch Malcolm lief auch vor sich selbst davon. In den USA war er wegen verschiedener Vergehen von einer Verhaftung zur nächsten getaumelt: öffentlicher Alkoholkonsum, Marihuanabesitz, Bagatelldiebstähle. Der Trip nach Süden, so hoffte er, würde ihm Abstand von seiner problematischen Vergangenheit, Zuflucht und Anonymität bieten und ihm helfen, seine Zweifel zu überwinden: Konnte er seiner Rolle als erster männlicher Nachkomme des erbitterten Kämpfers für die Rechte der Afroamerikaner gerecht werden?

Während einer zweitägigen Busfahrt von Tijuana in die mexikanische Hauptstadt tauschten sich Malcolm und Miguel über ihre Erfahrungen aus, genossen die Aussicht und kauften sich unterwegs ihr Essen bei Straßenhändlern in den Kleinstädten. Sie schmiedeten hochtrabende Pläne zur Vereinigung der Schwarzen und Farbigen Lateinamerikas und der USA durch die Verknüpfung des afrikanischen Erbes Mexikos mit Malcolm X’ Botschaft von Selbstverteidigung und Menschenrechten.

Mit anderen Worten: Malcolm und Miguel hatten große Träume. Sie wollten vor den Toren der Hauptstadt die Pyramide von Teotihuacán besteigen und die afro-mexikanischen Gemeinden im Bundesstaat Veracruz kennenlernen. Auch einen Ausflug nach Kuba hatten sie geplant, um sich mit Assata Shakur zu treffen, einer geflohenen ehemaligen Black-Panther-Aktivistin, und vielleicht war sogar ein Besuch bei Fidel Castro drin.

Doch sie kamen nur bis zur Plaza Garibaldi, einem Tummelplatz Kleinkrimineller in Mexico City, wo Mariachis die Touristen quälen und Prostituierte nach Freiern Ausschau halten. Am 8. Mai 2013, einen Tag nach ihrer Ankunft, folgten sie zwei hübschen Frauen in eine schäbige Bar namens Palace Club. Dann liefen die Dinge aus dem Ruder. Wenige Stunden später war Malcolm tot; sein lebloser Körper wurde auf dem Gehweg gefunden.

Die Nachricht ging um die Welt. „Enkel von Malcolm X angeblich in Mexiko verstorben“, schrieb die New York Times am 10. Mai. Doch weder die Zeitungen noch die Polizei oder sonst jemand wusste genau, was in den Stunden vor dem Tod des jungen Malcolm geschehen war. Mexiko ist ein Land, in dem nur wenige Morde in Gefängnisstrafen münden—2012 waren es nur 1,8 Prozent aller Tötungsdelikte. Wir beschlossen, dass es nur eine Möglichkeit gab, der Wahrheit auf die Spur zu kommen: Wir mussten zum Tatort reisen und selbst ermitteln.

Als wir mit unserer Reportage begannen, lagen die Details des Mordes an Malcolm noch im Dunkeln, doch eines war klar. Er und Miguel waren einer in Mexiko berüchtigten Betrugsmasche aufgesessen: Schöne Frauen locken dich in einen Club, machen dich an, lassen sich Drinks spendieren und tanzen stundenlang mit dir. Wenn die Rechnung kommt—zwölf Biere für fast 800 Euro—musst du zahlen, oder du kassierst Prügel.

Doch die Abzocke in der Bar endet normalerweise nicht mit Mord, und als die Meldung vom Ableben des Enkels von Malcolm X sich ihren Weg durch Social Media, Blogs und Nachrichtenagenturen bahnte, wurden alle möglichen Theorien laut. Wurde er von einem Dach gestoßen oder im Palace Club tot geprügelt und dann nach draußen gezerrt? War Miguel, sein Freund und Reisebegleiter, irgendwie darin verwickelt? Es gab sogar Spekulationen, dass Malcolms Tod Teil eines düsteren Regierungskomplotts gewesen sei—so wie es manche auch beim Attentat auf seinen Großvater im Audubon Ballroom in New York City vermuten. Damals, im Februar 1965.

