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Diese Lektionen lernst du, wenn du zum ersten Mal Vater wirst

Vergiss alles, was in irgendwelchen Filmen oder Serien über das Kinderkriegen gesagt wird. Nichts, aber auch gar nichts auf dieser Welt kann dich auf diese Erfahrung vorbereiten.

von Priya Elan
28 Januar 2015, 5:00am

Illustration: Dan Evans

Wenn du Vater wirst, dann ist das so, als würde ein speckiger, sabbernder Zwerg in dein Leben treten und es dir wegnehmen. Diese ganze Sorglosigkeit mit alkoholgeschwängerten Abenden in Bars, Kinobesuchen oder spontanen Dates in Restaurants ist passé. Jetzt bist du schon froh, wenn du es schaffst, zehn Minuten von irgendeinem Film zu erwischen, bevor das Dauergeschrei im anderen Zimmer losgeht.

Niemand kann dir wirklich sagen, wie sehr sich alles verändert, wenn du Vater wirst. OK, vielleicht schon, aber es langweilt dich wahrschfeinlich zu sehr, darüber zu reden—frischgebackene Eltern sind halt ziemlich öde. „Jetzt ist aber auch mal gut mit den ganzen Kinderwägen, Fürzen und Würgreflexen", sagst du dann, denn eine total wichtige Twitter-Diskussion verlangt schließlich deine ganze Aufmerksamkeit. Und eine Pizza muss ja auch noch bestellt werden.

Ich persönlich habe mich immer noch nicht ganz daran gewöhnt und es sind immerhin schon sieben Monate vergangen. Aber wenn du deine Lebensweisheiten bisher von den Replacements oder von Holden Caulfield bezogen hast, dann ist dir das Konzept der Vaterschaft schon ziemlich fremd. In deiner Welt dreht sich alles um jugendliche Sorgen und nicht um Verantwortung und die Zukunft. Ich dachte eigentlich, dass meine Erfahrung als Onkel und die Lyrics von The Living Years von Mike and the Mechanics mir helfen würden, aber mit dieser Annahme lag ich falsch.

Der erste Schock der Vaterschaft ist die Erkenntnis, dass du vollkommen irrelevant bist, weil das Baby in den ersten Monaten nicht wirklich mit dir interagiert. Während dieses Zeitraums geht es nur um die Beziehung zur Mutter und du bist nur dazu da, um die Beiden bei ihrem magischen Mutter-Kind-Tanz zu unterstützen. Das heißt im Klartext: kochen, putzen und zuverlässig sein. Da bleibt überhaupt gar keine Zeit für eingeschnapptes Verhalten, jegliche Art von Hedonismus oder dumme Witze über Brüste. Dieser Übergang vom comicheft-sammelnden „Samenspender" zum verlässlichen „Vater" war für mich schon eine ziemliche Herausforderung.

Es folgt nun eine Liste von Dingen, die sich für dich ändern werden, wenn du Vater wirst. Eine Warnung vorweg: Dein Leben dreht sich von jetzt an hauptsächlich um Scheiße.

ES IST UNMÖGLICH, „BEREIT" ZU SEIN

Wenn du aus einer zerrütteten Familie stammst, dann erscheint die rosarote Brille der Elternschaft mehr wie Mr. Magoos gewaltige Flaschenböden und man sieht alles ein bisschen zu klar. Mein Dasein als Vater bereitete mir Schwierigkeiten, weil meine Mutter meine Schwester und mich während unserer Kindheit immer daran erinnert hatte, dass Kinderkriegen verdammte Zeitverschwendung sei. „Es bringt GAR NICHTS, Kinder zu haben", wiederholte sie gebetsmühlenartig vor allem um unseren Geburtstag herum. An solche Dinge erinnerst du dich besonders gut, wenn du selbst die Reise in Richtung Vaterschaft antrittst.

