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The True Crime Issue

Tatorte

Es ist 1:30 Uhr, wir rasen mit 140 km/h den Expressway herunter. In der Nähe der West 63rd Street und der South Austin Avenue ist gerade jemand erschossen worden, wie wir aus den Twittermeldungen der Geeks erfahren haben, die den Polizeifunk abhören...
1.12.14

Eine Frau wird von der Polizei verhaftet, weil sie in der Nähe einer Schießerei einen Streit angefangen hat. Fotos von Alex Wroblewski/Chicago Sun-Times

Es ist der 5. Juli um 1:30 Uhr nachts und wir rasen mit 140 km/h den Expressway herunter. In der Nähe der West 63rd Street und der South Austin Avenue ist gerade jemand erschossen worden, wie wir aus den Twittermeldungen der Geeks erfahren haben, die den Polizeifunk abhören, aber auch aus unserem eigenen Abhörgerät, das wir für 50 Dollar bei RadioShack gekauft haben und das auf einen der vielen Funkkanäle der Chicagoer Polizei eingestellt ist. Das Gerät knattert schon den ganzen Abend die Meldungen atemloser Cops heraus, die die Adressen und den Zustand von Opfern durchsagen.

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Im Fahrersitz sitzt Alex Wroblewski, ein 27 Jahre alter Fotograf, der im Auftrag der Chicago Sun-Times arbeitet und seine Sommerwochenenden damit verbringt, die Nachrichten mitzuhören, die aus den billigen Lautsprechern des Abhörgerätes dringen, um dann noch vor allen anderen an den Tatorten zu sein und an die unverfälschtesten Aufnahmen zu kommen. Außer ihm ist noch der ebenfalls bei der Sun-Times angestellte Sam Charles mit dabei, der die Aussagen der Cops oder Opfer, auf die sie treffen, festhalten soll. In den zwölf Stunden, die ich an diesem Independence-Day-Wochenende mit Alex verbringen werde, werden wir an Dutzende Tatorte fahren und dennoch nur einen Bruchteil der blutigen Gewalttätigkeiten zu sehen bekommen, die sich in dieser Stadt ereignen werden. Vom Donnerstagabend bis zum Montagmorgen werden 82 Bewohner Chicagos angeschossen werden und 14 ums Leben gekommen sein, darunter fünf Personen—einschließlich zweier Jungs von unter 17 Jahren—die die Polizei erschießen wird, weil sie sich bedrohlich verhalten oder weigern, ihre Pistolen fallen zu lassen. Die Stadt, die von manchen als „Chiraq", eine Kombination aus Chicago und Irak—ein Begriff bei dem Alex und Sam stöhnen müssen—bezeichnet wird, macht eine schlimme Zeit durch.

„‚Chiraq' ist ein Begriff, der von vielen Leuten in dieser Stadt völlig fälschlicherweise mit Stolz gebraucht wird", sagt Sam. „Es ist unserer Stadt gegenüber respektlos, und den Menschen im Irak gegenüber auch." Zu viele dumme Medien und Publikationen von außerhalb der Stadt, darunter ehrlich gesagt auch VICE, haben den Begriff nachgeplappert und so dafür gesorgt, dass er an Glaubwürdigkeit gewonnen und sich dauerhaft durchgesetzt hat.

Sam, ein in Chicago geborener 24-Jähriger, kann nicht so oft durch die Straßen ziehen, wie er gern würde. Normalerweise steckt er in der aktuellen Nachrichtenredaktion der Sun-Times fest. Aber heute Nacht ist er unterwegs, um „die Seele des Ganzen festzuhalten", wie er es ausdrückt, während zwei Kollegen in der Redaktion mit der Pressestelle der Chicagoer Polizei zusammenarbeiten, um offizielle Statements, Statistiken und die Zahl der Toten und Verletzten zusammenzutragen.

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„Es ist Scheiße, dass diese Stadt so gewalttätig ist", sagt Sam. „Aber das sind die Dinge, mit denen man Schlagzeilen macht." Die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm in den USA ist in Chicago besonders sichtbar, wo die Gewalttaten, die die Zeitungsschlagzeilen füllen, sich fast ausschließlich in den wirtschaftlich schwachen Stadtteilen abspielen. Die wohlhabenden weißen Wohnviertel im Norden der Stadt sind dagegen relativ sicher und weitgehend von den schmerzhaften Vorkommnissen des Westens und Südens abgeschottet.

Den ersten Tatort des Abends erreichten wir gegen 18 Uhr, ein paar Minuten, nachdem ein 18-jähriger Mann in West Englewood, einer der gewalttätigsten Gegenden der Stadt, von einer Kugel in den Bauch getroffen wurde. Bei einer lauten Blockparty nicht weit davon schossen Kids auf der Straße Feuerwerksraketen in die Luft und wurden dabei nur mit viel Glück nicht von den umherfliegenden Splittern der aus Flaschen abgefeuerten Raketen verletzt.