1 Am 1. April wird Malcolm L. Shabazz in einer Bar in South Bend, Indiana, festgenommen, wo er Freunde besuchte. „Amerika frisst mich auf“, sagt er seinem Imam.
2 Er kehrt in seine Heimatstadt im Hudson Valley zurück und fliegt dann nach Los Angeles, wo er seinen Freund Miguel Suarez trifft.
3 Miguel, ein 29-jähriger illegaler Einwanderer und Arbeiterrechtler, wird am 18. April aus Oakland abgeschoben. Malcolm trifft ihn in Tijuana und hofft, dass der Trip nach Süden ihm helfen wird, sich über seine Rolle als Enkel von Malcolm X klarzuwerden.
4 Miguel und Malcolm machen eine zweitägige Busfahrt nach Mexico City. Sie sinnieren über den Plan, Schwarze und Farbige in Mexiko und anderswo zu einen.
5 Am 8. Mai finden sowohl ihre Pläne als auch Malcolms turbulentes Leben ein jähes Ende, als die Abzocke in einer Bar an der Plaza Garibaldi in einer Katastrophe endet.
Grafik: Chris Classens

Bevor wir ernsthaft recherchieren konnten, mussten wir eine Frage beantworten: Wer war Malcolm Shabazz? Geboren wurde er am 8. Oktober 1984 in Paris. Seine Mutter, Qubilah Shabazz, ist die Tochter von Malcolm X. Zu seinem Vater hatte der junge Malcolm nie eine Beziehung. Als Qubilah mit ihrem Sohn in die USA zurückkehrte, wanderte sie von Stadt zu Stadt. Sie zogen nach Minneapolis, wo Qubilah 1995 von einem FBI-Informanten verführt wurde. Er zog sie in ein geplantes Attentat auf Louis Farrakhan hinein—den Anführer der Nation of Islam, den sie und ihre Familie für den Tod ihres Vaters verantwortlich machten. Im Zuge einer Kronzeugenregelung gab sie ihre Beteiligung an dem Komplott zu und verpflichtete sich zu einer psychologischen Behandlung sowie zum Alkohol- und Drogenentzug.

Wie bei vielen anderen Familienmitgliedern von Malcolm X, so war auch bei Malcolm Junior eine Tragödie prägend. Als er zwölf Jahre alt war, lebte er bei seiner Großmutter Betty Shabazz, der Witwe von Malcolm X, in Yonkers, New York. Er steckte die Wohnung versehentlich in Brand. Seine Großmutter wollte den Jungen retten, erlitt dabei Verbrennungen an über 80 Prozent ihres Körpers und verstarb an den Folgen. Im Jugendstrafprozess wegen Brandstiftung wurde Malcolm von Experten als psychotisch und schizophren, aber auch als hochbegabt bezeichnet. Er verbrachte vier Jahre in Jugendarrest.

Im Leake & Watts Children’s Home in Yonkers genoss Malcolm erstaunlich viel Freiheit. 2003 schrieb die New York Times in einem Porträt, er habe sich öfter aus der Anstalt geschlichen und sei nach Middletown gefahren—eine Kleinstadt im Hudson Valley, etwa eine Stunde nördlich. Sie wurde quasi zu seiner neuen Heimat. In jenen Jahren legte er sich den Spitznamen Mecca zu, und dieser Name symbolisiert einen der Widersprüche in Malcolms Jugend. Gerüchteweise deutete der Spitzname auf die Zugehörigkeit zu einer Gang hin, doch Malcolm selbst sagte immer, Mecca sei eine Hommage an die Spiritualität und den Aktivismus seiner Familie.

Malcolm wurde mit 18 Jahren entlassen, kam jedoch in den folgenden Jahren immer wieder wegen Bagatelldelikten in Haft. Erst 2008, mit 24, war Malcolm wieder ein freier Mann und beschloss, das Vermächtnis seiner Familie anzunehmen, anstatt davor davonzulaufen. „Ich bin der Enkel, Namensträger und erste männliche Nachfahre von El-Hajj Malik El-Shabazz“, verkündete er dem Publikum auf politischen Vortragsreisen, die er in jener Zeit machte, und bezog sich dabei auf den selbstgewählten islamischen Namen von Malcolm X.

Doch wohin er auch ging, wurde er mit Fragen zu dem Feuer konfrontiert, das er als Zwölfjähriger gelegt hatte. „Wenn man seine Großmutter verliert, ist das immer schmerzhaft“, sagte er in Philadelphia. „Ich habe meine Großmutter durch mein eigenes leichtsinniges, rücksichtsloses Handeln verloren. Dafür bitte ich um Vergebung, dafür bitte ich weiter um Vergebung, und ich werde dafür immer um Vergebung bitten.“

Malcolm nahm das Vermächtnis seines Großvaters an. Er war im Gefängnis zum Schiiten geworden, hatte nach seiner Entlassung ein Jahr lang in Damaskus gelebt und einen großen Teil des Nahen Ostens bereist. Er besuchte Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien und den Libanon. Er reiste auch nach Saudi-Arabien, pilgerte nach Mekka und trat damit in die Fußstapfen seines Großvaters. Der Hadsch gab seinem Spitznamen eine klarere Bedeutung.

