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„1.000 bis 3.000 Menschen sterben pro Jahr unnötig in Schweizer Spitälern“

Spitalinfektionen, Medikamentenfehler und Fehler im Operationssaal—durch Patientenschutz könnten diese Toten verhindert werden.
26.2.15
Foto von Benjamin von Wyl

Der Gesundheitsökonom Heinz Locher provoziert gerne—sofern Provokation angebracht ist. Früher hat er sich unter anderem gegen die „Blockadepolitik" der Santésuisse gewehrt und deshalb einen zweiten Krankenkassenverband gegründet oder gegen die Einflussnahme der Pharmaindustrie auf Ärzte. Locher äussert sich so pointiert, dass auch der Beobachter solche Titel setzt „Wie sich Ärzte von der Pharma kaufen lassen".

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Als die neue Rauchstopp-Kampagne des BAG (Bundesamt für Gesundheit) präsentiert wurde, sagte Locher der 20 Minuten, dass Raucherprävention ein Luxusproblem sei. Tausende Menschen würden jährlich in Schweizer Spitälern sterben, weil der Patientenschutz zu schlecht sei.

Plakat zur Verfügung gestellt vom Bundesamt für Gesundheit

Ich habe mich mit Heinz Locher getroffen, um über Pfusch und Rückständigkeit im Gesundheitswesen zu sprechen und darüber, warum Rauch-Präventionsplakate überhaupt umstritten sind:

VICE: Sie sind Gesundheitsökonom. Was tun Sie eigentlich?
Heinz Locher: Als Gesundheitsökonom ist mein Masstab das Verhältnis zwischen den vorhandenen Ressourcen und dem Outcome, der Qualität des Outcomes. Dies und mein liberales Bild vom Menschen als autonomer, handelnder Mensch geben mir das Fundament, um mir eine pointierte Meinung zu leisten. Darum äussere ich mich in den Medien und darum lehne ich auch gewisse Beratungsmandate ab. Ein bedrohtes Spital wollte mir das Mandat geben, um ihren Überlebenskampf zu stützen. Ich antwortete: „Ich bin der Meinung, das euer Spital verschwinden muss und darum übernehme ich das Mandat sicher nicht."

Zur neuen Rauchstopp-Kampagne des BAG haben Sie sich auch eine Meinung geleistet.
Genau. Ist es die Rolle des Staates Millionen für etwas wie die Raucherpräventions-Kampagnen zu zahlen? Wir haben Beamte, deren Job die Tabakbekämpfung ist. Es gibt eine Werbelobby, die von diesen Kampagnen gut lebt. Es ist ein falscher Einsatz von Mitteln. Denn gleichzeitig sterben jährlich unnötigerweise 1000 bis 3000 Leute in Schweizer Spitälern: An Spitalinfektionen, Medikamentenfehlern—da gibt es alles: Falsches Medikament! Falscher Patient! Falsche Dosierung! Nebenwirkungen!—oder an Fehlern im Operationssaal wegen fehlenden Checklisten.

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Foto von Tomasz Sienicki; Wikimedia Commons; Public Domain

Es gibt keine Checklisten im Operationssaal? Auch bei VICE haben wir Checklisten für die Artikelformatierung.
Chesley Sullenberger, der Pilot, der den Flieger auf dem Hudson River gelandet hat, macht jetzt Healthcare-Consulting. Das ist darum interessant, da die Zivilluftfahrt Ende 80er genau dieselben Probleme hatte wie das Gesundheitswesen heute. In der Analyse hatte sich gezeigt, dass die Unfallpiloten nicht einfach betrunken geflogen sind, sondern es ging darum, dass Piloten als „Götter und Helden" betrachtet wurden und sich ihre Co-Piloten dementsprechend verhielten.

Ein berühmtes Beispiel für das gleiche Problem im Gesundheitswesen: Professor Turina hat bei einer Herztransplantation die falsche Blutgruppe erwischt. Der Oberarzt bemerkte das, aber sagte nichts, da er sich vor dem Zusammenschiss fürchtete. Wenn der Chef sagt: „Es ist A!" Dann ist es A. Im OP-Saal gibt es bis heute eine sehr starke Hierarchie.

Foto von Ikiwaner; Wikimedia Commons; CC BY-SA 3.0

Der Vergleich zwischen Ärzten und Piloten trifft ja deshalb einen Punkt, da beide Berufe vor einem halben Jahrhundert enorm prestigeträchtig waren.
Man sagt, das Spital hinkt in den Abläufen etwa 30, 40 Jahre hinter den Entwicklungen in der Wirtschaft hinterher. Das Rechnungswesen, das man jetzt einführt ist auf dem Stand, den ich als Student 1967 hatte. Ich habe die Zeit noch erlebt, in der das Spital Emmental eigene Schweine hielt und einen Räucherkamin gebaut hat, um selbst Würste zu machen. Das Gesundheitswesen ist in verschiedenster Hinsicht rückständig. Und einer dieser Punkte ist eben die Transparenz in Bezug auf Patientensicherheit.

