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The Profiles Issue

Wie man burmesische Flüchtlinge auf das Leben im Westen vorbereitet

in Mae La gibt es Apartment-Attrappen, die die Flüchtlinge in die Vorzüge der westlichen Zivilisation einführen sollen, ehe sie tatsächlich in eins der etwa ein Dutzend Länder ausreisen, die Menschen aus Burma aufnehmen.

von Marc Apollonio
14 Juli 2014, 7:30am

Foto von Marc Apollonio

Das größte Flüchtlingslager in Thailand heißt Mae La und ist eine enge, mit mehr als 44.000 Bewohnern übervolle „Stadt“ an der Grenze zu Burma. Die Hügel werden von den Bambushütten überwuchert, auf deren Lehmböden—abgesehen von NGO-Hilfsgütern wie Reis und Zahnbürsten—nur wenige Habseligkeiten liegen.

Auf einem der Hügel steht eine Hütte, die nicht zu den anderen passt: Das Dach ist zwar wie Tausende andere Dächer mit Gras und Blättern gedeckt, aber die Wände bestehen aus grau gestrichenem Holz. Der Innenraum wirkt wie eine ­kleine, aber aufgeräumte Junggesellenbude: Haushaltsgeräte, ein Ofen, ein Fenster, ein Bad und ein Kühlschrank mit Obst, Gemüse und Eiern. Allerdings sind die Lebensmittel alle aus Plastik, die Toilette funktioniert nicht, und hier soll auch keiner wohnen. Das Apartment ist eine Attrappe, welche die Flüchtlinge von Mae La in die Vorzüge der westlichen Zivilisation einführen soll, ehe sie tatsächlich in eins der etwa ein Dutzend Länder ausreisen, die Menschen aus Burma aufnehmen.

Durch die Wohnung führt mich Saw Norman, ein Flüchtling aus dem Volk der Karen—eine der vielen ethnischen Gruppen, deren Rebellen seit Jahrzehnten gegen die burmesische Regierung kämpfen. Norman (Name von der Redaktion geändert) ist 52 und floh schon mit acht Jahren vor dem Bürgerkrieg. 2006 setzte er sich über die Grenze nach Thailand ab. Seitdem lebt er in Mae La.

Ein Jahr vor seiner Ankunft in Mae La hatte die thailändische Regierung die Erfassung von Neuankömmlingen aus Burma gestoppt, und ohne Registrierung ist keine Aussiedlung möglich.

„Wer nach 2005 in den Lagern angekommen ist, steht nicht einmal in der Datenbank der thailändischen Regierung“, sagt Sally Thompson. Sie leitet das Border Consortium, eine NGO, die burmesischen Flüchtlingen in Thailand hilft. Der rechtliche Status von Menschen wie Herrn Norman ist ungeklärt. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass sie als unerwünschte Personen nach Burma zurückgeschickt werden.

Die einzige Hoffnung für Normans Familie, aus dem Lager Mae La he­rauszukommen, wäre das Ende des burmesischen Bürgerkrieges. Regierung und Rebellen verhandeln derzeit über einen Waffenstillstand, aber in einigen Landesteilen wird immer noch gekämpft.

Doch wenn Herr Norman die Wahl hätte, würde er sowieso nicht nach Burma zurückkehren. Am liebsten will er in den Westen, damit es seinen Kindern einmal besser geht. Aber vorerst bleibt Mae La ihr Zuhause, und die Apartment-Attrappe nur ein Traum.

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