Im Jahre 2011 begegneten sich Malcolm und Miguel im Black Dot Café in Oakland, wo Malcolm eine Rede über den Rassismus in Amerika hielt. Miguel war 1982 in Mexiko geboren worden und zog mit 17 in die Bay Area, wo er jahrelang als illegaler Einwanderer lebte. Er verdiente sein Geld als Bauarbeiter und engagierte sich in seiner Freizeit in der Gewerkschaft.

Nach der Rede machten sich die beiden miteinander bekannt und schlossen schnell Freundschaft. In den folgenden Monaten half Miguel bei der Organisation von Malcolms Auftritten. Er verteilte Flyer und sorgte dafür, dass die Säle mit Publikum gefüllt waren. Malcolm versprach, bei Freunden im Nahen Osten Geld für den Bau einer Moschee zu sammeln, für die Miguel in Oakland ein Grundstück gefunden hatte, und nachts zogen die beiden Männer durch die Clubs. Beide hatten eine wilde Seite, aber auch einen Hang zum politischen Radikalismus—eine Kombination, die ihre Bindung noch verstärkte.

Im selben Jahr, in dem Malcolm Miguel kennengelernt hatte, schloss er sich einer Delegation unter der Leitung der ehemaligen Kongressabgeordneten Cynthia McKinney an und nahm an einer Konferenz in Libyen teil, wo er Muammar al-Gaddafi begegnete. Inzwischen erlangte Malcolm einige Bekanntheit über das Internet: groß, schmal und mit strahlendem Lächeln posierte er auf Fotos, die an die berühmten Bilder seines Großvaters erinnerten.

Im Frühjahr 2013 brach dann allerdings vieles über Malcolm herein. Er hatte sich verlobt, und seine zukünftige Frau war schwanger. Seine Mutter lag im Krankenhaus. Laut Aussage seiner Verlobten nahm Malcolm Medikamente wegen eines blutenden Geschwürs. Zudem waren wegen verschiedener Vergehen mindestens vier Haftbefehle gegen ihn erlassen worden. Im März beschuldigte Malcolm auf seiner privaten Website die Polizei von Middletown, wo er gemeinsam mit seiner Verlobten wohnte, sie würde mit einer Anti-Terrorismus-Einheit des FBI zusammenarbeiten und sowohl ihn als auch seine Freunde schikanieren. Laut Polizeiakten in Middletown wurde Malcolm von August 2012 bis Februar 2013 sechs Mal festgenommen. Die Vorwürfe reichten von häuslicher Gewalt und Ruhestörung über öffentlichen Alkoholkonsum und Nichtbenutzung des Zebrastreifens bis hin zu Bagatelldiebstählen und versuchter Körperverletzung. Hashim Ali Alauddeen, Malcolms islamischer geistlicher Berater in Richmond, Kalifornien, glaubt, die Polizei habe Malcolm vermutlich im Visier gehabt, doch der junge Mann habe darüber hinaus unter innerer Zerrissenheit gelitten. Zu diesem Zeitpunkt bereitete sich Malcolm darauf vor, das Land zu verlassen.

„Es ist nicht so, dass du Muslim wirst, jemand bespritzt dich mit Wasser, und dann bist du perfekt“, sagt Alauddeen. „Das geschieht nicht über Nacht. Vielleicht geschieht es gar nicht, aber darin besteht eben der Kampf. Der größte Dschihad ist der Kampf mit dir selbst.“

Am 1. April wurde Malcolm laut Polizeibericht aufgegriffen, als er, nach Alkohol riechend, um drei Uhr morgens versuchte, die Tür einer Bar in South Bend, Indiana zu öffnen. Er war im Mittleren Westen, um muslimische Freunde zu besuchen. Die Kellnerin hatte Malcolm hinausgeworfen, nachdem er sich ihr angeblich sexuell genähert hatte und das Lokal nicht hatte verlassen wollen.

