Anzeige
Sex

Fragen, die die neue ‚Bachelorette‘-Staffel aufwirft

MUSS die Kandidatin mit irgendjemandem schlafen, auch wenn niemand scharf ist? Und warum sind nicht alle ständig betrunken?

von Lisa Ludwig
09 Juli 2015, 10:08am

Screenshot: YouTube

Während sich Der Bachelor quotentechnisch Jahr für Jahr außerordentlicher Beliebtheit erfreut (auch wenn wir schon längst wieder vergessen haben, wie der letzte Kandidat aussah), war das weibliche Pendant des RTL-Erfolgsformats immer ein bisschen ... weniger. Weniger spannend, weniger dramatisch, weniger Bitchfight. Immerhin: Die letzte Kandidatin soll immer noch mit ihrem Rosenkavalier zusammen sein. Gute Aussichten also für Alisa, 27, Lehrerin, die sich von ihrer Teilnahme an der Kuppelshow erhofft, endlich ihren Seelenverwandten kennenzulernen. Im sonnigen Portugal buhlen 20 Männer zwischen Anfang 20 und Mitte 40 um ihr Herz. Zeuge werden, wer wann zu welchem Date eingeladen wird und ob irgendjemand nach einer besonders nervenaufreibenden Nacht der Rosen in den Pool kotzt, kann man in den kommenden Wochen immer Mittwochabends auf RTL.

Wir haben uns durch die zwei Stunden der Auftaktsendung gequält und hätten da noch ein paar wichtige Fragen. Legt die Heckenschere bereit, es wird ... dornig. (Oh, wie hätten wir uns an dieser Stelle eine Metapher gewünscht, die funktioniert)

Muss das sein?

Das mag wie eine etwas abstruse Frage klingen, die man vielleicht beim Großteil des deutschen (wie auch internationalen) Fernsehprogramms stellen sollte, aber: Ist es wirklich vonnöten, dass es zu einem sowieso schon recht drögen Format ( Der Bachelor) auch noch die geschlechtlich andere Seite gibt? Während zickige Studentinnen und überschminkte Erotikmodels zumindest dadurch für ein bisschen Spannung sorgen, dass sie sich bei jeder bietenden Gelegenheit gegenseitig die Augen auskratzen („Erzähle es keinem, aber wir haben uns geküsst." - „Boah, du Flittchen!"), sind Männer in ihrem Balzverhalten deutlich langweiliger. Wie einschläfernd es sein kann, wenn sich schluffige Dudes um das immer etwas amüsiert wirkende Mädchen von nebenan bemühen, hat die vergangene Staffel schon bewiesen. Weil Die Bachelorette zwar überaus dröge ist, aber scheinbar immer noch besser läuft als andere RTL-Eigenproduktionen, müssen wir da wieder durch. Schenkt euch doch schon mal den Sponsoren-Schnaps nach.

Wenn schon gescriptet, warum dann nicht richtig?

Jedes Format, das unterhalten soll, braucht eine dramaturgische Kurve. Deswegen laufen Shows, bei denen es um irgendetwas geht, zur Primetime auch besser als Dokumentationen über das Paarungsverhalten des Nacktmulls (auch, wenn es bei der Paarung um nicht weniger geht als das Fortbestehen einer Spezies und Nacktmulle ziemlich fantastische Tiere sind). Menschen werden nach Stereotypen gecastet, manche Kandidaten bekommen offensichtlich nur deswegen eine Rose, weil sie genug Freakpotential für die ein oder andere dramatische Wendung haben und diese ganzen Abenteuer-Dates denken sich die ganzen Bachelors und Bachelorettes da draußen auch nicht selbst aus. Wenn die jeweiligen ausführenden Sender also sowieso bei allen Geschehnissen ihre Finger im Spiel haben: Wie kann es dann sein, dass die aktuelle Bachelorette-Staffel eine furchtbare, körperlich unangenehme Dumpfbacken-Unterhaltung nach der nächsten abliefert? Was glaubt ihr, wofür das „Script" in „gescriptet" steht? Gebt den Leuten ein gottverdammtes Drehbuch, wenn sie nicht von alleine dazu in der Lage sind, ganze Sätze zu bilden!

Spätestens bei „Schöne Augen." - „Du auch. Braun." - „Und sonst so?" - „Ja." hätte im Hintergrund irgendetwas explodieren, ein toter Vogel vom Himmel fallen oder der aufgeregte Kandidat zumindest seinen Penis zeigen müssen. Ihr seid doch keine Anfänger, RTL! 20 notgeile Selbstbräuner-Sörens und eine hoffnungslos naive Lehrerin mit ordentlich Gratis-Suff in einer sonnenbeschienenen Villa mit Pool—daraus muss man doch irgendwas machen können.

Darf man als Bachelorette die Sendung abbrechen, wenn man mit keinem der Kandidaten schlafen möchte?

