Mein Leben als Heroin-Junkie in Brooklyn

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Mein Leben als Heroin-Junkie in Brooklyn

„Heroin ist wie Aladdins Wunderlampe: Es lässt dich denken, dass alle deine Wünsche in Erfüllung gehen und du die Kontrolle über dein Leben hast."
30.7.15

Heroin ist in den USA wieder auf dem Vormarsch. Im Zuge einer ausufernden Opiat-Rezept-Epidemie hat sich die Anzahl der Heroinkonsumenten innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt, im Laufe der vergangenen vier Jahre sind die Heroinbeschlagnahmungen um 80 Prozent gestiegen und seit 2001 hat sich die Zahl der Herointoten in Amerika verfünffacht.

Allerdings können die Toten nicht mehr reden. Die Geschichten derer, die an einer Heroinüberdosis sterben, bleiben meistens ungehört. Aber wenn die Menschen, die dem Tod von der Schippe springen, ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen, dann sind sie in der Lage, uns von ihrem Leben am Abgrund zu erzählen.

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Ich lernte Anastasia im Jahr 2013 bei einer internationalen Drogenkonferenz in Litauen kennen. Dort vertrat sie eine Grassroots-Interessengemeinschaft, die den obdachlosen Drogenkonsumenten von New York hilft. Anastasia wurde zwar in Russland geboren, floh dann aber im Alter von 13 Jahren zusammen mit ihrer Familie in die USA, weil sie in ihrem Heimatland nicht mehr sicher waren. Mit 18 konsumierte sie schließlich acht sogenannte Speedballs am Tag. – Max Daly

Nach meiner ersten Heroinüberdosis ließ mich mein Freund einfach sieben Stunden lang bewusstlos liegen. Er versuchte zwar auch, mich mit Eis und was weiß ich noch allem wiederzubeleben, aber als ich wieder zu mir kam, war ich allein zu Hause und draußen war es schon dunkel. Später tauchte mein Freund dann wieder auf und meinte zu mir, dass er dachte, ich wäre tot. Er hatte sich sogar schon Gedanken darüber gemacht, vor welchem Krankenhaus er meine Leiche deponieren würde.

Wir haben uns unsere Drogen in ganz Brooklyn gespritzt: bei uns zu Hause, auf der Straße, in McDonald's-Filialen, in diversen Treppenhäusern, auf öffentlichen Toiletten oder in den Autos anderer Leute. Wir spitzen unsere stumpfen Nadeln an verdreckten Treppenstufen.

Es gab viele Hochs. Ich war 19 und gezeichnet vom Heroinmissbrauch. Ich ging auf eine Kunstakademie und arbeitete in einem Klamottenladen für Männer. Und ich wohnte in einer kleinen Einzimmerwohnung in Hell's Kitchen, einer New Yorker Gegend, die für Drogenkonsum und Prostitution bekannt ist. Manchmal fühlte ich mich wie die Königin der Welt. Ich dachte wirklich, eins mit den ganzen toten Legenden zu sein, die damals durch die Straßen New Yorks liefen—zum Beispiel Billie Holiday, Janis Joplin, Jimmy Hendrix oder Jean-Michel Basquiat. Ich hatte das Gefühl, sie alle zu verstehen und genau so zu sein wie sie. Ich war kaputt, ich war auf der Suche nach Liebe und ich hatte Angst. Trotzdem wollte ich so sehr leben—und das mit einem Sinn.

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1996 bin ich mit einem Flüchtlingsvisum von Alexandrov, einer Kleinstadt in der Nähe von Moskau, nach New York gekommen. Ich erinnere mich noch daran, wie man mich in der Schule wegen meiner relativ dunklen Hautfarbe beschimpfte (ich habe als Russin nämlich einen jüdischen Roma-Hintergrund). Mein Bruder wurde vom Vater seiner Freundin auch halbtot geprügelt, als der von seiner jüdischen Herkunft erfuhr.

Bei meiner Ankunft in den USA hatte ich keine Freunde und sprach kein Wort Englisch. In der High School wurde ich angespuckt, weil ich eine Ausländerin war. In meiner Familie gab es ständig Streit. Ich vermisste meine Heimat so sehr, aber ich wusste auch, dass ich nie wieder nach Russland zurückkehren konnte. Ich lenkte mich ab, indem ich viel malte. So wurde ich nicht komplett gebrochen. Schließlich studierte ich visuelle Kunst an der LaGuardia, einer berühmten Kunstschule. Dort lief alles total unkonventionell ab und ich befand mich unter vielen Immigranten und Künstlern. Dort fühlte ich mich wohl.

In meiner eigenen Haut fühlte ich mir allerdings nicht wohl. Ich war mir wegen meiner Sexualität unsicher, denn damals stand ich sowohl auf Männer als auch auf Frauen. Mit 18 wurde bei mir dann eine bipolare Störung diagnostiziert und man verschrieb mir deswegen Lithiumpillen. Ich hatte viele Fragen zu meiner eigenen Identität, denn ich hörte immer nur „bi". Als ich das erste Mal zusammen mit zwei Freunden Kokain nahm, sollte das meine Welt auf den Kopf stellen. Sie mochten es, aber ich dachte mir nur: „Wo zum Teufel warst du mein ganzes Leben lang?"