Er war in der Nähe des Restaurants geblieben und wurde an Ort und Stelle festgenommen und später gegen Kaution freigelassen. Malcolm kehrte nach Middletown zurück und flog kurz darauf nach Los Angeles. Ungefähr zur gleichen Zeit erfuhr er, dass sein Freund Miguel abgeschoben worden war. Malcolm verabredete sich in Tijuana mit Miguel, und sie fuhren gemeinsam nach Mexico City.

„Amerika frisst mich auf“, sagte er zu Alauddeen. Der Imam wollte für Malcolm gerade den Flug in ein muslimisches Land organisieren, als er von dessen Reise nach Mexiko erfuhr.

Im Alter von zwölf Jahren wird Malcolm Shabazz nach einem Prozesstag vor dem Jugendgericht in Yonkers, New York, abgeführt. Er hatte ein Feuer gelegt, bei dem seine Großmutter starb. Experten beschreiben ihn in diesem Prozess als psychotisch und schizophren, aber auch als hochbegabt.

Knapp einen Monat nach dem Mord händigte Miguel uns Malcolms persönliche Gegenstände aus, und wir übergaben sie an Qubilah Shabazz, Malcolms Mutter. Sie lebt sehr zurückgezogen in einem Dorf in den Catskill Mountains, im Bundesstaat New York, und sie hatte bisher alle Interviewanfragen nach dem Mord an ihrem Sohn abgelehnt. Allerdings war sie bereit, sich mit uns in einem Diner in der Nähe ihres Hauses zum Frühstück zu treffen.

Qubilah ist Heilmasseurin. Sie hat sich ihre Isolation bewahrt, indem sie intime Details ihres Lebens unter Verschluss hält. Malcolm X hatte die zweite seiner sechs Töchter nach Kublai Khan benannt, dem Enkel Dschingis Khans. Im Alter von vier Jahren erlebte sie mit, wie ihr Vater ermordet wurde—und sie erinnert sich bis heute daran.

Malcolms zwei kleine Rucksäcke waren vollgepackt mit leichter Kleidung, Toilettenartikeln, Handys, einem Koran, einer Bibel, einer Einführung ins Freimaurertum, und einem kleinen, burgunderroten Gebetsteppich, was eher zu einer spirituellen Klausur als zu einer Sauftour nach Mexico City passt.

Im Restaurant erzählt uns Qubilah, sie sei überzeugt, dass Miguel Informationen über den Mord unterschlage. Dennoch frage sie sich, inwiefern ihr Sohn selbst zu seinem Tod beigetragen habe.
„Mein Sohn ist gestorben, weil er sich selbst überfordert hat“, sagt sie leise.

Qubilah lehnte Malcolms Auslandsreisen und seine Begegnungen mit internationalen Persönlichkeiten ab. Sie missbilligte die gestellten Fotos, mit denen er die klassischen Bilder von ihrem Vater nachahmte, in einem 60er-Jahre-Anzug, mit einem Gewehr in der Hand, vor einem Fenster.

Malcolm X wusste sich vor Risiken zu schützen—oder zumindest wusste er, Grenzen zu ziehen. Er saß nie mit dem Rücken zur Tür, und dennoch wurde er, ohne Vorwarnung, vor den Augen seiner Tochter niedergeschossen und aus dem Leben gerissen. „Man kann nicht jedem trauen“, sagt sie zu uns. „Eigentlich kann man niemandem trauen.“

Ein Jahr nach Malcolms Freilassung aus dem Gefängnis, nach seiner Nahostreise und seiner Wandlung zum politischen Aktivisten, bat Qubilah den Journalisten A. Peter Bailey, der bei der Beerdigung von Malcolm X zu den Sargträgern gehört hatte, mit ihrem Sohn im Hinblick auf mögliche Probleme zu sprechen. Peter erinnert sich an ein Telefonat mit Malcolm: „Lass dich nicht von anderen Leuten benutzen. Lerne von deinem Großvater“, riet er ihm. „Du musst dir ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr Zeit nehmen und so viel wie möglich über deinen Großvater lernen.“ Malcolms Enkel habe „Potenzial“ gehabt, hätte aber Zeit gebraucht, um sich zu entwickeln.

