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Sex

Mein Job in einem Spukhaus

So beschissen kann es sein, wenn man hauptberuflich Menschen Angst einjagt.

von Laurence Rivers, Kollagen: Marta Parszeniew
08 September 2014, 12:04pm

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Vor ein paar Jahren bewarb ich mich in Edinburgh als Schauspieler bei einem dieser Spukhäuser für Touristen. Ich habe keine Ahnung, warum ich den Job überhaupt bekam. Ich schätze mal, dass ich durch meine nichtvorhandene Schauspielerfahrung perfekt in ihr Konzept passte. Das und die Tatsache, dass das große Mädchen von der Personalabteilung auf mich stand (sie hätte einfach mal etwas sagen sollen. Ich wäre sofort dabei gewesen). An dem Tag meiner Einführung stand ich dann also vor diesem kitschig anmutenden Gebäude auf dem Parkplatz eines ehemaligen Bahnhofs. Ich hatte weder Geld auf dem Konto noch Pläne für den Sommer und so spazierte ich in meinen ersten Arbeitstag.

John hatte das letzte Wort auf dieser Müllhalde. John war ein Boss der schlimmsten Sorte. John war einer von diesen Menschen, deren kompletter Lebensinhalt voll und ganz durch ihre berufliche Tätigkeit ausgefüllt wird. In Johns Fall bestand diese darin, den Ableger einer erfolgreichen Kette von—wie ich sagen würde—„Spukhäusern“ zu leiten. Alles, was Johns Mund verlässt, hat in irgendeiner Weise mit dem Job zu tun, den wir alle hassen—und folglich hassen auch alle John.

Die Morgen werden in der Regel von einer kollektiven Katerstimmung heimgesucht, während John nicht aufhören will, über Verkaufsprognosen und Gewinnmargen des Quartals zu reden. Die Darsteller sitzen wie betäubt im Neonlicht des Mitarbeiterraums. Sie alle fürchteten das in der Ferne erklingende Jauchzen und Frohlocken europäischer Studentengruppen—den Vorboten eines weiteren höllischen Tages in der Unterwelt. So sieht es aus, wenn man hauptberuflich Menschen Angst einjagt.

Die Tür neben dem Aufenthaltsraum führt einen in die Maske. Der Raum ist bis oben hin vollgestopft mit einem Haufen Billigschminke und Theaterkostümen, die den 20 Pfund teuren Eintrittspreis gegenüber nur als blanker Hohn gesehen werden können—die Maske ist gleichzeitig auch der traurigste Raum des ganzen Gebäudes. Das allmorgendliche Ritual, sich mit billiger Pampe einzuspachteln, zeigt einem ziemlich schnell auf, wo man sich gerade befindet und was man gleich zu tun hat. Es sperrt deine Seele, oder was davon übrig ist, sicher hinter eine Mauer aus Lidschatten und besiegelt so für einen weiteren, niemals enden wollenden Tag dein Schicksal. 

Die Kalkulationen des Ladens waren mehr als haarsträubend. An einem geschäftigen Tag—also einem Tag, an dem es etwas mehr regnete als sonst, und die Menschen in Scharen und vor lauter Einfallslosigkeit zu einem Spukhaus rennen, das auf dem Parkplatz eines alten Bahnhofs errichtet worden war—konnte man damit rechnen, dass wir mindestens 1.900 Menschen „in Empfang nehmen“. Eine Tour konnte maximal 30 Personen gleichzeitig umfassen, da das Boot der Wasserbahn dazu tendierte, nicht allzu gut zu funktionieren, wenn es mit noch mehr Menschen vollgestopft war.

Natürlich laufen Menschen normalerweise nicht in Gruppen von 30 Leuten durch die Gegend, also „performte“ man oft vor Massen in der Größenordnung von drei oder vier Personen. So sah die Geschäftsordnung es vor. Übrigens sah die Geschäftsordnung es auch vor, dass in den geschäftigen Monaten alle sechs Minuten eine Tour zu starten habe, was bedeutete, dass man am Tag bis zu 100 Touristengruppen bespaßen musste. Die Rollen umfassten die ganze Palette—von verrückter Wissenschaftler bis hin zu Kannibale—und zur allgemeinen Belustigung war ein maßlos übertriebener schottischer Akzent Pflicht.