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Danach verliebte ich mich in Sky*, einen Freund meines Bruders. Er war sechs Jahre älter als ich, hatte vorher als Model gearbeitet und schien ein echt netter Typ zu sein. Eines Tages trafen wir uns zufällig in der U-Bahn und wurden schließlich ein Paar. Ich fand heraus, dass er schon lange Heroin nahm. Am Anfang wollte ich ihm noch dabei helfen, gegen seine Sucht zu kämpfen, aber irgendwann konsumierten wir das Zeug schließlich zusammen.

Sky meinte immer wieder, dass ich Heroin probieren und mein Geld nicht für Kokain aus dem Fenster werfen sollte. Kokain würde mich total verrückt machen. Ich müsste mit Heroin runterkommen. Und so kam es, dass wir uns ein halbes Jahr lang ohne Unterbrechung jeden Tag Speedballs, eine Mischung aus Kokain und Heroin, gaben. Das Ganze wurde richtig heftig. Früh morgens wachten wir mit Übelkeit auf und mussten dann direkt irgendwie Geld herbeischaffen—bevor die ersten Entzugserscheinungen auftraten. Tagsüber machten wir uns ans Werk und raubten kleine Läden oder Apotheken aus. Auch bei mir zu Hause stahl ich Geld oder verkaufte mein Hab und Gut. Sky lebte noch bei seiner Mutter und dealte nebenbei mit Heroin. Jeden Tag verbrauchten wir zusammen ungefähr sechs Tütchen Kokain und sechs Tütchen Heroin.

Heroin ist wie Aladdins Wunderlampe: Es lässt dich denken, dass alle deine Wünsche in Erfüllung gehen und du die Kontrolle über dein Leben hast.

Irgendwann injizierte ich mir so viel Heroin, dass sich ein Abszess auf meiner Vene bildete und ich sie nicht mehr spüren konnte. Ich musste mir die Nadel sechs Mal unter die Haut rammen, bis ich eine Ader fand. Ich fing auch an, akustische Halluzinationen zu bekommen. Zu Hause redete ich mit Menschen, die gar nicht da waren. Ich dachte sogar mal, dass ich über Häuserdächer spazieren könnte, ohne dabei abzustürzen und zu sterben. Schließlich ließ ich das Kokain ganz bleiben und nahm von da an nur noch Heroin.

Sky war ein richtiges Arschloch. Mir wurde klar, dass er mich von Anfang an heroinabhängig machen wollte, damit er sich die Kosten mit jemandem teilen konnte. Später fand ich auch heraus, dass er noch andere Frauen hatte und ständig Leute zu sich in die Wohnung einlud, um mit ihnen Drogen zu nehmen. Ich war in seinen Augen also nichts Besonderes, sondern nur irgendeine Frau, mit der er Heroin nahm und die er ab und an mal fickte. Nachdem sein Plan, mich im Gegenzug für kostenlose Drogen von mehreren Männern vergewaltigen zu lassen, fehlschlug, wurde ich in seiner Gegenwart vorsichtiger. Ich verließ ihn jedoch nicht komplett.

Sexuelle Gewalt ist vor allem für Drogenkonsumentinnen eine ständige Gefahr. Ich bekam quasi jede Woche diverse Sexangebote—entweder von Dealern oder von den Leuten, die mir einen Schuss gaben. Ich muss an dieser Stelle aber auch anmerken, dass ich mir geschworen hatte, niemals Sex für Drogen zu haben, denn das wäre mein absoluter Tiefpunkt gewesen. Eher hätte ich mich umgebracht. Das war eine meiner Grundregeln. Allerdings erfuhr ich trotzdem manchmal sexuelle Gewalt. Ich hatte echt Glück, dass ich dabei meistens lebend und relativ unverletzt rausgekommen bin.

Aufgrund meiner „Kein Sex für Drogen"-Regel musste ich auch ein paar kalte Entzüge durchstehen. Ich konnte mir wegen meines Alters auf legalem Wege kein Methadon besorgen und musste mich deshalb an Straßendealer wenden, damit ich die Tage überstehen konnte, an denen ich keinen Zugang zu Heroin hatte. Wenn ich jedoch noch weiter konsumiert hätte—vielleicht zehn Jahre oder so—, dann wäre mir wohl auch meine wichtigste Regel irgendwann egal gewesen. Dieses Leben bricht deinen Geist und dein Körper verkommt zu einer leblosen Hülle.

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Das Thema Tod ist in dieser Welt aus Kliniken, Entzügen, Krankenstationen und der Straße quasi omnipräsent. Man hört ständig davon, dass jemand gestorben ist—meistens an einer Überdosis, an HIV oder bei irgendeiner Gewalttat. Irgendjemand wird immer beim Drogenkauf des Geldes wegen erstochen oder schläft mit einer Zigarette im Mund ein, die dann die Wohnung in Brand setzt. Solche Geschichten sind in diesem Leben dein ständiger Begleiter. Deswegen haben die Leute normalerweise auch keine Hoffnung.

