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Mit Russland ist nicht zu spaßen, wenn du Umweltschützer bist

Wenn die russische Regierung etwas nicht mag, dann sind es Homosexuelle oder Leute, die etwas gegen die Ölförderungen in der Arktis haben. Wir haben mit einem Greenpeace-Aktivisten gesprochen, der für seinen Aktionismus in Murmansk ins Gefängnis kam.

von Matthew Francey
11 Dezember 2013, 12:44pm

Frank Hewetson (Foto mit freundlicher Genehmigung von Kirill Andreev/Greenpeace)

Eigentlich ist es erstaunlich, dass Wladimir Putin im Westen nicht mehr Verehrung von Seiten konservativer Fanatiker entgegenschlägt. Als er die Homophobie in seinem Land gesetzlich verankert hatte und sich eine kleine Pause gönnte, startete seine Regierung am 19. September den größten Staatsangriff auf Greenpeace, den die Organisation seit der Versenkung ihres Forschungsschiffes Rainbow Warrior durch den französischen Geheimdienst im Jahr 1985 je erlebt hatte. 

Wie du vielleicht schon gehört hast, stürmte eine Gruppe schwer bewaffneter Anti-Terroragenten des FSB (dem spirituellen Nachfolger des KGB) das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise, nachdem Aktivisten versucht hatten, auf die umstrittene Bohrinsel Prirazlomnaya zu klettern. Die Aktivisten protestierten gegen Tiefseebohrungen. Die Aktivisten wurden zwei Monate lang ins Gefängnis von Murmansk gesteckt, um da ihre Lektion zu lernen.

Zunächst waren die Aktivisten der Piraterie angeklagt worden, doch dieser Vorwurf wurde später fallengelassen und durch „Rowdytum“ ersetzt—dabei droht ihnen noch immer eine groteske Strafe von sieben Jahren. Am 28. November wurden die letzten der 30 Besatzungsmitglieder in St. Petersburg gegen Kaution freigelassen, nachdem sie 71 Tage im Gefängnis verbracht hatten. Der Prozess steht noch aus.

Ich habe den britischen Aktivisten Frank Hewetson angerufen, um mit ihm über den Protest und seine Zeit in Murmansk zu sprechen und zu hören, was nun auf ihn und den Rest der Arctic 30 zukommt.

Frank während seiner Haft in Murmansk, Russland (Foto mit freundlicher Genehmigung von Dimitri Sharomov/Greenpeace)

VICE: Hi Frank. Kannst du mir erzählen, wie es zu der Festnahme kam?  
Frank Hewetson:
Wir sind am 18. an der Prirazlomnaya-Bohrinsel angekommen und wollten dort Leute hochklettern lassen, um für einen friedlichen Protest ein Banner aufzuhängen. Daraufhin versuchte der Küstenschutz, uns aufzuhalten, und dann wurde die Situation schnell recht unfriedlich. Unser Schiff wurde schwer beschädigt und es wurde mit Feuerwaffen geschossen. Wir beschlossen, dass unsere Sicherheit zu sehr in Gefahr war, und zogen uns zurück. Gute 24 Stunden lang gab es einen Patt. Der Küstenschutz wollte unser Schiff entern und mit uns über die Ereignisse des Tages sprechen, und uns wurde klar, dass das wahrscheinlich auf eine Verhaftung hinauslaufen würde. Am 19. schickten sie einen Hubschrauber aus Moskau, und zig schwer bewaffnete Einsatzkräfte der Anti-Terror-Einheit des FSB seilten sich auf unser Schiff ab und nahmen es in ihre Gewalt.

Das muss ziemlich furchteinflößend gewesen sein, oder?
Na ja, die Küstenwache war ja schon seit fünf Tagen an unserer Seite, deshalb war es eigentlich nicht so furchterregend, sondern es war irgendwie zu erwarten gewesen. Und ich muss sagen, dass sie relativ professionell waren. Einer von ihnen hat mir geholfen, ein Tablett mit Tee und Keksen vom einen Deck aufs andere zu tragen, während er eine Sturmhaube aufhatte, eine AK-47 hielt und ein Messer und eine Handfeuerwaffe am Gürtel trug. Im Wesentlichen sperrten sie uns dann unter bewaffneter Bewachung in einen Bereich des Schiffs—der Kapitän war komplett abgeschottet von uns—und fuhren die fünftägige Fahrt zurück nach Russland.

