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Popkultur

gutefrage.net ist ein Paradies für rechte „Asylkritiker“

Die Ratgeber-Community gewährt Einblicke in die Abgründe der deutschen Seele. Eine Typologie der Internet-Patrioten—und warum sie so gefährlich sind.

von Lisa Ludwig
25 November 2015, 3:41pm

Foto: imago | IPON

Wer heute eine Frage hat („Wann kommt die nächste Bahn?", „Normale Kopfschmerzen oder Krebs?", „Collin Farrell Größe?"), stellt sie nicht Freunden oder Bekannten. Er fragt das Internet. Das ist allerdings nicht nur groß, weise und voller wichtiger Informationen, sondern in manchen Ecken auch eine Mischung aus Verschwörungstheoretiker-Swingerclub und Führerbunker. Während die Diskussion um rechte Hetze in großen sozialen Netzwerken wie Facebook allgegenwärtig ist, tummeln sich berufsbesorgte Bürger in anderen Bereichen des Netzes noch vergleichsweise unbehelligt. Eine dieser Plattformen: gutefrage.net.

Die Ratgeber-Community war mir persönlich bisher vor allem durch die etwas seltsame Mischung aus Handwerkerforum und BRAVO-Leserbriefen bekannt. Wenn man sich allerdings mal ein paar Minuten Zeit nimmt und sich durch die Beiträge zum Thema „Asyl", „Flüchtlinge" oder „Asylbewerber" klickt, wird einem klar, wie gemütlich es sich die Stammtischpatrioten dort wirklich gemacht haben. Zuträglich dabei ist zum einen sicherlich, dass die Seite an sich ziemlich unübersichtlich ist. Zum anderen sind Personen, die im Netz nach schneller Hilfe suchen, wahrscheinlich auch empfänglicher für einfache Antworten. Nach mehreren Stunden auf gutefrage.net lassen sich die rechten Protestbürger in drei Kategorien einteilen:

[Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Zitate weder grammatikalisch noch orthografisch korrigiert.]

Die Rattenfänger

Wie perfide und systematisch Rechte in ihren missionarischen Online-Aktivitäten mittlerweile vorgehen, zeigt sich vor allem bei den Threads, die von Jugendlichen erstellt werden—die der Asyldebatte übrigens größtenteils positiv gegenüberzustehen scheinen. Wo und wie man am besten helfen könne, wird da oft gefragt, oder was man rassistischen Eltern erwidern kann, die nicht möchten, dass man mit einem Flüchtling (ebenfalls im Teenageralter) zusammen ist. Oder überhaupt das Haus verlässt, während sich Flüchtlinge in der Stadt befinden. Was man grundlegend als Hilfsbereitschaft, soziales Bewusstsein und Weltoffenheit auslegen könnte, scheint in den Augen der communityeigenen Hardcore-Patrioten ein unbestellter Boden, in den man den Samen der Asylkritik pflanzen muss.

Screenshot: gutefrage.net

Man muss kein Psychologe sein, um festzustellen: Wer einem sowieso schon verunsicherten Mädchen einreden möchte, dass ihr Freund sie nicht liebt, sondern über sie nur an eine Aufenthaltsgenehmigung kommen möchte, muss ein ziemlich schlechter Mensch sein. Ebenso schlecht wie die, die unbegründete Ängste junger Menschen nicht durch Aufklärung aus der Welt räumen, sondern sie stattdessen noch durch gefährliches Halbwissen schüren.

Screenshot: gutefrage.net

Was zu intensive Beschallung mit rassistischen Klischees aus einem Menschen machen kann, der doch eigentlich nur seine Liebe zu einer Person anderer Herkunft zeigen möchte, zeigt beispielsweise der Fall eines 15-Jährigen, der wissen möchte, ab welchem Alter man „Tierabwehrspray mit sich führen" dürfe. Schließlich müsse er auf dem Weg zur Schule immer an einem Flüchtlingsheim vorbei und habe gehört, dass dort ein Mädchen überfallen worden sei. Wer da noch durch Aussagen à la „Warum nicht gleich Pfefferspray?" zusätzliches Öl ins Feuer gießt, anstatt—wie für Erwachsene angemessen—erst einmal deeskalierend und beruhigend zu wirken ... dem möchten wir seine Tastatur wegnehmen und die Internetverbindung kappen.

Die „überhaupt nicht rechten" Internet-Aktivisten

„Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber ..." ist eine Redewendung, die mittlerweile so abgeschmackt ist, dass man selbst dem stereotypsten Pegida-Prediger zutrauen würde, sich mittlerweile eine andere Argumentationskette überlegt zu haben. Zumindest bei der Frage-Community scheint sie aber noch ziemlich hoch im Kurs zu stehen. „ Ich möchte nicht rassistisch gegenüber moslemischen Flüchtlingen klingen, aber ich denke moslemische Flüchtlinge hätten eher was gegen uns (wir sind Christen)" trifft auf „Ich meine sie sind jetzt in Sicherheit, also wieso haben sie keinen Anstand und benehmen sich, wie man es von jemanden erwartet der Froh ist das man ihn aufgenommen hat. Ich meine ich bin für Flüchtlinge aber ich kann es einfach nicht verstehen".

Screenshot: gutefrage.net

Rassistische und fremdenfeindliche Klischees und Vorurteile sind aber eben auch dann noch rassistisch und fremdenfeindlich, wenn man eingangs versichert, dass man auf gar keinen Fall rassistisch und fremdenfeindlich klingen möchte. Deswegen ist es auch dann strafrechtlich relevant, jemanden anzuschießen, wenn man ihm davor explizit gesagt hat, dass man ihn echt nicht verletzen möchte.