Als wir im Diner sitzen, blickt Qubilah auch auf ihre eigene Kindheit zurück und erinnert sich daran, dass ihr Pate, der renommierte Fotograf Gordon Parks, ihre fehlenden Gefühlsäußerungen nach dem Tod ihres Vaters für mangelnde Trauer hielt. Diese Introvertiertheit gab ihr Kraft, als sie gebeten wurde, sich die übel zugerichtete Leiche ihres Sohnes anzusehen, bevor Alauddeen die traditionelle muslimische Leichenwaschung durchführte und im islamischen Kulturzentrum von Oakland die Beerdigung vorbereitete. Die meisten Männer im Raum brachen zusammen und weinten, als sie die Leiche sahen. „Qubilah ist stark geblieben“, sagt Alauddeen. „Sie war ein Soldat. Sie hat uns Kraft gegeben.“

Vor dem Diner herrscht betretenes Schweigen, als wir die Habseligkeiten ihres Sohnes in den Kofferraum ihres betagten Cadillacs packen—als hätte die Ankunft der beiden Rucksäcke aus Mexiko Malcolms Tod irgendwie noch endgültiger gemacht und das Scheitern seines Strebens nach Erlösung besiegelt.

Auf dem Ferncliff Cemetery in Hartsdale, New York, ist Malcolms Grab sechs Monate nach der Beerdigung immer noch namenlos. Er liegt ganz in der Nähe seiner Großeltern begraben.

Malcolms Mutter, Qubilah Shabazz, lebt im Bundesstaat New York und spricht in der Öffentlichkeit kaum über den Tod ihres Sohnes oder über den Mord an ihrem Vater, Malcolm X.

Nach dem Mord an Malcolm verhörte die Polizei Miguel, der zu den Ersten gehörte, die Malcolms Leiche auf dem Bürgersteig vor dem Palace Club entdeckten. Miguel sagte den Behörden, er habe die eigentliche Tat nicht gesehen. Er sei, wie Malcolm, schlicht und einfach einer Abzocke zum Opfer gefallen und habe Glück gehabt, lebend aus dem Club herauszukommen. Nach der Vernehmung floh er aus Mexico City und versteckte sich im Heimatort seiner Familie im Bundesstaat Veracruz.

Wir fanden Miguel durch Befragung eines Taxifahrers, der ihn in jener Nacht durch Mexico City gefahren hatte. Er konnte uns Miguels Nummer geben, da er Miguel sein Handy geliehen hatte, um dessen Vater in Veracruz anzurufen. Wir riefen Miguel an und verabredeten uns in der Heimatstadt seines Vaters, die wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen sollen. Er sagte, auch andere Medien hätten ihn kontaktiert, aber mit uns würde er sich treffen, weil er uns vertraue. Er wollte die ganze Geschichte aus seiner Sicht erzählen. Wir sprachen einen ganzen Tag lang mit ihm und holten Malcolms Rucksäcke einige Tage später ab.

Bei unserer ersten Begegnung, zehn Tage nach Malcolms Tod, erfuhren wir, dass Miguel Morddrohungen erhalten hat und als Komplize beschuldigt wird. Manche Leute forderten ihn sogar auf, sich umzubringen.

„Wenn sie Krieg wollen, dann können sie Krieg haben“, meinte er. „Das ist nämlich nicht fair, Mann. Das ist echt nicht fair.“

In seiner Version der Ereignisse fing der schicksalhafte Abend damit an, dass Malcolm und er sich eine billige Flasche Mezcal teilten, die sie auf der Busfahrt von Tijuana nach Mexico City gekauft hatten. Sie kamen an der Plaza Garibaldi an, mitten im Gewirr aus Touristen, Mariachis und Straßenhändlern. Ein Bekannter von Miguels Familie hatte sie dort zum Abendessen eingeladen, und da sie früh dran waren, warteten sie im einzigen edlen Gebäude am Platz: im modernen, mit Glas verkleideten Tequila- und Mezcal-Museum.

Die Plaza Garibaldi, die sich im Herzen von Mexico City über einen halben Häuserblock erstreckt, wurde von gespenstischem Neonlicht beschienen. Die jahrelangen Versuche der Regierung, den Platz zu sanieren, hatten nicht gefruchtet. Musiker streunten über die Gehwege auf der Jagd nach Trinkgeldern. Discobeleuchtung schien aus den verfallenen Bars, die allgemein als Horte der Prostitution bekannt sind. Miguel sagte, er habe mit Malcolm im Museum diverse Tequila bestellt und später in einem Freiluftrestaurant Bier getrunken und zu Abend gegessen.