Ich musste alles neu erlernen—also zum Beispiel wie ich mich selbst besser akzeptiere und verstehe, wie ich mit anderen Menschen rede und eine Verbindung zu ihnen aufbaue, wie ich meinen Mitmenschen vertraue und wie ich wieder ich selbst sein kann.

Einmal wurden wir auch von einem SWAT-Team angehalten, auf den Boden geworfen und angewiesen, unsere Klamotten auszuziehen. Unser Auto wurde ebenfalls Stück für Stück auseinander genommen. Es folgte dann noch ein dreistündiges Verhör im Freien, weil die Polizisten unbedingt Drogen finden wollten. Sie konfiszierten unsere Spritzen und verhafteten meinen Freund. Ich hatte zwar Drogen bei mir, aber die Beamten konnten nichts finden und ließen mich deshalb gehen. Damals war ich 19 Jahre alt. Die ganze Sache wirkte auf mich ziemlich traumatisierend—vier bewaffnete Muskelprotze in Schwarz, die sich auf dich stürzen.

Mit 21 war ich quasi nur noch ein Geist, der durch die Straßen wandelte und auf den Tod wartete. Ich hatte weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft. Ich verbrachte auch viel Zeit in Psychiatrien, weil ich bereits zweimal versucht hatte, mich umzubringen.

Ich versuchte es bestimmt hundert Mal mit einem kalten Entzug, aber ich schaffte es maximal vier Tage und wurde dann rückfällig. Ich bin auch auf Heroin zu diversen Therapiesitzungen gegangen. Ich habe wirklich alles probiert: Entgiftungen, Entzüge und Beratungsgruppen.

Heroin ist wie Aladdins Wunderlampe: Es lässt dich denken, dass alle deine Wünsche in Erfüllung gehen und du die Kontrolle über dein Leben hast. In Wahrheit sitzen Heroinkonsumenten allerdings mit einer Nadel im Arm in irgendeiner verdreckten Toilette fest—obdachlos, pleite und einsam. Die Droge verdreht dir den Kopf und lässt unlogische Dinge plötzlich logisch erscheinen. Außerdem verlierst du dadurch langsam dein Zeitgefühl.

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Die Sache war allerdings folgende: Ich wollte nicht mit einer Spritze im Arm auf der Straße verrecken.

Nicht lange nach dem Beginn meiner Sucht wollte ich wieder von der Droge loskommen. Insgesamt dauerte es drei Jahre, clean zu werden. Zum Glück fand ich eine gute Beraterin, die unermüdlich mit mir arbeitete, um mir eine Genesung zu ermöglichen. Sie empfahl mir ein Naltrexon-Implantat, was damals noch etwas komplett Neuartiges war. Ich zwang mich dazu, das Ganze drei Mal nacheinander durchzuziehen. Danach nahm ich neun Monate lang Naltrexon-Pillen zu mir. Dazu begab ich mich auch noch in Therapie und war auf schwachen Psychopharmaka.

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Während der Behandlung ging ich durch die Hölle, aber ich hatte auch nichts zu verlieren. Meine Nächte waren von Panikattacken und fehlendem Schlaf geprägt. Ich dachte wirklich, ich würde verrückt werden. Allerdings schrieb ich mich in dieser Zeit auch wieder fürs College ein und nahm mir fest vor, meinen Abschluss zu machen. Nachts malte ich, um mich abzulenken, und tagsüber studierte ich Psychologie.

Mein erstes wieder komplett cleanes Jahr hatte ich mit 22. Ich musste alles neu erlernen—also zum Beispiel wie ich mich selbst besser akzeptiere und verstehe, wie ich mit anderen Menschen rede und eine Verbindung zu ihnen aufbaue, wie ich meinen Mitmenschen vertraue und wie ich wieder ich selbst sein kann. Ich traf auch die Entscheidung, die Pillen gegen die bipolare Störung abzusetzen. Mit 25 war ich dann nicht mehr auf sie angewiesen.

Ich bin jetzt seit fast elf Jahren clean und habe in dieser Zeit einen BA in Psychologie sowie einen MA in Strafrecht gemacht. Ich habe ungefähr sechs Jahre lang in der Sozialeinrichtung Vocal NY mit Obdachlosen und gefährdeten Jugendlichen zusammengearbeitet. Danach war ich eine Sprecherin und Sozialarbeiterin für die Drogensüchtigen New Yorks. Und jetzt betreibe ich zusammen mit dem National Development and Research Institute Nachforschungen zum Thema Drogenmissbrauch unter den Jugendlichen Brooklyns. Das Malen habe ich nie aufgegeben und ich hatte inzwischen sogar die Möglichkeit, einige meiner Werke auszustellen. Und letztes Jahr ging endlich ein lang gehegter Traum in Erfüllung und mein Sohn Nikita wurde geboren. Diesen Namen trägt er zu Ehren meines Großvaters.

Anastasias Geschichte wurde von Max Daly aufgezeichnet.

*Name wurde geändert