Unter Überschriften, die tendenziöser nicht sein könnten, werden vermeintlich ergebnisoffene Fragen gestellt, denn: Meinungsfreiheit! Da wird man ja wohl noch diskutieren dürfen! Wir lassen uns nicht mundtot machen! (Oder ihr setzt einfach eine dieser anderen Worthülsen ein, die nichts anderes meinen als „Kritik ist nur dann angemessen, wenn sie aus dem rechten Spektrum kommt und auf Kosten von Minderheiten passiert. Alles andere ist Zensur!") Da formulieren Leute betont „naiv" und unbescholten ihre Ängste (vor der Islamisierung, den ganzen Ausländern, dem „Untergang" Deutschlands) und wissen dabei wahrscheinlich ziemlich genau, welcher Diskussion sie im Antwortbereich dadurch Tür und Tor öffnen. Als hätten sie nur auf den richtigen Stichwortgeber gewartet, verbreiten die engagierten Diskutanten im Antwortbereich nämlich anschließend Zahlen und „Habe ich gehört"-Geschichten als Fakten, die entweder nicht zu belegen oder komplett aus dem Zusammenhang gerissen sind.

Screenshot: gutefrage.net

Diese „Fragen" und Kommentare treten so gehäuft auf und sind sich in ihrem flüchtlingsfeindlichen Subtext so ähnlich, dass sich davon ausgehen lässt, dass diese Informationen ganz bewusst so gestreut werden. Und das ist ähnlich eklig wie die Aufforderung an Teenager, doch lieber im Altersheim auszuhelfen. Schließlich habe man denen seinen „Wohlstand" zu verdanken, „nicht den Flüchtlingen".

Die komplett Wahnsinnigen

Die kleinste und mit Abstand erschreckendste Gruppe ist allerdings die der Leute, deren Weltbild so nachhaltig erschüttert scheint, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Da vermengen sich Alltagsrassismus, allgemeine Dumpfbackigkeit, Frustration und eklatantes Unwissen zu einem derart abstrusen Gedankenmorast, dass man eigentlich lachen müsste—wäre es nicht so traurig.

Screenshot: gutefrage.net

Da gibt es beispielsweise den Fall eines jungen Mannes, der sich ziemlich sicher ist, HIV-positiv zu sein, nachdem seine Freundin mit einem „Afrikaner" geschlafen hat und das Ganze in einem Monolog voller Selbstzweifel und Fremdbeschuldigungen verpackt, der so auch aus einem Stand-Up-Comedy-Programm stammen könnte: „und zwar hat mich meine freundin vllt mit aids angesteckt, da sie ungeschützten sex mit einem afrikaner hatte. [...] und dann haben sie miteinander geschlafen weil er sein Geschlechtsteil einfach bei ihr reingesteckt hat ( ich wollte das garnicht wissen aber sie hat es mir einfach gesagt, das sie nicht schuld dabei wäre ) Aber wieso hat sie dann nicht stopp gesagt und ist gegangen, also alles ein großer Witz!"

Da gibt es Leute, die auf die Frage, warum Flüchtlingsheime in Deutschland angezündet werden, eine überraschend klare Antwort haben („Villeich aus Sorgen und Angst vor dem Taliban Attentäter die zwischen dem Flüchtlingen nach Europa ohne Probleme und Visum rein kommen und sich Einsiedeln für später Rache zu nehmen"), oder auf besonders beeindruckende Art und Weise die rechte Lieblingsposition (die des Opfers nämlich) einnehmen und fragen: „Ist die Asylpolitik unseres Staates noch legal, uns gegenüber, oder werden hier bereits Menschenrechte verletzt, denn ich fühle mich nicht mehr wohl und sicher?"

Screenshot: gutefrage.net

Mein persönlicher Favorit sind aber die Freizeit-Machiavellis, die den absoluten Masterplan zur Lösung der Flüchtlingskrise in Händen halten. Unter der Überschrift „Warum lernen die Politiker nichts aus Tröglitz" fragt sich ein User beispielsweise, warum es nicht einfach ein zentrales Flüchtlingscamp gibt, wo alle Verfolgten und Flüchtenden dieser Welt einfach hinkommen können, wenn mal wieder irgendwo Krieg ausbricht. Egal ob „in Nordaufrika oder auf einer einsamen Insel"—Hauptsache weit weg vom geliebten Vaterland. Laut seiner Rechnung würden so jeden Monat „wahrscheinlich" nur rund 200 Euro pro Flüchtling anfallen. Wie genau er auf diesen Betrag gekommen ist, erklärt er leider nicht und ähnlich schwammig muten auch die Lösungsfantasien eines ideologischen Mitstreiters an, der vorschlägt, Flüchtlinge doch einfach in „die leeren Städte nach China" (?) zu bringen.

Nur Mut, ihr rechten Vordenker. Vielleicht meldet sich ja irgendwann die Regierung (oder zumindest die Lügenpresse) bei euch und lässt sich ein bisschen genauer erklären, wie ihr gedenkt, die Menschheit (oder zumindest Deutschland) zu retten. Oder die netten Beamten von der Polizei kommen vorbei und gucken sich bei euch mal ein bisschen genauer um. Wir drücken die Daumen.

Wenn ihr Fragen an Lisa habt, stellt sie ihr bei Twitter.