Der Autor zeigt uns seinen furchteinflößendsten Blick

Der Laden fiel buchstäblich auseinander—wie man es auch nicht anders von einer Touristenfalle erwarten würde, die auf einem Parkplatz errichtet worden war. Symptomatisch für den voranschreitenden Verfall, der diesen Ort heimgesucht hatte, war der Teil mit der Bootsfahrt: eine viereinhalb Minuten dauernde Simulation nautischen Horrors mit ein paar Strobos und gelegentlich funktionierenden Wasserdüsen. Dort gab es auch eine Hexe (wenn ich „Hexe“ sage, meine ich eigentlich einen Kleiderbügel, den man mit einem zerlumpten Kleid und einer Hexenmaske behangen hatte). Nach zwei Minuten Bootsfahrt bewegte sich besagte Hexe einen Meter an einer Kette hinunter und sollte auf diese Weise den Personen unter ihr einen Schrecken einjagen.

Das Problem bei der Sache war allerdings, dass das Licht in dem Raum nie so funktionierte, wie es eigentlich sollte, und du somit die schreckliche, fliegende Zauberin über dir gar nicht richtig erkennen konntest. Eines Tages—ich nehme an, sie war die mangelnde Professionalität in dem Laden langsam leid geworden—löste sich die Hexe aus ihrer Verankerung und segelte über die teilnahmslosen Köpfe hinweg in die stinkende Brühe. 

Mit Abstand am schlimmsten war allerdings das eine Mal, als das vollbesetzte Boot seinen Geist aufgab. Das Boot—eigentlich eher eine große Glasfaserkiste, die an einer Kette hin und her gezogen wurde—war einfach nicht dafür gebaut, so viele Menschen auf einmal zu transportieren, wie die Geschäftsführung es gerne wollte. Mitten an einem Sommertag quittierte das Teil schließlich seinen Dienst.

Es waren die Schreie, die uns darauf aufmerksam machten, dass hier eventuell ein tatsächliches Problem vorlag. Die Bootstour war wirklich vieles, aber angsteinflößend definitiv nicht. Jeder Angstschrei wies also mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine tatsächliche Gefahr hin und war weniger auf den planmäßigen Betrieb der Attraktion zurückzuführen. Es dauerte wohlgemerkt einiges an unorganisierter Kommunikation, bis allen klar geworden war, dass die Hülle des Gefährts tatsächlich Risse bekommen hatte und im Begriff war, unterzugehen. 

Von ganz oben kam dann die Entscheidung, die Lichter anzumachen. In der normalerweise dort vorherrschenden Dunkelheit waren die Chancen gering, dass die Besucher erkannten, in was für einem schäbigen Zustand sich die Touristenattraktion eigentlich befand. Mit der Betätigung des Lichtschalters verschwand dann aber auch umgehend jegliche Form von Mystik. Diejenigen, die vor ein paar Sekunden noch angsterfüllt geschrien hatten, sahen nun das wahre Wesen des Raums in all seiner halogenen Pracht. Die „Bootstour“ war ein Becken mit stehendem Wasser: vier Meter lang und 30 Zentimeter tief. Im Wasser fand sich neben dem Boot noch ein benutztes Kondom, eine Menge Anti-Legionella-Kügelchen und, zur allgemeinen Überraschung, ein Laib Brot. Durch diesen Tümpel watete dann ein Techniker mit einem großen Ersatzboot. Auf diese Weise konnten die Passagiere ihren Kahn verlassen, ohne Gefahr zu laufen, sich mit der Legionärs- oder einer Geschlechtskrankheit anzustecken, bzw. mit Backwarentreibgut in Berührung zu kommen. Das Management zwang uns dann, die Tour einfach fortzuführen, damit die unerschrockenen Abenteurer am Ende nicht ihr Geld zurück verlangen konnten.

Zum gleichen Zeitpunkt etwa fing ich auch an, während der Arbeit zu trinken: Bier zum Mittagessen und immer einen Flachmann parat, um auch den Rest des Tages funktionstüchtig zu sein. „Niemals die Rolle verlassen“, lautete das Mantra des mittleren Managements. Ein Mantra, das schwer zu befolgen ist, wenn eine Mutter mit kleinen Kindern dein in einem Kannibalenkostüm steckendes Ich dafür anpflaumt, dass es um 11 Uhr morgens nach Whiskey stinkt.

Ein anderes großes Problem war der Lagerkoller. Es kommt einfach zu einer unangenehmen Nähe unter Kollegen, wenn man den ganzen Tag in einem unterirdischen Verlies eingesperrt ist. Das führte, gepaart mit dem Stress, der Langeweile und der konstanten Sauferei dazu, dass es nicht lange dauerte, bis die Kollegen und Kolleginnen anfingen, miteinander zu vögeln. Touristengruppen kehrten ein und aus, während sich die Angestellten verlegen wegschlichen, um dann mit etwas weniger Schminke um ihre Münder zu ihrer Position zurückzukehren. Jeder bändelte mit jedem an, man wechselte untereinander und bändelte dann wieder an—ohne sich irgendwelche Gedanken darüber zu machen oder daran zu denken, wie sich das auf die eigentliche Arbeit auswirken würde. Aus unerfindlichen Gründen hat es nicht gerade oberste Priorität, vor 30 Italienern eine schlecht konzipierte Vorstellung abzuliefern, wenn du ständig betrunken bist und gelegentlich im Behindertenklo vögelst. 