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Foto von Manzanar War Relocation Center; Wikimedia Commons; Public Domain

Aber am Rauchen sterben laut BAG 9000 Personen jährlich. Ist das denn kein Thema, das eine Kampagne rechtfertigt?
Das ist umstritten, denn die Frage ist ja, wieviel Leute man vom Rauchen wegbringt. Kann man denn die 9000 Raucher-Toten—die Zahl stammt vom BAG – verhindern? Die Toten von Spitalinfektionen kann man verhindern. Dort wo es viel relevanter wäre, versteckt man die Information und beim anderen macht man sexy Plakatwerbung. Der Wert als Patient von Fehlern geschützt zu sein, ist bedeutender, aber mein mögliches Fehlverhalten—ich bin ex-Raucher seit über 30 Jahren—wird verteufelt. Aus meiner Sicht ist es auch ethisch bedenklich, dass man das Schwerwiegendere nicht beleuchtet. Einer Fluggesellschaft, die dauernd Abstürze hat, wirft man auch nicht vor, dass sie schlechten Kaffee serviert.

Anscheinend hat Bundesrat Berset ja angekündigt, ein Institut zur Qualitätssicherung zu eröffnen.
Die Grundlage dafür steht schon seit 20 Jahren im KVG (Krankenversicherungsgesetz): Es gab parlamentarische Vorstösse, einen Bericht der parlamentarischen Geschäftsprüfungskommission und der war vernichtend, also „Auftrag nicht erfüllt".

Foto von Swiss Federal Assembly; Wikimedia Commons; Public Domain

Wie würden denn solche Massnahmen zur Qualitätssicherung denn aussehen?
Es wäre darum gegangen, dass man transparent Leistungen erfasst, Qualität misst und publiziert, aber das Qualitätssicherungsinstitut ist vom Tisch. Faktisch, das zeigen die bekannt gewordenen Vernehmlassungsantworten. Noch nicht offiziell, aber die Todesfeststellung kommt wahrscheinlich diesen Frühling. Für das Qualitätsinstitut soll es kein Geld geben, aber man hat 9 Millionen—wiederkehrend—für Tabak. Das Gesundheitswesen ist die Dunkelkammer der Nation. Es gibt nicht mal Daten zur genauen Anzahl der Toten, die im Spital unnötig sterben.

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Es ist schon absurd. Man kann sich staatlich Methadon abgeben lassen und das wird erfasst. Die Gesellschaft sorgt sich darum, dass man unter fast allen Umständen lebenswürdig existieren kann. Aber dann geht man ins Spital und stirbt aus dummen Gründen und das wird dann nicht mal statistisch erfasst.
Auf der Homepage vom BAG gibt es eine PDF-Datei aus dem Jahr 2012—neuere gibt es nicht—wo alle Arten Eingriffe, die Anzahl der Eingriffe und die Sterberate auf Krankenhäuser verteilt gelistet sind. Aber der Link zum PDF hat eine dreizeilige URL. Wenn man sich die Mühe macht, das anzuschauen, sind die Daten skandalös: Ein gewisses Spital nimmt einen bestimmten Eingriff weniger als zehn Mal pro Jahr vor und die Anzahl der Todesfälle nach den Eingriffen ist 1,7-mal höher als die zu erwartende Anzahl nach der Risikolage. Da sagt und weiss niemand was.

Foto von Benjamin von Wyl

Wie könnte man den Patienten vor Fehlern schützen? Plakate helfen da ja wohl nicht so weit.
Nein, ich rede von Schliessung von Spitälern! Das BAG kann laut dem Krankenversicherungsgesetz entscheiden, dass Kliniken, die keine Meldungen zu Transparenz und Qualität machen, nicht mehr zu Lasten der Krankenversicherung arbeiten können. Grade kürzlich wurde bekannt, dass Krankenkassen auf einer Homepage bestimmte Angebote für alte Leute unterschlagen hatten. Das ist eine absolute Schweinerei. Und wie reagiert das BAG? Die Namen der Krankenkassen werden nicht veröffentlicht. Es gibt da kein Verständnis für Transparenz, auch wenn es um Tote geht.

Benj auf Twitter:@biofrontsau

Vice Switzerland auf Twitter: @ViceSwitzerland