Gegen Mitternacht wollten die beiden zurück ins Hotel. Ein mit Miguel befreundeter Architekt wollte sie früh am nächsten Morgen abholen und mit ihnen zu den Pyramiden fahren. Diese Exkursion war einer der Anlässe für den Trip nach Süden gewesen. Miguel sagte uns, Malcolm habe das berühmte Foto seines Großvaters vor der Pyramide von Gizeh nachahmen wollen.

Straße vor dem Palace Club, wo man Malcolm und Miguel eine überhöhte Rechnung präsentierte, nachdem sie von Frauen angelockt worden waren, die sie ein paar Stunden zuvor kennengelernt hatten. Foto: Eunice Adorno

Als die beiden gerade gehen wollten, kamen zwei blonde Mädchen auf sie zu. „Sie haben gesagt, sie kämen von außerhalb“, erinnert sich Miguel, „und man hätte ihnen eine nette Lounge empfohlen.“ Die Lounge war der Palace Club, im ersten Stock eines Gebäudes auf der anderen Seite des Eje Central, einem der großen Boulevards der Stadt. „Ich sehe Malcolm an“, schilderte Miguel, „und er grinst breit: ‚Wir gehen mit’, und ich antworte: ‚OK.’ Zu meinen Freunden habe ich immer gesagt: ‚Wie kann ich dem Enkel von Malcolm X etwas abschlagen, Mann?’“

Miguels Schilderung der Ereignisse ist bis zu diesem Punkt schlüssig, und niemand, mit dem wir gesprochen haben, bezweifelt ernsthaft die Details. Doch dann, als er und Malcolm den Frauen in die Bar folgen, gibt es zwei unterschiedliche Versionen—je nachdem, wem man zuhört.

Miguels Version wird gestützt von der Staatsanwaltschaft und einem Zeugen aus der Bar, dem wir Anonymität zusichern mussten. Demnach gingen die beiden Männer mit den Frauen in den Palace Club. Miguel sagte, sie hätten ihre Pässe vorzeigen müssen und sich damit als US-Amerikaner zu erkennen gegeben. (Obwohl Miguel abgeschoben wurde, besaß er immer noch einen kalifornischen Ausweis.) Sie bestellten zwei Eimer Bier mit jeweils sechs oder acht Flaschen, wünschten sich Songs beim DJ und tanzten mit den Frauen.

Gegen drei Uhr morgens bekam Miguel die Rechnung, die sich nach seinen Angaben auf 11.800 Pesos belief—umgerechnet etwa 700 Euro. Laut dem Zeugen habe jedes Bier, das sie den Frauen ausgegeben hätten, 400 Pesos gekostet (25 Euro). Jeder Musikwunsch wurde mit 25 Pesos berechnet (1,50 Euro). Das Privileg, allein mit den Frauen zu tanzen, kostete 4.200 Pesos (250 Euro).

Miguel hatte gehofft, die Frauen mit ins Hotel nehmen zu können, das in der Nähe der Basilika der Jungfrau von Guadeloupe lag. Dass es sich um Mitarbeiterinnen der Bar handelte, die an dem Betrug beteiligt waren, wusste er nicht. Miguel sagte, er habe zunächst geglaubt, die Rechnung solle ein Scherz sein. Als dann der langhaarige, „spanisch aussehende“ Kassierer die Zahlung einforderte, beschwerte sich Miguel über die Abzockmethoden. An einer Fensterfront mit Blick auf den Eje Central tanzte Malcolm mit einer der Frauen und merkte nichts von dem aufkeimenden Konflikt.

„Sie wurden stinkig, als ich meinte, das wäre Wucher, und dass ich echt traurig bin, was aus meinem Land geworden ist.“ Plötzlich, so Miguel, sei ein kleiner, muskulöser Mann mit einer kleinen Pistole aufgetaucht.

„Hier“, sagte er, womit er offenbar Mexiko meinte, „hier habt ihr zu bezahlen.“ Inzwischen drehte ein anderer Mann mit Gelfrisur Miguel den Arm auf den Rücken. Miguel sagte, er habe die beiden Männer vorher nicht gesehen. Sie drängten ihn in eine enge Garderobe in der Nähe des Ausgangs und hielten ihm die Kanone an den Kopf.

Hier gehen die Schilderungen auseinander. Der Zeuge, den wir interviewt haben, meinte, nur der kleine Mann sei Miguel entgegengetreten, aber er habe keine Waffe gehabt, sondern Miguel nur in die Garderobe geschoben.

