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LEGAL HIGHS

(Halb-)Legale Räusche: Slivovitz, der Schnaps der Schönen

Der selbstgebrannte Slivovitz unserer Familienfreundin Jasna ist die Antwort auf fast alle Fragen. Zumindest, wenn die Fragen etwas mit dem Ausbruch des Balkankriegs und dem Übel in der Welt zu tun haben.
03 Oktober 2014, 11:00am

Foto: uosɐɾ McArthur via photopin cc

Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben viele von uns in ihren rauschverliebten Jugendtagen das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb packen wir hier die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs" aus—also zu Räuschen, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Heute: Slivovitz.

Meinen ärgsten Trip hatte ich eigenartigerweise auf Slivovitz, kurz: Schliwo, dem Schnaps der (eher nicht so) Reichen und (eher selten) Schönen. Ich weiß, auch Schnaps ist im Grunde nur Alkohol in hohen Dosen oder tiefen Flaschen, aber auch, wenn ich nicht bis ins kleinste chemische Detail erklären kann, woran es liegt, bin ich mir doch sicher, dass der Ethanol im Schliwo auf magische Weise mit den anderen Zutaten kettenreagiert und so etwas Ähnliches wie MAGIE in unseren Gehirnen erzeugt.

Meine Anfangserfahrungen mit Slivovitz beruhten auf die Bekanntschaft meiner Eltern mit Jasna, eine der kämpferischsten und größten Frauen, denen ich je begegnen durfte, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls brachte sie meinen Eltern (und eigentlich mir) immer selbstgebrannten Schliwo aus Nova Gradicka mit. Abgefüllt in grünen Sprite-Flaschen, hineingestopft in „Polen-Taschen", kreuzte dieser neben selbstgemachten Würsten dann die EU-Außengrenze, bis er irgendwann nach mehreren Bestechungsversuchen in meinen gierigen Händen landete. Getrunken wurde er dann auf Partys, auf denen irgendein bulgarischer Optiker-Sohn aus der Klasse unter mir mit der Tochter des ehemaligen Berliner Polizeipräsidenten ins Bett ging, oder ich zusehen musste, wie meine erste große Liebe von einem Gehbehinderten mit nur einer Hand abgeschleppt wurde. Wie ihr seht, hatte ich den Schliwo also bitter nötig.

Darüber hinaus trug der Schnaps dazu bei, dass ich mich trotz meiner finanziellen Lage bei ruhigen, fast Pensionisten-artigen Treffen mit Torky Tork im ehemaligen Klub Kurvenstar an der Bar besaufen konnte. Das war billig, denn wir bestellten nur Bananensaft, füllten unter der Theke den Schliwo nach und torkelten dann irgendwann aus dem Lokal—im Idealfall, noch bevor wir die Kellnerin so sehr beschimpften, dass sie uns eine Rückkehr in der Folgewoche strikt untersagte.

Den Höhepunkt erlangten meine Schliwo-Exzesse jedoch in Wien. Es war kalt und der Wind wehte—früher wehte der aus der eurasischen Tiefebene kommende Wind in Wien noch viel krasser. Damals beschloss ich, meine Freunde aus Linz (fatal) und ein paar französische Erasmus-Studentinnen zu mir einzuladen, an denen wir uns trotz oder gerade wegen der langjährigen Freundinnen platonisch aufgeilen konnten und unter der Hand immer nur „Die Franzmösinnen" nannten. Und natürlich meine Freundin. Ihr erster Kommentar bei der Ankunft in meiner Garçonnière war: „Jakob, wozu legst du den Boden mit Klarsichtfolie aus?"

