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Sex

Prostitution hat mich durchs Studium gebracht

Das System ist kaputt: Kids werden von der Verheißung einer guten Stelle an die Uni gelockt, doch am Ende haben sie einen Abschluss im Vögeln.

Titel-Illustration von

Sam Taylor

Als Studentin habe ich viel Hot Chip gehört und mit vielen Typen für Geld gevögelt. Ich habe quasi einen Abschluss im Vögeln. Außerdem habe ich einen Abschluss in Englisch und seinem literarischen Erbe, sogar einen sehr guten. Die höhere Bildung lehrte mich, meine Zunge in vielfältiger Weise einzusetzen, sei es für kluge Sätze oder für Blowjobs. Beide Qualifikationen haben durchaus etwas miteinander zu tun. Denn hätte ich mich nicht für Sex bezahlen lassen, dann hätte ich mir weder mein Studium leisten können, noch wäre ich in der Lage gewesen, meine im Verfall begriffene Heimatstadt zu verlassen. Ich tat also das, was ich tun musste. Wie Politiker es den Arbeitslosen so gern erzählen, bekommst du einen Job, wenn du es nur wirklich willst. Zur Not musst du dich eben hinknien und dir deinen Lebensunterhalt mit dem Schrubben von Toiletten verdienen. Und wenn dabei zufällig ein Typ reinkommt, der einen geblasen haben will, machst du einfach deinen Mund auf und verdienst dir mal eben ein ganzes Wochengehalt dazu.

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Es ist schön und gut, den Leuten vorzubeten, dass sie rausgehen und sich Arbeit suchen sollen. Die Frage ist nur, wo sie sie finden sollen. Meine Mutter war 16 Jahre lang Projektleiterin, wurde aber im letzten Winter entlassen. Sie hat noch immer keinen neuen Job, und das liegt nicht daran, dass sie sich keine Mühe gegeben hat. Auch ich habe vier Jahre nach meinem Abschluss noch immer keinen Vollzeitjob und kenne genügend andere Absolventen, die noch mit Ende zwanzig in Bars oder Club-Garderoben arbeiten. Oder in beidem. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es keine freien Stellen gibt? Weil einige Leute zwei oder drei Jobs haben, um sich über Wasser zu halten? Wenn nicht einmal promovierte Alleswisser Arbeit finden—Leute in Großstädten, die über jahrelange Arbeitserfahrung verfügen—, wie zur Hölle sollen sich dann weniger privilegierte Menschen einen Beruf aus dem Hut zaubern?

Solange es keine Stellen gibt, hilft es nichts, Leuten ihre Sozialleistungen zu streichen. Sie werden sich illegalen Geschäften zuwenden. So wie ich und, entsprechenden Studien zufolge, viele andere es getan habe. Eine Studie aus dem Jahr 2010 besagt, dass 25 Prozent der britischen Studenten jemanden kennen, der in der Sexbranche gearbeitet hat, um sich das Studium zu finanzieren. 1990 waren es nur drei Prozent. Mittelständische Kids werden von der Verheißung einer guten Stelle an die Uni gelockt. Doggy Style hatten sie damit aber nicht im Sinn.

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Als ich den Mangel an Arbeitsplätzen in einer Talkshow ansprach, wurde ich von dem gerissenen Moderator gefragt, was denn mit all den Immigranten sei, die in Coffee Shops arbeiten. Ob er damit wohl die 1.700 Leute meinte, die sich in einem Café in Nottingham auf acht freie Stellen beworben haben? Vielleicht hast du das Glück, bei Starbucks angestellt zu werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass du davon leben kannst.

All das ist natürlich nichts Neues:

„Es ist keinesfalls außergewöhnlich, 18 oder 20 in einem kleinen Raum vorzufinden, in dem die Hitze und der fürchterliche Gestank unerträglich sind … Wenn sie Bettwäsche haben, dann ziehen sie sie ab, um von Ungeziefer verschont zu bleiben … Der freundliche und zu Recht beliebte Pfarrer einer Kreiskirche, die sich neben Herbergen befindet, hat angegeben, 29 Menschen in einem Apartment gefunden zu haben."

Das schrieb der Sozialforscher Henry Mayhew im Jahr 1851. Im Leben der Armen scheint sich in den letzten 160 Jahren nicht viel getan zu haben.

Wie kam es, dass der Untergang der Titanic so eine Katastrophe war? Es lag daran, dass die Menschen mit Macht und Geld die Sicherheit aller anderen auf Spiel gesetzt haben, indem sie an allen Ecken und Enden gespart haben, um ihren Profit zu maximieren. Sie dachten, sie wären zu groß, um zu scheitern. Kommt dir das bekannt vor? Statt Rettungsbooten für alle, baute man lieber riesige Decks für die Passagiere der ersten Klasse. Sozialhilfempfängern für die wirtschaftlichen Problemen des Landes verantwortlich zu machen, ist so, als würde man den armen Leuten, die um Rettungsboote kämpfen, die Schuld am Sinken des Schiffs geben. Natürlich gibt es auch arme Menschen, die sich scheiße verhalten und das Sozialsystem ausnutzen. Letztlich imitieren sie damit aber nur das Verhalten der Reichen. Steuerhinterziehung hat den ordentlichen Steuerzahler in den letzten Jahren in ganz Europa Milliarden gekostet. Warum reden wir nicht darüber? Wann wird es endlich Dokumentationen über die wahren Betrüger geben? Über die Banken und Energieunternehmen, die milliardenhohe Gewinne einstreichen und erwarten, dass ihnen mit öffentlichen Geldern ausgeholfen wird, wenn einmal was schief läuft? Und über die Geschäftsführer, die keinen Trick auslassen, um dem Land, das sie reich gemacht hat, jeden Pfennig Steuergeld vorzuenthalten? Arme Leute kennen den Spielstand. Sie spielen das gleiche Spiel wie alle anderen.

Heute vögele ich nicht mehr für Geld. Sorry, Jungs. Stattdessen hure ich in den Medien rum. Als ich meinen Freund kennengelernt habe, beschloss ich, dass es an der Zeit wäre, einen Schlussstrich zu ziehen, aber ich konnte keine Arbeit finden. Was ich gemacht habe? Ich habe Sozialhilfe beantragt. Jetzt verdiene ich Geld mit dem Schreiben, was jedoch nicht möglich gewesen wäre, wenn ich nicht ein Jahr lang unbezahlte Praktika absolviert und mir dadurch einen Namen gemacht hätte. Ich habe Glück. Ich bin privilegiert. Ich bin so weit gekommen, weil ich jemanden hatte, der mir geholfen hat. Wenn ich nicht in einer Beziehung gewesen wäre und mich während der Uni nicht prostituiert hätte, würde ich jetzt wahrscheinlich Klamotten klauen gehen. Die Leute treffen eine schlechte Wahl, wenn alle guten Möglichkeiten weg sind. Für viele Leute lohnt sich Arbeit nicht, warum also sollten sie sie machen? Die Lösung liegt nicht in geringeren Sozialleistungen, sondern in höheren Löhnen.