Marco Enrique Reyes Peña, der für die Ermittlungen zuständige Staatsanwalt, sagte uns, dass auf der Basis von Zeugenaussagen zwei Kellner verhaftet worden seien: Daniel Hernández Cruz und Manuel Alejandro Pérez de Jesus. Seine Behörde fahnde nach zwei weiteren Männern, die in den Mord verwickelt seien. Und er deutete an, dass es sich dabei um die Männer handle, die Miguel in die Garderobe gedrängt hätten.

Miguel Suarez, der gemeinsam mit Malcolm in Mexico City war, ist nach dem Mord untergetaucht.

Während Miguel von der Garderobe aus nicht sehen konnte, was in der Bar geschah, meinte unser Zeuge, der kleine Mann habe sein Hemd ausgezogen und sei Malcolm gegenübergetreten, der entweder high oder betrunken gewesen sei. Malcolm sprach nur wenige Worte Spanisch, und der Zeuge hörte den Mann kein Englisch sprechen.

Spätere Tests ergaben bei Malcolm einen Blutalkoholgehalt von 267,82 Milligramm. Dieser Wert reicht aus, um die Motorik eines durchschnittlichen Erwachsenen stark zu beeinträchtigen. Dennoch, so der Zeuge, habe es Malcolm irgendwie geschafft, quer über die Tanzfläche zum Notausgang zu laufen; der kleine Mann habe ihn verfolgt.

Die Angestellten der Bar gaben später zu Protokoll, dass Malcolm über zwei Treppen auf das Dach des Hauses gestiegen sei und entweder zwei Stockwerke tief auf den Bürgersteig gefallen oder gestoßen worden sei. Als wir das Gebäude Monate nach dem Vorfall in Augenschein nahmen, fiel uns eines auf: Falls Malcolm den Notausgang genommen hatte, war er genau dort herausgekommen, wo die Treppe in den zweiten Stock und dann aufs Dach führte. Seine einzige andere Chance wäre die Flucht über eine andere Treppe auf die Straße gewesen. Doch dann hätte er erst den Flur entlang um den Eingang des Palace Club vorbeilaufen müssen, wo die Angreifer auf ihn hätten warten können.

Was mit Malcolm passiert ist, während Miguel in der Garderobe gefangen war, ist vielleicht der Punkt, an dem es die größten Unterschiede in den Schilderungen gibt, und die Kernfrage des Kriminalfalls. Miguel gab an, er sei ungefähr zehn Minuten dort gewesen, mit einer Schusswaffe am Kopf. Weder er noch die Mitarbeiter der Bar haben gesehen, was passiert ist.

Der Staatsanwalt erklärte, die Autopsie habe als Todesursache Verletzungen der Rippen, des Kiefers und vor allem der Schädelrückseite ergeben. Diese Wunden deuten eher auf heftige Schläge mit einem stumpfen Gegenstand hin, und nicht auf einen Sturz vom Dach.

Weiterhin führte der Staatsanwalt aus, dass sich der Übergriff laut Aussage des inhaftierten Kellners innerhalb der Bar abgespielt habe, und dass Malcolms Leiche später nach unten auf den Gehweg gebracht worden sei, wo sie vor einem benachbarten Gay-Club abgelegt wurde. Zur Verwirrung trägt ein Kellner bei, der laut Staatsanwalt nach seiner Festnahme zunächst ausgesagt habe, dass Malcolm vom Dach gesprungen sei. Damit widerspricht er der Schilderung des anderen Kellners, der sagte, die Prügelei habe in der Bar stattgefunden. Die Staatsanwaltschaft kam schließlich zu der Erkenntnis, dass die erste Aussage falsch gewesen sei.

Während der Konfrontation räumten die Gäste den Palace Club. Die Leute eilten in die Garderobe (wo Miguel festgehalten wurde), um ihre Sachen abzuholen. Miguel gab an, dass ihm in dem Tumult die Flucht gelungen sei, und dass er weder Schläge noch Schreie gehört habe. Als die Bar sich leerte, habe er Malcolm gesucht, allerdings habe er nur dessen Pass gefunden, der in der Nähe des Ausgangs auf der Couch lag, wo die beiden gesessen hatten.

