Androgrün und das Spiel mit den Identitäten

Esther Perbandt schreibt über ihr Verhältnis zur Androgynität. Ein Begriff, der am häufigsten mit ihr und ihrer Mode in Verbindung gebracht wird, ob ihr das passt oder nicht.

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28 Februar 2014, 11:38pm

Anzug von Herr von Eden, Socken von Nike, Vintage-Schuhe, Hemd von Ucon Acrobatics

FOTOS: DANIEL HOFER

Styling: Claudia Rech, Barbara Dabrowska; Haare und Make-up: Ivana Zoric
Stylingsassistenz: Ethem Civelek; Fotoassistenz: Jan Hellerung

Auf der Aidsgala im November 2012 in der Deutschen Oper in Berlin wurde ich von einer Journalistin angesprochen, die zunächst dachte, ich sei ein Transvestit. Ganz ehrlich, das war das erste Mal, dass ich dachte, das sei jetzt nicht wirklich ein Kompliment. Ich trug ein komplett rückenfreies, bodenlanges Kleid mit sehr hohen Schuhen, meine Haare lagen elegant in einer 20er-Jahre-Wasserwelle und ich trug knallroten Lippenstift. Eigentlich recht weiblich würde ich sagen, aber anscheinend hat sie mein sehr androgyner Körper und meine Körpergröße in die Irre geführt. Die Kurve hat sie gekriegt, indem sie davon erzählte, wie sie um mich herumgegangen war und das „schöne weibliche und weiche“ Gesicht zu der Silhouette entdeckt hatte.

Solche Geschichten sind die Ausnahme. In der Regel werde ich als sehr weiblich wahrgenommen. Allerdings vielleicht als „anders weiblich“. In letzter Zeit häufen sich die Fragen nach diesem anderen Frauenbild und ich fühle mich gezwungen, zu analysieren und aufzudröseln, was ich vorher intuitiv einfach nur gelebt habe.

Ich gehöre zu den Kindern, die ohne Fernseher aufgewachsen sind. Mein Lieblingsspielzeug war die prall gefüllte Verkleidungskiste, mit der ich und meine Schwester in unterschiedliche Rollen schlüpfen konnten. In der achten Klasse ließ ich mir, wie manch anderes Mädchen in dem Alter auch, urplötzlich meine Haare extrem kurz schneiden. Zur gleichen Zeit kaufte ich mir eine schwarze Jeans, einen schwarzen Ledergürtel und einen grau-schwarzen Wollrollkragenpullover. Ein und dasselbe Outfit trug ich über Wochen und Monate hinweg. Ich sah aus wie ein Junge und fühlte mich wohl und geschützt. Jeder Tag, an dem ich etwas anderes tragen musste, bis mein Lieblingsoutfit gewaschen und getrocknet war, war unendlich lang. Ich erinnere mich noch, wie es mir gefiel, so zu tun, als würde ich mit meiner besten Freundin „gehen“, wenn wir so durch die Straßen schlenderten.

Als ich viele Jahre später mein eigenes Label „esther perbandt“ gründete, war ich immer noch weit davon entfernt, meine eigene Persönlichkeit, geschweige denn meine Handschrift gefunden zu haben. Es war sicherlich immer eine Tendenz da, ein Gefühl, aber es fiel mir schwer, dieses in Worte zu fassen. Ungefähr ein Jahr nach Labelgründung versuchte ich mich das erste Mal an einer Formulierung. Ich würde Bekleidung machen für „Frauen, die sich immer schon einmal gewünscht haben, als Mann geboren worden zu sein“, hieß es dann noch Jahre später in jeder Veröffentlichung.

Bereits kurz danach habe ich mich schon sehr missverstanden gefühlt. Ich bekam den Stempel, Mode für Lesben zu machen und eventuell selber auch eine zu sein. Mir wurde klar, dass der Satz wohl noch nicht ganz ausgereift war.

Mit den Jahren wurden die Abstände zwischen der Philosophie der Marke „esther perbandt“, meiner Person, und meinen Äußerungen geringer und zu einem fest geschnürtem Paket, welches man heute schwer wieder auseinanderdividieren kann.

Androgynität ist ein Begriff, mit dem ich bei der Beschreibung meiner Mode vorsichtig bin. Der Großteil meiner Kunden ist weit entfernt von einer androgynen Persönlichkeit. Mein Lebensentwurf und meine Identität sind Impulsgeber. Nicht das Bedürfnis nach einer Herrenkollektion ließ mich nach einigen Saisons Unisex-Kleidung kreieren, sondern es kam aus meinem eigenen Körpergefühl, und vielleicht aus dem gelegentlichen Wunsch, für eine Zeit lang das Geschlecht tauschen zu können oder die Grenze dazwischen aufzulösen.

Der kindliche reine Körper und nackt zu sein, ohne damit zu provozieren oder aufzureizen, das ist die Gunst des androgynen Körpers, der es trotzdem zulässt mit Sexualität oder mit Reizen zu spielen. Meine Kollektionen sehen so aus, weil ich meinen eigenen Körper als Werkzeug benutze und mich auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Thema Körper auseinandersetze.