Foto: kinggrl via photopin cc

Es kam, wie es in meiner Substandard-Wohnung kommen musste. Der Speiseplan meiner Partys hat sich bis jetzt nicht geändert: Fischkonserven, Kartoffeln und Topfen. Damals kam Schliwo als neueste Menü-Ergänzung dazu. Nach einer Stunde stand Thibaut schon mit geöffneter Hose im Türsturz und pinkelte über den Hausflur hinweg in mein Außen-WC. Meine Freundin sah mich entsetzt an, die Französin verlor eine Kartoffel von ihrer Gabel (sie rührte die schwedischen Fisch-Konserven nicht an) und ich fragte mich nur, warum ich bloß das Stiegenhaus nicht auch mit Zellophan ausgelegt hatte. Thibaut pinkelte also vor allen Leuten und während des Essens über den Gang in mein Außen-Klo und schrie die Worte: „Jakob, du hast ja gar keine Substandard-Wohnung!!!!"

Ich machte noch eine Sprite-Flasche mit Schliwo auf. Der Abend ging dann damit weiter, dass am Ende eine Schwanzparade in der Küche stand (die Frauen waren irgendwie abhandengekommen), die sich gegenseitig—außerhalb der Duschkabine—mit dem Duschkopf nass zu spritzen versuchte. Die Römer haben ja das Kolosseum damals auch geflutet. Der Schliwo wirkte.

Um 23:00 Uhr schmiss ich dann alle raus. Und damit meine ich, dass wir uns irgendwann alle zusammenpackten und ich gemeinsam mit der Piss-Truppe johlend wie in einem Studentenfilm der 30er-Jahre mit Schliwo über die Hernalser Hauptstraße dem Gürtel entgegen torkelte. Mir war sonnenklar, dass meine Mutter mich nicht unter Schmerzen aus sich rausgepresst hatte, damit ich frierend des Nächtens eine ergraute Vorstadtstraße entlang stolpern und Probleme machen konnte. Wie es der Zufall wollte, waren aber gerade auf unserer Route ein paar Hippies dabei, umzuziehen. Für den folgenden Vorfall ist es wichtig zu wissen, dass ich wirklich nichts anderes zu mir genommen hatte als den guten Schliwo.

Foto: Dennis Harper | flickr | cc

Zirka fünf Sekunden später fuhr ich den roten VW-Bus der Hippies mit offener Ladeluke und einer verängstigten Beifahrerin stadtauswärts. Der Zündschlüssel hatte gesteckt, ich hatte ihn einfach mal umgedreht und schon waren wir unterwegs—ich und die Unbekannte. Sie schrie: „Ich möchte heim!!!" Ich, als assimilierter Neo-Wiener, antwortete: „Passt eh, passt eh."

Kurz darauf fiel mir ein, dass ich noch nie im Leben alkoholisiert gefahren war, aber genau das jetzt gerade machte. Also blieb ich genauso plötzlich stehen wie ich eingestiegen war und stieg aus. Am Ende hatten mich die Hippies laufend und außer Atem verfolgt und es kam zu einer leichten Rangelei, die vom angehenden Gynäkologen in unserer Gruppe mit den einzig vernünftigen Worten beendet wurde, die eine solche Situation noch retten können: „Burschen, habt doch Verständnis: Der Typ ist schizophren." Was mir in dem vorkam wie ein stundenlanger Entführungs-Roadtrip, den zehn Jahre bestimmt jemand in Hollywood verfilmen würde, war in Wahrheit nur eine Fahrt von wenigen Metern gewesen.

Damit war die Sache auch wieder gegessen. Der Abend endete damit, dass der jüngere Ex-Mormone in unserer Schwanzparade-Truppe seine 2MB(!)-Digicam verlor und ich mit Schüttelfrost heulend bei meiner Freundin auftauchte—mit dem Wissen, dass meine Wohnung im Arsch ist und warum der Balkankrieg so war, wie er nun mal war war. Die Antwort auf beides und vermutlich ziemlich viele andere Übel dieser Welt lautet eindeutig: Schliwo.

Jakob ist ein Ehrenmann der alten Schule, weshalb er Twitter meidet und nur via E-Mail erreichbar ist.