Das zweite und dringendste Problem besteht darin, wie unfassbar unreif meine Generation ist. Ich schließe mich da selbst nicht davon aus. Wir sind alle nur erwachsene Babys, die eigentlich keinen wirklichen Plan davon haben, wie man als Erwachsener lebt. Wir sind freiberufliche Mieter, die es nicht mal schaffen, die Fahrschule oder das Sportprogramm ordentlich durchzuziehen. Unser Konto ist immer kurz davor, ins Minus abzurutschen. Wir haben keine Ahnung, wie wir uns ordentlich ernähren. Viele von uns machen zu oft Party und klammern sich an der Vorstellung fest, sich immer noch im zweiten Studienjahr zu befinden.

Genau diese fehlende Sicherheit war für mich ausreichend, um die Idee vom Kinderkriegen zu verwerfen. Aber dann passierte es. Wir entschieden uns dazu, ein Kind zu bekommen. Zwei Monate vor der Geburt wurde ich dann entlassen. Arschlöcher. So hatte ich noch mehr das Gefühl, Peter Pan nachzuahmen und für das Ganze nicht bereit zu sein.

FÜR ERWACHSENEN-TERMINE SOLLTE MAN SICH WIE EIN ERWACHSENER ANZIEHEN

Seit zehn traurigen Jahren ziehe ich mich nun schon an wie ein schäbiger Interpol-Roadie. Die New Rock Revolution war genau mein Ding. Als werdender Vater wurde ordentliche Kleidung aber irgendwie plötzlich sehr bedeutungsvoll, fast wie eine Art Abgrenzung von meiner Unreife. Wahrscheinlich nahm alles beim ersten Schwangerschaftsvorbereitungskurs seinen Lauf: Dort tauchte ich in Lederjacke, einem Black Lips-Shirt und zerrissenen Jeans auf und ich kann euch gar nicht sagen, wie unwohl man sich fühlt, wenn man beim Ausprobieren der verschiedenen Geburtspositionen ständig Angst hat, dass die Eier aus dem zerrissenen Schritt herausbaumeln.

An diesem Tag tauchte ein Gedanke immer wieder in meinem Kopf auf: Wenn Kleider Leute machen, dann bin ich ein ziemlicher Waschlappen, der aussieht, als würde er sich bei Topman einkleiden. Die Klamotten, die mich vorher meiner Meinung nach ziemlich cool machten, ließen mich plötzlich zerbrechlich und verzweifelt rüberkommen. Natürlich machte ich trotzdem nicht so einen lächerlichen Eindruck wie das viktorianische Goth-Pärchen, das mit Melone und dem ganzen Firlefanz auftauchte.

Später trug ich im Krankenhaus auf der Mutter-Kind-Station ein Breeders-Shirt und erntete dafür vernichtende Blicke der Krankenschwestern. Eins sollte also klar sein: Wenn du als werdender Vater ernst genommen werden willst, dann solltest bei wichtigen Terminen nicht in einem Outfit aufkreuzen, das wohl eher bei einem Rockkonzert angebracht wäre.

DU MUSST NICHT SO TUN, ALS WÄRST DU TOTAL GLÜCKLICH UND HÄTTEST KEINEN SCHISS

Meine Grundeinstellung im Leben ist zynisch und pessimistisch. Es ist allerdings schwierig, das mit der „ELTERN WERDEN IST ETWAS MAGISCHES"-Mafia in Einklang zu bringen, die anscheinend bei der Kinderkriegen-Erfahrung das Sagen hat. Die ganzen zuckersüß gepunkteten Accesoires, die deinen Weg vor und nach der Geburt pflastern werden, sind dabei nicht wirklich hilfreich. Jeder gibt vor, dass alles schön und gut ist, während man innerlich kaum Luft bekommt und total ausrastet. Wenn es dir so geht wie mir, dann bist du die einsame Stimme innerhalb dieser entzückten Kakofonie, die Folgendes schreit: „Aaaaaaaah, verdammte Scheiße, das ist so viel auf einmal. Warum hat mich niemand davor gewarnt?"