Das klingt wie ein Kapitel aus Horatio Hornblower—nur mit AKs und Helikoptern.
Als wir im Gefängnis waren, haben tatsächlich ein paar von uns angefangen, solche Bücher zu lesen. Wir haben nicht damit gerechnet, dass man uns wegen Piraterie anklagen würde, wir haben nicht mit einer zweimonatigen Haft in einem ziemlich grauenvollen Gefängnis gerechnet und wir haben nicht damit gerechnet, dass wir in Russland festgehalten werden würden. Wir sind noch immer nicht frei. Wir können Russland nicht verlassen und wir haben noch immer einen Gerichtstermin, der vor dem 24. Februar stattfinden muss. Im Moment sitze ich in einem sehr schönen Restaurant in St. Petersburg, aber wir könnten wieder vor Gericht kommen, und es könnte sein, dass uns eine Gefängnisstrafe erwartet.

Russische Sicherheitsdienste haben sich von einem Helikopter auf das Deck der Arctic Sunrise abgeseilt und das Schiff beschlagnahmt (Foto mit freundlicher Genehmigung von Greenpeace) 

Lastet die Piraterie-Anklage denn noch immer auf euch?
Ich glaube, sie haben die Anklage der Piraterie, auf die mindestens 15 Jahre Gefängnis stehen, zurückgezogen. Diese Anklage hat uns wirklich den Wind aus den Segeln genommen. Wenn du in Großbritannien wegen etwas anklagt wirst, heißt das, dass es ernst gemeint ist—dass ein rechtlicher Anspruch geltend gemacht werden kann und dass das auch getan werden wird. Zum Glück haben sie die Anklage fallengelassen, jetzt lautet die Anklage Rowdytum mit einer Waffe, was ebenfalls ein lächerlicher Vorwurf ist. 

Was war das für eine Waffe?  
Ich denke, sie beziehen sich auf ein Katapult für Seile, aber ich weiß es nicht genau. Denn ein Katapult ist keine Waffe. Ich weiß nicht, wo die Waffe war. Wobei, eigentlich weiß ich es: Sie hatten sie und haben damit geschossen. 

Euch droht noch immer eine beträchtliche Zeit im Knast. Sieben Jahre, oder?
Ja, das stimmt. Wir hoffen, dass sie das noch mindern. Wir hoffen, dass sie einsehen, dass es keinen Rechtsfall gibt, und wir nach Hause geschickt werden. Es gibt verschiedene Grade des Rowdytums—auf den ersten steht nur eine Geldstrafe und, wenn überhaupt, sollten wir die bekommen. Aber im Grunde sollten wir nicht einmal die bekommen. Wir haben kein Verbrechen begangen. Vergiss nicht, dass diese künstliche Insel außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone liegt, sie befindet sich also in internationalen Gewässern. Es war illegal, dass unser Schiff gestürmt und unsere gesamte Ausrüstung beschlagnahmt wurde.

Kannst du etwas über deine Zeit im Knast erzählen?
Ja, es war ziemlich grauenvoll. Ich glaube, der Knast in Murmansk war vorher eine psychiatrische Anstalt. Das gesamte Erdgeschoss war voller Gefangener mit Tuberkulose. Ich war im zweiten Stock. Alles war extrem heruntergekommen, und das Essen war grauenvoll. Wir waren 23 Stunden am Tag in unserer Zelle eingesperrt. Die Zelle war, glaube ich, 2,2 mal 5,5 Meter oder so groß. Es herrschte das Motto: „Keine Hoffnung, keine Furcht, kein Gebettel.“ Das klang ziemlich einleuchtend. 

Ein Angehöriger der russischen Küstenwachte zielt mit einer Waffe auf einen Aktivisten von Greenpeace International, während fünf Aktivisten versuchen, auf die Bohrinsel Prirazlomnaya zu klettern (Foto mit freundlicher Genehmigung von Greenpeace). 

