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​Wer ist zynischer: Der Islamische Staat oder die Bild?

Immer wieder verbreitet die Bild grausame Bilder von IS-Morden. Und wenn die Toten am Strand von Tunesien zu unblutig sind, wird auch mal Blut reinretuschiert.
03 Juli 2015, 11:00am
Screenshot: Bild.de

Seit sie existiert, macht die Bild-Zeitung Leute wütend. Vor Kurzem wollten ein paar Leute das Blatt sogar wegen Volksverhetzung anzeigen, weil die Berichterstattung über die Krise in Griechenland die Griechen herabwürdige. Ergebnis: Das funktioniert nicht, und die Bild schießt weiter aus vollen Rohren auf die „Pleite-Griechen".

Also: Die Bild kann einiges ab, und sie wird so schnell nicht weggehen. Das heißt trotzdem nicht, dass wir alles hinnehmen müssen, was die Bild macht, weil sie es für verkaufssteigernd und sensationell hält. Und eines davon ist die krasse Gewalt, die einem in letzter Zeit immer wieder entgegenschlägt, wenn man die gedruckte Zeitung oder bild.de öffnet.

Vielleicht war das schon immer so*, aber in letzter Zeit scheint es fast zur Regel geworden sein, dass man bei einem Besuch auf bild.de immer nur einen Klick von Bildern von grausam ermordeten Menschen entfernt ist. Oder—wie im Fall der Geschichte hier im Titel—von Menschen, die gerade grausam ermordet werden.

Die Geschichte „Widerliche Propaganda-Aktion des IS" ist es auch, die diesen Artikel ausgelöst hat. Als ich auf den Link klickte, hatte ich natürlich damit gerechnet, etwas über eine „widerliche Propaganda-Aktion" zu lesen—ich hatte aber nicht damit gerechnet, die einfach eins zu eins reproduziert zu finden.

Es ist wichtig zu wissen, was die Größenwahnsinnigen vom IS machen (Homosexuelle zu Propagandazwecken hinrichten), und es ist auch wichtig zu wissen, dass sie Bilder davon verbreiten. Es ist aber absolut nicht wichtig, dass wir die Bilder sehen. Warum müssen wir kopfüber in das Gesicht eines Menschen schauen, der gerade von anderen von einem Haus geworfen wird? Menschen, die ihn hassen und verachten, nur weil er schwul ist? (Eine Warnung, dass man gleich Menschen beim Sterben zu sehen bekommt, war natürlich nirgendwo zu sehen.)

Bei „Bild" gibt man auch gerne extra Blut dazu

Der (traurige) Witz ist, dass die Bild durch das Verbreiten dieser Bilder die von ihr als „zynisch" verschrieene IS-Propaganda natürlich aufs Heftigste befeuert. Heribert Prantl von der Süddeutschen nannte das: „sich zum nützlichen Idioten von terroristischen Verbrechern machen."

Aber die Bild sieht sich nicht als nützlicher Idiot, denn sie profitiert ja genau so von den Bildern. Sie wird so faktisch zum Hauptverteiler von IS-Propaganda in Deutschland, und man muss annehmen, dass die verantwortlichen Redakteure das sehr gut wissen—es ihnen aber egal ist. Das ist die Definition von Zynismus.

Die Darstellung von Leichen in den Medien ist nicht immer grundsätzlich falsch. Aber ich glaube, dass es dabei vor allem auf den journalistischen Zweck ankommt, dem es dient. Auch im VICE News-Film über den Islamischen Staat sah man kurz die abgeschnittenen Köpfe von IS-Gegnern. Allerdings war das in keiner Weise der Hauptfokus des Films, und zweitens diente es der Illustration der Stimmung in der Hauptstadt des IS, Raqqa.

Ich kann aber verstehen, wenn jemand diese Bilder trotzdem nicht sehen will. Für diesen Fall gab es eine deutliche Warnung am Anfang des Videos.

Bei der Bild fehlt so etwas grundsätzlich (außer wenn sie die Leser heiß machen wollen und „Schockierende Bilder!" in die Überschrift schreiben). Stattdessen wird vor allem die gedruckte Ausgabe mit unzensierten Bildern von Leichen vollgepackt—zuletzt zum Beispiel vom „Strand des Grauens" (Bild) in Tunesien. Die am Strand Erschossenen wurden den Lesern in großformatigen Bildern aufgetischt. Offenbar waren sie aber von sich aus noch nicht „grauenhaft" genug—weshalb die Bildredakteure die Fotos noch nachbearbeiteten, damit die Toten in richtigen Blutlachen liegen (den Vergleich zwischen Original und Bild-Schöpfung kann man hier sehen).

Damit dürfte ziemlich klar bewiesen sein, dass die Bild mit der Veröffentlichung dieser Bilder keinen besonderen journalistischen Zweck verfolgt oder sich auch nur der Wahrheit verpflichtet fühlt. Das einzige, was zählt, ist der Erfolg—man bedient den Voyeurismus der Leute, die Leute kommen immer wieder zurück und kaufen die Bild, und irgendwann kann man sich einen Porsche kaufen. Da nimmt man es anscheinend gerne in Kauf, IS-Propaganda zu verbreiten und generell jedem Nachahmungstäter mit der Aussicht auf die eigene Titelseite zu ermutigen, seinen Mord möglichst brutal zu begehen (und wenn es mal nicht reicht, gibt es ja noch Photoshop).

Hauptsache, es klappt. Man muss dann nur noch aufpassen, dass man mit dem Porsche nicht einen besonders grausigen Unfall baut, der einen besonders unterhaltsam verstümmelt. Sonst landet man am Ende selbst auf der Titelseite der Bild.

*Matern hat vor vielen Jahren selbst einmal ein Praktikum in der Berliner Redaktion der Bild gemacht. Wenn das damals schon so war, hat er es in dem Monat nicht mitbekommen. Danach hat er nicht mehr so viel Bild gelesen.