Als er die Straße erreichte, habe Miguel es für möglich gehalten, dass Malcolm ebenfalls die Bar verlassen habe und durch die Gegend laufe. Er überquerte den Eje Central und rief sich ein Taxi. Der Fahrer sagte ihm, dass Malcolm vor der Bar liege. Als Miguel seinen Freund fand, war dieser noch bei Bewusstsein und stöhnte: „Bring mich hier weg, Alter.“

„Ich hab ihn genommen und auf mein Knie gelegt“, erinnert sich Miguel. „Ich hab ihm die Brust gerieben, das Blut abgewischt und gesagt, dass alles gut wird. Dann hab ich geschrien: ‚Was ist passiert? Wer hat das meinem Freund angetan? Na los, hat denn keiner was gesehen?’“

Der Staatsanwalt sagte, die Ermittler hätten niemanden gefunden, der bezeugen könne, wie Malcolm auf den Gehweg gekommen war. Wir haben mit Mariachis, Parkwächtern und Straßenhändlern in der Nähe der Bar gesprochen. Alle sagen, sie hätten nichts gesehen.

Schließlich kam ein Rettungswagen und brachte Malcolm ins Hospital General Balbuena, gut sechs Kilometer von der Plaza Garibaldi entfernt. Obwohl mehrere Krankenhäuser näher am Palace liegen, kam Malcolm ins Balbuena, in der Nähe des Flughafens von Mexico City, weil dessen Rettungswagen zuerst den Tatort erreichte. Das Krankenhaus hat jeden Kommentar über den Fall abgelehnt und uns an den Gesundheitsdezernenten der Stadt verwiesen, der sich allerdings ebenfalls nicht äußern wollte.

Miguel berichtete uns, dass eine Schwester im Krankenhaus ihm gesagt habe, Malcolms Zustand sei stabil. In der Klinik gab es nirgends einen Warteraum, also beschloss Miguel, mit einem Taxi zurück ins Hotel zu fahren, um das Gepäck zu holen. Als er ein paar Stunden später wieder in die Klinik kam, war Malcolm verstorben.

Das anonyme Grab von Malcolm Shabazz in Ferncliff, New York. Sein Großvater und seine Großmutter sind auf demselben Friedhof begraben. Fotos: Christian Storm

In den fünf Monaten seit Malcolms Tod hat die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben etwa 20 Zeugen über den Fall befragt und mindestens vier Mal die Bar aufgesucht. Der Palace wurde nach dem Vorfall geschlossen. Dennoch haben die Behörden den Besitzer nicht festgenommen, und laut Staatsanwaltschaft sind die Aufnahmen der Überwachungskameras, die viel zur Klärung des Falls beitragen könnten, auf unerklärliche Weise verschwunden, bevor die Polizei den Tatort sichern konnte.

Inzwischen warten die verhafteten Kellner im östlichen Gefängnis von Mexico City auf ihren Prozess. Ihre Pflichtverteidiger lehnen jeden Kommentar ab.

Miguel sagte, er habe seit dem Tag des Mordes nicht mehr mit den Behörden gesprochen und sei auch nicht aufgefordert worden, bei einer Gegenüberstellung jemanden zu identifizieren. Miguels Heimatort liegt mehrere hundert Kilometer von Mexico City entfernt. Laut Staatsanwalt gab es einen Versuch, die Ermittler zu Miguel nach Hause zu schicken, doch man habe ihn nicht angetroffen. Miguels Aussage, die er wenige Stunden nach dem Verbrechen gemacht hatte, sei in Verbindung mit den Aussagen der Zeugen vom Tatort ausreichend, um Anklage gegen die Kellner zu erheben.

Als wir Veracruz verlassen wollten und uns von Miguel verabschiedeten, betonte er noch einmal, nichts mit dem Mord zu tun zu haben. Schließlich seien Malcolm und er enge Freunde und Genossen gewesen. Zum Beweis erinnerte Miguel an eine emotionale Nacht in Kalifornien, als er und Malcolm noch mit dem Gedanken spielten, eine Moschee zu eröffnen, um dort Schwarze und Latinos zu einen. Nach einer durchfeierten Nacht in Oakland holte Malcolm einen iPod mit Mini-Lautsprechern aus der Tasche und spielte eine seltene Aufnahme von der Ermordung seines Großvaters ab, während er unter Tränen gestand, wie sehr ihn das Vermächtnis seiner Familie unter Druck setzte. Als die Stimmen und die Schüsse zu hören waren, sagte Malcolm zu Miguel, er solle ihm nicht ins Gesicht schauen.

Zeichnungen: Esra Røise
Übersetzung: Frank Sahlberger