Hemd und Hose von Levi’s, Jacke von Tiger of Sweden, Mütze von Nike, Sonnenbrille von Cheap Monday, Schuhe von HUB

Mein Vater, der ab meinem ersten Lebensjahr nicht mehr zu dem Familienkreis gehörte, in dem ich aufwuchs, war zu seinen Lebzeiten mein schärfster Beobachter und mein gnadenlosester Kritiker. Als ich noch nicht geboren war, träumte er von einer großen Karriere als Pantomimekünstler, einige wunderschöne Schwarzweißfotos von ihm, weiß geschminkt auf einer Bühne in Bochum, erinnern daran. Als sein Meister, ein bekannter Mime aus Prag, plötzlich verstarb, sah er sich nicht in der Lage den Beruf bis zur Vollendung zu erlernen. Er brach ab und entschied sich für die Architektur. Mit gleicher Hingabe widmete er sich dieser Kunst, doch auch hier passierte das Gleiche. Sein Professor starb, und er kam nicht dazu, mit diesem Beruf seinen Lebensunterhalt zu verdienen, erst recht nicht für eine Familie. Das macht mich immer wieder traurig—nicht das mit der Familie, das kann ich gut verstehen—aber ich glaube, er wäre ein hervorragender Architekt geworden mit einem scheinbar angeborenen Sinn für Ästhetik und Form. Er konnte stundenlange Monologe über Libeskind halten. Anhand klassizistischer Architektur hat er mir genau erklärt, welche Fehler ich seiner Meinung nach in manchen Entwürfen gemacht habe.

Ich glaube, seine viel zu hohen idealistischen Ansprüche an sich und vor allem an seine Umwelt haben ihm am Ende ein Bein gestellt. So wurde er der klassische Aussteiger, kaufte sich zehn Schafe, zog in die Mecklenburgische Schweiz. Aus zehn Schafen wurden 300 Schafe und ich weiß bis heute nicht, wovon er eigentlich gelebt hat.

„Androgynität ist nicht mehr up to date!“ sagte er eines Tages zu mir, als er eines meiner Lookbook-Fotos betrachtete. Ich machte mich innerlich auf den nächsten Monolog gefasst.

„Androgrün“, sagte er dann schon fast spöttisch, weil ihm der Begriff mittlerweile ordentlich auf den Senkel ging, aber es war wohl eher das Wort, was ihn störte, der „in Mode“ gekommene Begriff, ein Trend, der allein die äußerlichen Merkmale einer vielleicht ursprünglich komplexen Haltung oder eines Lebensgefühls übernimmt. Das Wort Androgynität hatte auch für meinen Vater früher etwas Reizvolles, Interessantes gehabt. Aber er meinte, Worte und Zeiten würden fließen. Es sei bis an den Rand vollgestopft mit Klischees und die seien abgegriffen.

Glücklicherweise gestand er mir für meinen—nicht bewusst gewählten—Lebensentwurf dennoch einen tieferen Hintergrund zu. Die Geschlechterrollen seien etwas, was verschwimme. „Traditionelle Zuordnungen sind im Grunde uninteressant und nur etwas für untere Schichten“, sagte er.

Diese Worte hallen nach … bei mir auf jeden Fall. Zumindest scheine ich von ihm geerbt zu haben, dass mein Interesse relativ schnell nachlässt oder auch total verschwindet, sobald etwas Trend ist.

Aber geben wir ihm mal recht damit, dass diese ganze Androgynität mittlerweile ein sehr oberflächlicher Trend geworden ist. Darüber hinaus scheint eine Welle angerollt zu sein, die eine wie auch immer geartete Auflösung der Geschlechterrollen vor sich her schiebt. Wenn es bei bekannten Künstlerinnen der 20er-Jahre noch heißt, dass ihre androgynen Erscheinungsbilder oder Verhaltensweisen auf die Schwierigkeiten hinweisen, sich mit der traditionellen Rolle der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft zu arrangieren, empfinde ich heute eher eine Leichtigkeit, zwischen vermeintlichen Geschlechterrollen zu navigieren, scheinbare Gegensätze aufzuheben oder ästhetische Dogmen zu verwischen.

Eine Schaumkrone dieser Welle ist die zunehmende Verbreitung und Akzeptanz von Gender-Bender-Models. Eben genau das dazwischen sein macht deren Reiz aus. Es ist ein Spiel und keiner verlangt eine klare Zugehörigkeit. Es ist ein Kokettieren, nicht nur mit Geschlechterrollen, sondern auch mit Sexualität. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das vorübergehende Annehmen des anderen Geschlechts sehr erotisierend wirken kann und zwar auf das Geschlecht, in dessen Identität man gerade schlüpft. Das hat meine Liebe zum Identitätsspiel gerade erst richtig wieder angefacht.