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Wir müssen damit aufhören, alte Menschen respektlos zu behandeln

Alte Menschen sind nicht weniger wert, nur weil sie Hilfe beim Klogang brauchen oder man ihnen manchmal ins Ohr schreien muss, weil sie nichts mehr hören.
5.2.15

Mein Opa ist der liebste Mensch der Welt. Er hat mir früher vor dem Kindergarten einen Zopf geflochten, wenn meine Mutter schon in der Arbeit war und hat am Nachmittag geduldig stundenlang mit mir Mensch Ärgere Dich Nicht gespielt, obwohl es mindestens tausend Dinge gegeben hat, die er lieber gemacht hätte. Als ich dann ein mürrischer Teenie mit bunten Haaren war und mich täglich mit meiner Mama gestritten habe, hat er immer zu mir gehalten. Er hat mir immer heimlich Geld gegeben, mich überall hin gebracht, wo ich hin wollte und hätte alles für mich getan. Er war Vaterfigur und bester Freund in einer ziemlich coolen Person vereint. Aus dem starken und gutmütigen Mann mit den schneeweißen Haaren ist heute ein schwaches Männlein geworden, das kleiner ist als ich. Machen wir uns nichts vor, selbst der stärkste Mann wird einmal alt, auch wenn du denkst, dass er unsterblich ist. Wenn ich in letzter Zeit eines gelernt habe, dann, dass richtig alt zu werden nicht schön ist. Alle deine Freunde sterben, du bist immer auf jemanden angewiesen und schämst dich vor deiner Familie dafür, dass sie dir beim Gang auf die Toilette helfen muss. Was für den Betroffenen wahrscheinlich unerträglich ist, tut einem auch als Angehörige unglaublich weh. Als wäre es nicht schon traurig genug, den Menschen, den du am meisten von allen liebst, verfallen zu sehen, muss man auch noch dabei zusehen, wie er seine letzte Würde aufgeben muss. Besonders viel ist davon nämlich nicht mehr übrig, wenn deine Tochter dir das Essen in den Mund schiebt und deine Enkelin dich ins Bett trägt.

Wenn ich in letzter Zeit eines gelernt habe, dann, dass richtig alt zu werden nicht schön ist.

Vor Kurzem mussten wir meinen Opa ins Altersheim bringen—bis jetzt hat er bei uns gewohnt, aber da er nunmal nicht mehr alleine sein kann, meine Mutter berufstätig ist, ich in einem anderen Bundesland lebe, und der Rest der Familie plötzlich ganz still wird, wenn es darum geht, einander zu helfen, blieb meinem Opa nichts anderes übrig, als in ein nahe gelegenes Heim zu ziehen. Nach der ersten Welle an Traurigkeit und der Gewissheit, dass sein Teil des Hauses ab jetzt leer steht und er inklusive seinem Lieblingssessel ausgezogen ist, ist man beruhigt, da man davon ausgeht, dass ihm dort nichts passieren kann. Schließlich sind rund um die Uhr ausgebildete Kräfte anwesend, die ihm helfen können, den Alltag zu bewältigen. Falsch gedacht. Nach den ersten paar Tagen im Altersheim musste mein Opa ins Krankenhaus. Er war gestürzt, woraufhin ihm die Pfleger auf die klaffende Platzwunde am Kopf ein Pflaster geklebt und ihn anschließend zurück ins Bett bugsiert haben—ohne Anruf bei Angehörigen oder einem Arzt. Natürlich, man kann niemandem einen Vorwurf machen und auch in einem Altersheim keine 24/7-Betreuung erwarten—dir dann aber sagen lassen zu müssen, dass alte, demente Leute nunmal ab und zu hinfallen, macht dich nicht nur unglaublich wütend, sondern ist einfach nur respektlos.

Wenn man alt wird, sehen einen viele Menschen nicht mehr als vollwertig an—teilweise nicht einmal mehr die eigene Familie. Anstatt den Menschen zu sehen, sehen sie nur ein Klischee von personifiziertem Altern vor sich. Verlegt man einmal das Hörgerät, ist man dement. Will man einmal nicht das machen, was die Pfleger im Altersheim sagen, ist man ein verbitterter, bösartiger alter Mann.

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Geschichten vom Krieg will sich niemand anhören, wenn du jemandem etwas erklären willst, weil du nunmal alt bist und somit auch mehr Lebenserfahrung hast, bekommst du ein „Was will er denn jetzt schon wieder?" zu hören und wenn du einmal mehr nachfragen musst, weil du nicht mehr ganz so gut hörst, wirst du ausgelacht. An Tagen, an denen es dir schlecht geht, wird, während du anwesend bist, in der dritten Person von dir gesprochen, weil du ja sowieso nichts mehr hören kannst.

Anstatt den Menschen zu sehen, sehen sie nur ein Klischee von personifiziertem Altern vor sich.

Dein Leben als autonome Person wird von so vielen Kleinigkeiten Stück für Stück zunichte gemacht, die du vielleicht gar nicht bewusst wahrnimmst und mit einem Lächeln abtust—vor allem wenn du ein stolzer Mann wie mein Opa bist. Aber egal, was passiert, auch wenn mein Opa jetzt ein bisschen kleiner und schwächer ist, als er es sein Leben lang war, und mich alle, die mich vorsichtig fragen, wie es ihm geht, ansehen, als wäre er eh schon tot, ist er noch immer da. Unsere geheimen Scherze aus meiner Kindheit weiß er noch immer. Und ich weiß immer noch, wie man mit den Ohren wackelt, weil er es mir beigebracht hat. Wir alle reden davon, dass wir einmal „in Würde altern" wollen. Gleichzeitig tun wir aber unsere Großeltern als alte Säcke ab, die ihre Blütezeit schon hinter sich haben und finden es lustig, wenn sie Dinge verwechseln oder die Zeitung mit einer Lupe lesen. Genau dadurch nehmen wir ihnen diese Würde, die wir uns für unseren Lebensabend wünschen. Wie man sich fühlt, wenn man plötzlich nicht mehr für voll genommen wird, weiß ich wahrscheinlich erst, wenn ich selbst alt bin. Und eigentlich will ich es nie erfahren, denn es tut schon weh genug, dabei zuzusehen, wie es einem Menschen passiert, der mir sehr nahe steht. Alte Menschen sind jedenfalls nicht weniger wert, nur weil sie vielleicht Hilfe beim Klogehen brauchen oder man ihnen manchmal ins Ohr schreien muss, weil sie nichts mehr hören. Seid lieb zu euren Eltern und Großeltern und hört euch die immer gleichen Kriegsgeschichten und Storys aus den wilden Siebzigern an—macht es mit der gleichen Geduld, mit der mich mein Opa bei Mensch Ärgere Dich Nicht gewinnen hat lassen.

Verena auf Twitter: @verenabgnr


Titelbild von Vinoth Chandar via flickr