„Wenn ich sie wäre, würde ich mir hart verarscht vorkommen", schrieb mir eine hochgeschätzte Freundin beim gestrigen Fernsehabend per WhatsApp und was soll ich sagen: Sie hat Recht. Während bei den männlichen Junggesellen seitens des Senders penibel darauf geachtet wird, dass die Bewerberinnen auf den Pe ... die letzte Rose sämtliche gängige Männerfantasien erfüllen, musste die durchaus süße Bachelorette am Mittwochabend einen Schlag nach dem nächsten hinnehmen. Total „crazy" Nagelstylisten aus Berlin, die ihren Namen („Robbin") mit mehr Buchstaben als nötig schreiben, weil sie auf ihrem letzten LSD-Trip die Eingebung hatten, dass sie das irgendwie interessanter erscheinen lässt? Wegwerf-Klone diverser Fußballprofis und dem einzig wahren Bachelor, Paul Janke? Astrologie-Fans mit der Aura eines Serienkillers?!

Man sollte doch davon ausgehen, dass von 20 zusammengecasteten Männern zumindest einer den Eindruck macht, eine psychisch stabile Person und kein fehlprogrammierter Menschenroboter zu sein. Es tut uns wirklich Leid, Alisa. Da kommen acht harte Wochen auf dich zu. Mehr Prosecco?

Alkoholexzesse, Zickenkrieg und MDMA-Beichten—unsere Voraussagen zum Bachelor 2015.

Apropos: Warum sind die Leute nicht permanent betrunken?

Es ist warm, ihr seid Teil einer Show, in der es eigentlich nur um Sex und nackte Haut geht (Liebe? Liebe macht keine Quote, ihr verblendeten Romantiker) und habt den Großteil des Tages absolut gar nichts zu tun, außer gut auszusehen und am Pool rumzuhängen? Und dann habt ihr auch noch einen Kühlschrank voller Alkohol? Jeder normale Mensch wäre bereits ab 14 Uhr hackedicht! Selbst bei der ersten großen Kennenlernrunde gab es statt Champagner und Cocktails für viele der Kandidaten nur Orangensaft, Energy Drink oder—das höchste der Gefühle—ein zahmes Glas Weißwein. Was zur Hölle ist eigentlich los mit euch, Bachelorette-Dudes?

Sind alle Teilnehmer vertraglich dazu verpflichtet, an jedweder Art von Blume zu riechen?

Natürlich, die Situation ist schwierig. Man steht wie ein absoluter Vollidiot unter Leuten in sehr bunten Jacketts im Wohnzimmer einer Villa und starrt emotionslos (und möglichst videogen) ins Nichts—in der Hoffnung, dass die „Nacht der Rosen" endlich vorbei ist und man sich mit seinen neugewonnenen Freunden ordentlich einen reinstellen kann. Ihr habt kein Smartphone zur Hand, auf das ihr starren könnt, und unterhalten geht auch nicht, weil es die gezwungen dramatische Atmosphäre zerstören würde. Alles, was euch davon ablenkt, eine alkoholgeförderte Narkolepsie zu entwicklen, ist die verdammte Blume, die ihr in der Hand habt. Also riecht ihr daran. So weit, so nachvollziehbar.

Warum allerdings die Bachelorette an einer Papierserviettenrose schnuppern musste, die ihr einer der Kandidaten auf dem Weg zur Villa im Taxi schnell zusammengebastelt hat, bleibt offen. Vielleicht kommt irgendwann ans Licht, dass sämtliche Beteiligte vor Aufzeichnungsbeginn in einem mehrwöchigen Floristen-Bootcamp auf Blumen abgerichtet wurden? Wir behalten das im Auge. #journalism

Noisey: Kay Ones Datingshow ist das Frauenfeindlichste, was seit Langem im Fernsehen gelaufen ist.

Könnte man das ganze Format nicht bedeutend straffen und an einem Abend in einer Großraumdisko in Wanne-Eickel durchführen?

Ernsthafte Frage. Schlechte Anmachsprüche, aufdringliche BWL-Studenten in C&A-Hemden und in der Mitte eine kichernde, zunehmend betrunkener werdende Frau—was muss da überhaupt gecastet werden? Verabschieden wir uns von der irrigen Annahme, dass es bei menschlichen Beziehungen darum geht, sich in abstrus aufwendigen Dates unfassbar intensiv kennenzulernen, bevor man miteinander in die Kiste steigt. Ob man mit jemandem schlafen möchte, weiß man nach fünf Minuten Gespräch an der Bar, während man auf seinen nächsten Drink wartet. Die meisten Kuppelshow-Paare trennen sich sowieso wieder nach zwei Wochen, warum also nicht auch das Format als solches deutlich beschleunigen? Es gibt absolut nichts, was dagegen spricht.

Wenn ihr wollt, dass Lisa die nächste Bachelorette wird: sagt es ihr bei Twitter.