Es ist jedoch vollkommen OK, diese Person zu sein. Jeder fühlt sich so und es geht eigentlich nur darum, wer am besten etwas vorspielen kann. Diese schreckliche Angst geht jedoch irgendwann vorbei. Alkohol ist dabei eine gute Hilfe, genau so wie sich dagegen zu sträuben, jegliche Person, die gepunktete Kleidung trägt, als richtigen Menschen anzusehen.

Damals warst du nicht müde, mein Freund. Die wahre Bedeutung des Wortes „müde" wird dir nämlich erst jetzt bewusst.

ABSOLUT GAR NICHTS KANN DICH AUF DIE GEBURT VORBEREITEN

Wir alle haben eine grobe Vorstellung davon, wie es ist, ein Kind zu bekommen, oder? Das Ganze ist vielleicht so wie im Film Beim ersten Mal oder in der Serie One Born Every Minute. Es stellt sich jedoch ganz schnell heraus, dass jede Geburt einzigartig ist und du eigentlich überhaupt keine Ahnung hast. Keine Film-Geburtsszene der Welt wird dir auch nur einen Funken richtiges Wissen vermitteln. Bei uns wurde die ganze Sache ziemlich schnell beschissen. Nach neun Monaten komplikationsfreier Schwangerschaft kam es dann knüppeldick, als das Baby erwartet wurde. Nachdem wir mehrere Tage im Entbindungszimmer verbracht hatten (dabei wurden die transkutane elektrische Nervenstimulation und Pethidin meine neuen besten Freunde), bekam unser Baby plötzlich keinen Sauerstoff mehr.

Ein Alarm fing an zu schrillen, eine rote Lampe leuchtete auf und meine Frau wurde eilig in den Not-OP gebracht. Plötzlich war alles zu real und zu laut. Umgeben von acht Ärzten lag sie unter hellem Licht auf dem Operationstisch. Ich war sprachlos, total entsetzt und davon überzeugt, dass sowohl sie als auch das Baby sterben würden. Eine Krankenschwester nahm mich an der Hand, führte mich zu einem kleinen Schrank und sagte, dass ich einen Ärztekittel anziehen solle. Ich warf mich in das Erste, was ich in die Finger bekam: ein hellblauer OP-Kittel in XXL. Ich sah aus wie ein Kind in Erwachsenenklamotten—eigentlich eine ziemlich passende Metapher. Bevor meiner Frau das Narkosemittel verabreicht wurde, musste sie mich beruhigen. Ich dachte mir: „Irgendwie läuft hier etwas falsch."

DU WIRST STÄNDIG TOTAL FERTIG SEIN

Erinnerst du dich noch an damals, als du die Nacht durchgemacht hast und dann früh zur Arbeit gegangen bist, wo verschiedene anstrengende Übungen zur Stärkung des Teamzusammenhalts anstanden? Mein Gott, wie du heute darüber lachen würdest. Wenn dein Energie-Level am absoluten Nullpunkt angekommen ist und sich dein Körper wie eine dreckige, knarzende Barracke anfühlt, dann wirst du dich in diese besseren Zeiten zurückwünschen. Damals warst du nicht müde, mein Freund. Die wahre Bedeutung des Wortes „müde" wird dir nämlich erst jetzt bewusst.

Wenn du Vater bist, dann wirst du dich mit anderen wandelnden Zombies unterhalten und dabei Dinge wie „Voll gut, letzte Nacht habe ich drei Stunden geschlafen!" sagen. Letztendlich wirst du dir lallend, taumelnd und halluzinierend vorkommen wie in Requiem For A Dream. Du wirst Wörter verdrehen oder gleich ganz vergessen („Wie heißt das noch mal? ... Ach ja, Käse!"), aber das ist noch nicht ganz so schlimm wie die unzähligen halbfertigen Unterhaltungen, die sich irgendwo im Nichts verlaufen. Du wirst über deine Träume reden, weil du aus irgendeinem Grund davon überzeugt bist, dass jeder über sie Bescheid wissen sollte (dem ist nicht so). Alles, was aus deinem Mund kommt, klingt wie ein bizarres Haiku. Von der Paranoia will ich hier jetzt gar nicht erst anfangen.