Was war das Krasseste am Gefängnis?
Pro Tag hatten wir eine Stunde lang Freizeit. Wenn man herkommt, wird man über einen ziemlich heruntergekommenen Basketballplatz geführt—ich hatte gehofft, dass man mich [in meiner Freizeit] dorthin bringen würde. Ich war völlig fertig, als ich in diesen Betonbau mit Stahlblechdach geführt wurde. Es gab kein Sonnenlicht. Ich habe Schweineställe gesehen, die besser aussahen. Du warst allein, es sei denn, einer deiner russischen Zellengenossen kam dazu, und das war’s. Das war deine Ausgangsstunde. 

Wie bist du mit deinen Zellengenossen klargekommen?
Als du mit Isomatte, Kissen, Decke und Laken reinkamst, hast du deinen Zellengenossen die Hand geschüttelt und dich hingelegt, ohne zu wissen, wie lange du bleiben würdest. Natürlich gab es gewaltige Sprachbarrieren, aber wir sind so gut es ging mit ihnen klargekommen. Ich hatte Pech, denn meine Zellengenossen waren beide Kettenraucher. Ich bin Nichtraucher, und die einzige Möglichkeit, den Rauch aus dem Zimmer zu kriegen, war, das Fenster zu öffnen. Und nachts sind es natürlich weit unter null Grad. 

Das klingt hart.
Das war es auch. Du musst von einem Tag zum anderen leben, was manchmal schwierig ist, wenn du mit einer Piraterie-Anklage und 15 Jahren Gefängnis konfrontiert bist. Ich hatte ziemlich viele Gerichtstermine und wurde für die Fahrten in einen winzigen Gefängnistransporter gequetscht. Ab und zu blieb der Transporter stehen und die Fahrer mussten aussteigen und ihn, mit mir drinnen, anschieben. Es war schon unheimlich komisch. Es schwankte zwischen dem Schlimmsten und dem Komischsten, was ich je erlebt habe. Ich erinnere mich, wie ich einmal auf den Hof ging, auf dem Eis ausrutschte und längs auf den Boden fiel. Es war furchtbar, aber ich fand es wirklich witzig, mich da liegen zu sehen und mir vorzustellen, wie erbärmlich ich gerade aussehen musste.

Das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise (Foto mit freundlicher Genehmigung von Greenpeace)

Eine Art Galgenhumor?
Ja, der hat mir sehr geholfen. Es waren sechs Briten an Bord und ein paar haben „The Great Escape“ gepfiffen, was wundervoll war. Das Gebäude, die gesamte Umgebung—der Stacheldraht, die Hunde, die Megaphone, die Wachtürme, die baufälligen Gebäude—es fühlte sich an, als wenn du in einem dieser alten Kriegsfilme wärest. Aber du warst es nicht—du warst weggesperrt und sahst einer jahrelangen Haft entgegen. Es war also ziemlich surreal, „The Great Escape“ zu hören, weil du ja wirklich fliehen wolltest. 

Auch wenn der Protest nicht ganz so gelaufen ist, wie ihr es euch vorgestellt habt—denkst du, dass ihr es geschafft habt, die Aufmerksamkeit auf das Problem zu richten?
Ja, das glaube ich auf jeden Fall, und ich will, dass die Arctic-Kampagne weitergeht. Sie hat Symbolcharakter, und ich denke, dass die Öffentlichkeit sie wirklich ernst nimmt. Die Leute verstehen die Fragilität der Arktis, und sie verstehen, worum es uns geht. Wir waren zwei Monate im Gefängnis. In den Medien war es eine riesige Sache, und ich denke, es wurde klar, wie ernst wir die Sache nehmen. Ich hoffe wirklich, dass die Unterstützung anhält. 

Was genau erhoffst du dir von der Kampagne?
Wir würden es als einen gewaltigen Erfolg betrachten, wenn es bei den Bohrungen in der Arktis zu einer Art Moratorium kommt. Man darf nicht vergessen, dass wir das in der Antarktis bereits erreicht haben. Dort gibt es ein fünfzigjähriges Moratorium für jede Mineral- oder Ölgewinnung, und das wurde von Greenpeace angetrieben. Wir können die Arktis retten, aber die Zeit ist knapp.

Danke, Frank.

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