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#BeachBodyNotSorry, oder: Wenn du dick bist, ist Sommer nicht so richtig geil

Während andere sich am Badesee sonnen, wird Übergewichtigen von Mobbing-Arschlöchern das Gefühl gegeben, ihre Pfunde verstecken zu müssen.

von Ilona Blanco
07 Juli 2015, 1:59pm

Screenshot: Instagram/gabifresh

Titelbild: Screenshot: Instagram/gabifresh

Als übergewichtige Person gibt es im Alltag allgemein einige Dinge, die nicht so richtig viel Spaß machen. Öffentlich essen zum Beispiel (vor allem Dinge wie Döner, bei denen auch der schönste Mensch aussieht wie ein ausgehungertes Schwein), oder Sport zu machen, weil man dabei nie aussieht wie eine dieser Yoga-Pants-Schönheiten aus Musikvideos. Wenn es richtig heiß wird und sich alle befreut und freudvoll juchzend die Klamotten vom Leib reißen, tritt direkt das nächste Problem ein: Was zieht man an, wenn man sich in seinem Körper nicht sonderlich wohl fühlt—oder von der Gesellschaft (ja, schon wieder die böse Gesellschaft) eingeredet bekommt, dass man sich nicht wohlfühlen darf?

Pünktlich zum Sommeranfang kommen sie dann nämlich auch wieder, die ganzen zynischen „Zieht euch eurem Körper entsprechend an"-Kommentare auf sämtlichen Social-Media-Kanälen und natürlich auf der Straße. Nur: Was zur Hölle soll ich machen, wenn es fast 40 Grad hat? Einen Rollkragenpullover tragen, damit ich niemandem die Freude am Leutebegaffen nehme?

Selbe Temperatur, andere Situation. Sagen wir, ihr schafft es, schwitzenderweise durch die Arbeitswoche und seid am Wochenende mit Freunden verabredet. Die wollen bei den Rekordtemperaturen aber an den Badesee—und ihr seht euch einmal mehr einem Dilemma ausgesetzt. Seid ihr emotional bereit dazu, euch diskreditierenden Blicken und abfälligen Kommentaren auszusetzen, weil euer Körper in einem Bikini oder einem Badeanzug nicht ganz so knackig aussieht, wie von der aktuellen H&M-Bademodenkampagne propagiert? Denn genau das ist es, was einem immer wieder passiert, wenn man übergewichtig ist. Euer Körper gehört nicht mehr euch, er ist zum öffentlichen Diskussionsgegenstand geworden, zu dem jeder eine Meinung haben darf. Und das fühlt sich ziemlich scheiße an.

Man kann jetzt natürlich „Dann nimm halt ab" sagen und ja, danke, Captain Obvious, das ist natürlich auch immer eine Option. Aber, und das ist eine Frage, die neben der nach körperlichen oder gesundheitlichen Problemen immer viel zu wenig gestellt wird: Warum sollte ich? Die Leuten, die Übergewichtige in Badekleidung gerne gröhlend als gestrandete Wale bezeichnen, machen sich keine Sorgen um die Gesundheit ihrer Mobbingopfer oder die vermeintliche Mehrbelastung bei Krankenkassenbeiträgen (auch wenn das von vermeintlich sachlichen Diskutanten immer gerne behauptet wird). Sonst würden sie ebenso mit dem Finger auf Raucher, Trinker und Drogenkonsumenten zeigen.

Sie fühlen sich in ihrem „ästhetischen Empfinden" gestört. Newsflash an alle rückenbehaarten Tribaltattoo-Besitzer da draußen: Wir uns womöglich auch. Warum wir euch trotzdem nicht den Tag versauen? Weil wir keine Arschlöcher sind. Und weil es uns überhaupt gar nichts angeht, wie andere Menschen aussehen. Genauso wenig wie euch oder sonst irgendjemanden auf dieser Welt.

‚Fett' ist sehr wohl ein Gefühl.

Deswegen ist es so wahnsinnig wichtig, dass es Initiativen gibt, die übergewichtigen Menschen (gerade auch Frauen) das Gefühl geben, dass sie ebenfalls schön sein können—oder zumindest nicht weniger wert sind als eine normalgewichtige oder dünne Person. #BeachBodyNotSorry, eine Plus-Size-Bademodenkollektion von Swimsuitsforall mit dazugehöriger Hashtag-Aktion, zum Beispiel zeigt runde Formen, weiche Oberarme und dellige Schenkel, die man so in keinen anderen Modeshoots findet, und sagt trotzdem: Es ist Sommer. Wirf dich in einen verdammten Badeanzug und spring in die Fluten. Egal wie du aussiehst und egal, was irgendjemand anderes dazu sagt. Kein Mensch hat es verdient, sich den halben Sommer in klimatisierten Räumen verkriechen zu müssen, weil er am See/am Strand/in der Fußgängerzone den Spott und Ekel der Normalgewichtigen zu spüren bekommt.

Thump: Der Oberschenkellücken-YouTube- Kanal zeigt, dass House-Musik ein Sexismusproblem hat.

Eigentlich sollten wir uns sowieso von der komplett absurden Vorstellung lösen, dass etwas schön sein muss, um es wertschätzen zu können. Und erst recht davon, dass wir das Recht haben, einer Person vorzuwerfen, wenn sie unsere ganz besondere Vorstellung von vollendeter Ästhetik nicht erfüllt. Bis wir an diesem Punkt angekommen sind, werde ich auch weiter meine undefinierten Oberarme unbedeckt in die Sonne halten, statt irgendein Longsleeve vollzuschwitzen. Es ist nämlich unmenschlich heiß, falls es euch noch nicht aufgefallen ist.

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