DIR WIRD IRGENDWANN EGAL SEIN, DASS DU WIE EIN WANDELNDER KOMPOSTHAUFEN AUSSIEHST

Wie ein Geisteskranker daherzukommen ist eine Sache, aber dein Dasein als Vater lässt dich auch ganz schnell ziemlich scheiße aussehen. Dein Kleidungsstil wird sich irgendwo zwischen „Verbrecher am Tag seiner Haftentlassung" und „Komischer Onkel, der in einem Wohnwagen lebt und immer nach Feuchtigkeit und Erdnussflips riecht" einpendeln. Du wirst zu dem spießigen Otto-Normalverbraucher deiner Vorstadt-Albträume, der sich aufrichtig darauf freut, am Wochenende im Baumarkt abhängen zu können. Ständig wirst du neue ominöse Flecken an dir finden und dein Geruch wird dem von milchigen Magensäften ähneln. Jeden Tag kommst du dem Zeitpunkt ein Stückchen näher, an dem du dich von Kopf bis Fuß mit SuperDry einkleiden wirst.

DU WIRST DIE GANZE ZEIT NUR AN SCHEIßE DENKEN

Wenn du vorher noch nie wirklich über Exkremente nachgedacht hast, dann wird dein Leben auf den Topf .. äh, Kopf gestellt. Du wirst dich wirklich eingehend mit der Beschaffenheit, der Farbe (inzwischen habe ich in meinem Kopf schon ein Braunton-Register angelegt, bei dem jedes Möbelhaus vor Neid erblassen würde), der Häufigkeit und dem Geruch von Scheiße beschäftigen. Vielleicht wirst du sogar damit anfangen, den Gestank zu mögen. Das ist jetzt dein Leben. Die Tage deiner Zimperlichkeit liegen weit hinter dir, genauso wie die Zeit, in der du noch nicht jeden Tag um sieben Uhr ins Bett gehen wolltest. Weißt du noch, wie du über die heteronormative Verschwörung in Michael Bay-Filmen sinniert hast? WEIßT DU DAS NOCH? Wahrscheinlich nicht, denn du kannst dich ja nicht mal mehr daran erinnern, was ich vor fünf Minuten gesagt habe.

EIGENTLICH IST ABER ALLES OK

Eine Sache wird sich jedoch nie ändern: Inmitten dieses Tornados aus Scheiße und Tränen sitzt dein Baby. Dieses Geschöpf raubt dir vielleicht deinen Verstand und deinen Schlaf, aber seine Schönheit macht das Ganze—durch ekelhaften Darwinismus—dann irgendwie doch erträglich. Selbst im schlimmsten 4-Uhr-morgens-Chaos steht diese Schönheit über der kräftezehrenden Situation. Die Vaterschaft ist der verrückteste und psychedelischste Trip, den du je machen wirst. Man fühlt sich jeden Tag wie neu vom Blitz getroffen.

Ein Baby-Klischee ist allerdings auch wahr: Dir war vorher noch nie bewusst, wie viel Liebe du empfinden kannst—und zwar eine reine und beeindruckende Art der Liebe, die deinen Körper komplett ausfüllt. Wenn du in die kleinen Augen schaust, die du erschaffen hast, dann lässt diese Liebe alles, was du bisher in deinem Leben gemacht hast, unbedeutend erscheinen. Selbst banale Routine-Momente—zum Beispiel das Wechseln einer warmen, dampfenden Windel—haben etwas Reines an sich, dass das Ganze irgendwie ... akzeptabel macht. Siehst du, ich habe nicht mal mehr ein Problem damit, angepisst zu werden, denn genau das passiert nämlich gerade.

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