Der August kam und brachte noch mehr Freuden mit sich. Mit dem Edinburgh Festival ströhmten noch mehr Menschen in die Stadt, die den kostspieligen Nervenkitzel einer 08/15-Touristenattraktion suchten. In einem Akt letzter Verzweiflung begannen einige der schauspielernden Angestellten, in der Hoffnung dadurch ein paar Vorteile genießen zu können, mit dem Management anzubändeln. Da ich nicht das Glück hatte, eine Frau zu sein, fand ich mich immer öfter in den wirklich schlimmen Schichten wieder, bis der Druck einfach zu groß wurde.

Nach einer durchzechten Nacht mit Alkohol, Drogen und einem Handjob in einem Club fand ich mich im Bus auf dem Weg zur Arbeit wieder. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, in das Spukhaus gegangen zu sein, aber der Pfad aus Kotze, der die Treppen runter führte, war das Zeugnis meiner Anwesenheit. Aus irgendeinem Grund habe ich eine ziemlich aufrichtige Ethik, wenn es darum geht, den Job zu machen, für den man mich eingestellt hat. Kein Kater oder Drogenloch hat mich je dazu verleitet, mein Telefon in die Hand zu nehmen und mich krank zu melden (dank dieses Charakterzugs wurde ich bislang allerdings schon geschlagene drei Mal gefeuert). In dem Fall versuchte ich sogar noch, mein Make-up anzulegen. „Wenn Alice Cooper das nach zwei Flaschen Bourbon schafft“, dachte ich mir, „wo liegt dann schon das Problem?“ Das Problem lag darin, dass Alice Cooper weder einen direkten Vorgesetzten noch eine Klausel zu Fehlverhalten in seinem Vertrag unterschrieben hatte. Ich aber hatte Beides und wurde umgehend mit einem Maßregelungstermin für den nächsten Tag nach Hause geschickt.

Maßregelungen folgen immer dem gleichen Muster. Ich sitze dort mit dem großen Oberboss und einem seiner Lakaien. Der Lakai stand in der Regel mal auf der gleichen Stufe im Anstellungsverhältnis wie ich, hat es dann aber durch hingebungsvolle Arschkriecherei bis ganz nach oben geschafft. Jetzt verdient er 50 Pence mehr als ich und darf ein gelbes T-Shirt tragen. Dieses Treffen bildete dabei keine Ausnahme. 

Aus Erfahrung wusste ich schon, wie diese disziplinarischen Treffen abzulaufen haben: Der Beschuldigte muss sich reumütig zeigen und um eine letzte Chance betteln, diesen Job weiter machen zu dürfen—den Job, den er so sehr hasst, dass er ihn überhaupt erst in diese Situation bringen konnte. In diesem Fall ging das ganze Trara um die Tatsache, dass ich an besagtem Tag eigentlich einen Freifallturm bedienen sollte, vor der Arbeit aber eine Flasche Wodka geleert hatte. Wie es scheint, gehen „Trinken und Fahrgeschäfte nicht Hand-in-Hand“. Auf keiner Seite.

Nach 20 Minuten Ermahnung und Belehrung durch den großen Oberboss, während der Lakai stumpf wie ein Wackeldackel alles abnickte, wurden schließlich die schicksalhaften Worte geäußert: „Hast du zu dieser Angelegenheit noch etwas zu sagen?“

Es gibt unglaublich viele Dinge, die man zu dieser Angelegenheit sagen könnte, und kein Blatt Papier ist lang genug, als dass alle darauf Platz finden würden. Ich blieb beim Altbewährten und sagte dem Mann, dass der Job beschissen und er ein blöder Wichser sei. Ich wurde umgehend entlassen.

Da sich in meinem Schließfach nichts als leere Bierdosen befanden, machte ich mir gar nicht erst die Mühe, es auszuräumen. Ich ging die Stufen hoch, die ich ein paar Monate zuvor noch zaudernd hinabgestiegen war und entfloh in den strömenden Regen des edinburghschen Spätsommers.

Praktischerweise entdeckte ich im Jahr darauf ein Stellenangebot für exakt die gleiche Position in einem anderen Spukhaus. Man empfing mich dort mit offenen Armen. Immerhin hatte ich Erfahrung vorzuweisen.

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