„Hier gibt es nichts", sagte Alex über West Englewood. „Keine guten Schulen, keine Jobs, keine Läden, nichts."

Es gibt hier auch keine Weißen, was von der in Chicago de facto seit Jahrzehnten existierenden Rassentrennung zeugt. An den meisten Tatorten sind Alex, Sam und ich die einzigen Weißen, die keine Polizeiuniform tragen. Die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen liegen direkt an der Oberfläche. Ein Polizist sagte uns, dass wir uns vom District 7 fernhalten sollten, weil „die Schwarzen da sehr aggressiv sind, und ihr drei weiße Gesichter seid".

Vor einem Wohnhaus heulte ein Junge, während sein Vater abgeführt wurde, und flehte die Cops an: „Officer, darf ich meinen Vater bitte noch einmal umarmen?" Die Polizisten sagten, dass jemand in dem Haus aus Anlass des Feiertags mit einem Gewehr in die Luft gefeuert und sie so gezwungen hatte, das Haus zu durchsuchen und die dort aufgefundenen Waffen und Drogen zu beschlagnahmen.

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„Das war ein Volltreffer", sagte ein Cop, der in der Mitte der Straße eine Marlboro Light rauchte. Er wirkte agitiert, vom Adrenalin aufgeputscht. Er sagte uns, was wir an dem Abend immer wieder zu hören bekamen: „Seid vorsichtig hier draußen, Jungs. Es ist ein verdammtes Kriegsgebiet."

Der Block 10000 der S. Normal Ave., wo eine Person erschossen worden ist.

Als sich die Lage nach vier Uhr morgens etwas beruhigt hat, liefern wir Sam in der Redaktion ab. Alex' zwölf Stunden langer Versuch, etwas „Frisches" vor die Kamera zu bekommen, ein Bild, das die Sinnlosigkeit und den Schrecken der Gewalt einfängt, mit der Tausende Chicagoer täglich konfrontiert sind, geht zu Ende. Er ist in dieser Nacht jedes Mal ein paar Minuten zu spät gekommen und steht nun mit leeren Händen da.

Auf unserer Heimfahrt stellt er das Funkgerät aus und wirft seinen Presseausweis auf den Rücksitz, bevor wir wenige Minuten später auf die Szene eines schrecklichen Verkehrsunfalls auf dem Lake Shore Drive stoßen, einem kurvigen Stück Highway, das sich am Ufer des Lake Michigan entlangschlängelt. Eine Limousine liegt völlig zerquetscht am Straßenrand, nachdem sie anscheinend in einen der Betonpfeiler einer Brücke gerast war. Im frühen Morgenlicht kaum sichtbar ragt der Kopf des Fahrers aus dem Fenster der Fahrerseite der komplett zusammengedrückten Karosserie. Die Augen geschlossen. Leblos.

Auf dem Rücksitz klemmt ein Mann fest und versucht durch das Fenster nach dem Türgriff zu greifen, schreiend vor Schmerz. Im Beifahrersitz befindet sich, noch weniger sichtbar, eine weitere Person. Eine Ansammlung von Autofahrern hat angehalten, darunter ein Polizist in Zivil, der versucht den Mann auf dem Rücksitz zu beruhigen, ihm zu sagen, dass er auf die Ankunft des Krankenwagens und der Feuerwehr warten soll. Alex wartet ab. Ohne seinen Presseausweis in der Hand, kann er nicht beweisen, dass er ein Vertreter der vierten Gewalt und kein Amateurpapparazzo ist. Er ist zwischen zwei Identitäten hin- und hergerissen, und während er sich ehrlich um die verletzten Passagiere und den toten Fahrer sorgt, kalkuliert er zugleich die ethischen Pros und Kontras einer Entscheidung, hier Fotos aufzunehmen. Das hier ist genaugenommen kein Tatort. Noch nicht.

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Während die Sonne aufgeht, treffen Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen ein. Nach der langen, ergebnislosen Jagd dieser Nacht ist Alex nun ganz zufällig als Erster vor Ort. Die Hilfskräfte machen ihren Job und versuchen dem Mann das Leben zu retten—also ist es nun Zeit für ihn, den seinen zu tun. Während die Feuerwehrmänner beginnen, das Auto auseinanderzuschneiden, dreht Alex sich um und rennt zu seinem Auto, um Sekunden später mit der Kamera in der Hand zurück zu sein.

Familienmitglieder eines Mannes, der von der Polizei erschossen worden ist, reden mit der Presse.

Cops rennen zu einem Tatort in der Nähe der 80th Street und der Muskegon Ave., wo kurz zuvor Schüsse gefallen sind.