Berlin empfängt Erdogan wie einen Diktator

„Für mich ist der wie Hitler“, sagte uns eine aufgebrachte Frau auf einer der Demos in Berlin, während sich der türkische Premierminister im Kanzleramt mit Angela Merkel unterhielt.

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04 Februar 2014, 4:51pm

Während Erdoğan sich im Kanzleramt mit Angela Merkel unterhielt, fanden gleich mehrere Demonstrationen gegen die Politik des türkischen Premierministers statt. Das liegt auch daran, dass es bei aller gemeinsamen Wut auf Erdoğan immer noch große Unterschiede zwischen den verschiedenen oppositionellen Strömungen gibt. So kam es, dass die Demos des Bundes Türkischer Jugendlicher (TGB) und der alevitischen Gemeinde Deutschlands fast gleichzeitig und nur fünf Minuten Fußweg voneinander entfernt stattfanden.

Um 11 Uhr versammelte der TGB um die 250 Menschen hinter dem Hauptbahnhof, um dann mit lauter Musik und Lautsprecherparolen in Richtung Reichstagsgebäude zu ziehen. Wie man an ihren zahlreichen Atatürk-Flaggen unschwer erkennen konnte, ist der TGB eine zwar grundsätzlich linke Jugendorganisation, als erster Maßstab gelten aber die Prinzipien des Staatsgründers der Türkei. Immer wieder wurde der Ruf „Wir sind die Soldaten Mustafa Kemals“ angestimmt. Für viele sogenannte Kemalisten bedeutet Erdoğans Politik eine Bedrohung eines der wichtigsten dieser Prinzipien: dass die Türkei ein laizistischer Staat bleiben muss.

Erdoğan gehört begraben, der kommt aus dem letzten Jahrhundert“, erklärt mir ein mit seiner Frau extra aus Nürnberg angereister Demonstrant. „Der ist ein radikaler Islamist, ein Diktator. Den brauchen wir nicht.“ In der Nähe lief eine Frau, die ein Schild mit dem Namen von Ali Ismail Korkmaz trug, der während der Gezi-Aufstände totgeprügelt worden ist. „Unser Präsident ist ein Faschist, der die Gläubigen ausnutzt und die ganze Türkei kaputt macht“, erklärte sie mir. „Das wird wie Iran oder Irak. Das wollen wir nicht.“

Die Gezi-Aufstände sind für alle hier noch hochaktuell. Lautstark wurden die alten Parolen („Taksim ist überall“, „Schießt doch euer Pfeffergas“) gerufen, was die deutschen Polizisten wohl aber nicht verstanden. Genauso Thema war aber der Korruptionsskandal, der der Regierung Erdoğan eine seit Dezember andauernde Krise beschert hat. Weil damals eine riesige Menge Bargeld in einem Schuhkarton im Haus eines Ministers gefunden worden war, hatten etliche Teilnehmer Schuhkartons mitgebracht.

Kaum einen Kilometer von der TGB-Demo entfernt hatten sich noch einmal an die 2.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor versammelt, diesmal auf einer von der alevitischen Gemeinde organisierten Kundgebung. Hier war das Durchschnittsalter zwar etwas höher, dafür war die Mischung etwas bunter: Neben den Aleviten waren auch Kurden, Kommunisten und „Revolutionäre Proletarier“ vor einer LKW-Bühne versammelt. Die Themen waren die gleichen: Die Demonstranten warfen Erdoğan Korruption, Demokratieabbau und die schleichende Islamisierung der Türkei vor.

„ Erdoğan will das osmanische Reich zurückbringen“, erklärte mir eine Frau. „Für mich ist der wie Hitler. Nachdem, was am 17. Dezember passiert ist, hätte der eigentlich weggehen müssen, aber er hat einfach alle Gesetze geändert.“

Plötzlich lief eine Gruppe Jugendlicher in Pinguinkostümen über den Platz. Der Pinguin ist zum Symbol für die Autozensur der türkischen Presse geworden, seitdem CNN Türk am ersten Abend der Gezi-Proteste lieber eine Dokumentation über die niedlichen Tiere zeigte, als über die Proteste zu berichten.

Eine Frau lief mit einem Schuhkarton herum und gab vor, „für unseren armen Premierminister“ Geld zu sammeln. Sie war stinksauer auf Erdoğan, der die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei abgeschafft habe. Von Fethullah Gülen, dem Kleriker, der für die gegenwärtigen Schwierigkeiten Erdoğans verantwortlich sein soll, hielt sie allerdings auch nicht viel. „Er ist auch ein Terrorist“, erklärte sie mir. „Die sind gegeneinander, weil es einen Kuchen gab. Dann wollte einer mehr als seine Hälfte vom Kuchen essen, deshalb kämpfen die jetzt. Das geht nur um Geld, dieser Kampf.“

Fast alle hier sind der Überzeugung, dass Erdoğan bei den nächsten Wahlen für seine Fehler bezahlen wird. Der türkische Taxifahrer, der uns vom Pariser Platz wegbrachte, war da ganz anderer Meinung. „Dass Erdoğan jetzt hier in Berlin ist, finde ich scheiße, das macht meine Arbeit schwierig“, erklärte er. „Aber seine Politik ist gut. Ich habe ihn gewählt und ich werde ihn wieder wählen.“ Selten kann man in Deutschland die Spannungen in der Türkei so direkt erleben wie heute, beim Berlinbesuch des büyük usta/großen Meisters. 

Fotos: Grey Hutton