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Popkultur

Die Turtles waren die ersten Hipster

Mein liebstes Spielzeug war ursprünglich eine riesengroße Verarschung. Der Aufstieg und Fall einer Comic-Serie, die sich so oft verkauft hat, bis sie bei Michael Bay gelandet ist.

von Josef Zorn
16 Oktober 2014, 8:00am

Foto vom Autor

Es gibt popkulturelle Ausreißer, die unser kollektives Bewusstsein nie mehr loslassen—oder zumindest deren Markennamen. Wie stark beeinflussbar man in der Jugend ist, beweisen Phänomene wie Pamela Anderson, Quentin Tarantino, Hello Kitty, Moneyboy, Pippi Langstrumpf, Banksy und Spongebob. Am faszinierendsten ist in dieser vielschichtigen Trendmaschinerie jedoch, wenn Underdogs und Nischengeschichten zum geldscheffelnden Mainstream mutieren—eine Action-Figur von Moneyboy würde ich sofort kaufen.

Es gab eine Zeit, da waren vier anthropomorphe Schildkröten das Wichtigste in meinem Leben. Parallel zu meiner eigenen Geburt erblickten auch die Teenage Mutant Ninja Turtles das Licht der Welt und bewiesen, dass künstlerische Ironie ein internationales Millionengeschäft fundieren kann. Leonardo, Raphael, Michelangelo und Donatello waren die ersten verdammten Hipster—unschwer an ihren prätentiösen Namen zu erkennen.

Der erste Entwurf einer Ninja-Schildkröte von Kevin Eastman sollte im November 1983 eigentlich nur den Autoren- und Zeichnerkollegen Peter Laird zum Lachen bringen. Die Beiden fanden einfach Gefallen daran, die brütende Ernsthaftigkeit von Frank Millers Ronin sowie die verschiedensten übertriebenen Superheldentiere in der Comic-Landschaft der damaligen Zeit verarschen. 

Marvels mediokre Mutanten, wie die haarige Schottin Wolfsbane, Bird-Brain, Magma bis Howard the Duck, führten in der Szene zu Kopfschüttlern und waren deshalb die besten Vorlagen in Sachen uninspirierter Lächerlichkeit. Auch die sich im Untergrund bekriegenden Ninja-Clans bei Daredevil und besonders Cerebus, das misanthropische, hermaphroditische Erdferkel, das seit den 70ern als Papst und auch kanadischer Premierminister von sich Reden machte, dienten als abstruse Parodieschablonen für vier fiese Schildkröten-Ninjas. 

Aber irgendwann wurde aus der Verarschung ein Liebesprojekt. Laird arbeitete mit Eastman und der finanziellen Unterstützung dessen Onkels sowie mit Hilfe von Steuerrückzahlungen motiviert an dem ersten Turtles-Konzept weiter. In Massachusetts wuchs im Namen der spontan gegründeten Mirage Studios die selbstpublizierte 3000er Auflage des ersten Teenage Mutant Ninja Turtles-Comics in Schwarzweiß heran. Seht ihr auch die Parallele zum modernen Hipster-Selbstläufer Die Antwoord? Die Südafrikaner sind auch eine vielverzweigte, lebende Kunstinstallation, die im Kern eigentlich eine White-Rapper-Persiflage in sich trägt, und haben dann der Ironie den Rücken zugedreht. Nicht nur Live haben sie definitiv bewiesen, wie verdammt gut lyrische Ninjas sein können.

Und übrigens, Ninjas sind böse, falls ihr das nicht wusstet. In den Storylines von Eastman und Laird sind die Turtles vom Ratten-Sensei Splinter zu brutalen Profikillern ausgebildet worden und haben kein Interesse an Pizza. Sie sollten eigentlich Shredder, dessen Zackenkostüm übrigens dem visuellen Eindruck einer Käsereibe auf Eastmans Arm zu verdanken ist,  ermorden. Vielleicht wurde deshalb in der deutschen Version der Turtles immer das „Ninja“ durch „Hero“ ersetzt.

Foto vom Autoren

Die Verniedlichung des Franchise setzte richtig ein, als der Marketing-Experte Freedman die Turtles-Erschaffer Eastman und Laird überzeugte, die Merchandising-Möglichkeiten ihrer freaky Figuren ordentlich zu nutzen. 1986 bringt Dark Horse die ersten 15-Millimeter-Miniaturen der Turtles heraus und ab 1988 übernimmt Playmates Toys den Vertrieb der bald sehr populären Action-Figuren. Das war der Beginn eines Milliardengeschäfts mit dem Parodieprodukt, das den geistigen Vätern mittlerweile komplett aus den Fingern geglitten war.

Der von Playmates Toys engagierte John Schulte konzipierte mit seinem Konzeptteam die gesamte kinderfreundliche Schiene der Surfer-Sprüche klopfenden Turtles inklusive Zeichentrickserie, Pez-Spender, Skateboards, Frühstücksflocken, Videospiele und sogar ein Rasier-Set für Kinder. Ein Stück dieses im Nachhinein unseren präpubertierend Intellekt bloßstellenden Hartplastikmülls, hat ungefähr 360 Schilling gekostet—obwohl Undercover Don eigentlich schon ziemlich cool war. 

Foto von Philipp Roithinger, einem Freund des Autors, der bis vor Kurzem eine 15-Quadratmeter-Wand voller Action-Figuren aus den glorreichen 90ern besaß. 

Im Zuge der ersten Animationsserie wurde ein bunteres MacDonalds-Universum entwickelt, das Unmengen an schwachsinnigen Charaktere einführte, die dann—wie könnte es anders sein—wiederum als Action-Figuren verkauft werden konnten. Beinahe ein sich selbst versorgendes Ökosystem, angetrieben vom Geld der überreizten Kinder der 90er. Ich besaß und liebte unter anderen Mondo Gecko, den abartigen Mutagenman, Pizzaface, Scumbug und den Schleim erbrechenden Garbageman

Wenn man nun über das rücksichtslose Melken unseres Taschengeld damals hinwegsieht, muss man schon bemerken, dass richtig tolle, bizarre Storys und Designs, die manchmal nur auf der Rückseite der Spielzeugverpackung existierten, in dieser Ära der Action-Figuren die Runde, sowie eine Menge Spaß machten. Der Weirdness-Faktor spielte parallel auch in Turtles-Ausgaben von Archie-Comics weiterhin eine wichtige Rolle: in Form von Raphs Zeitreise um Hitler zu watschen oder eines interdimensionalen Kuhkopfes namens Cudley The Cowlick.

Screenshots von Teenage Mutant Ninja Turtles (1990)

Mit den Filmen wurden die ohnehin schon schwammigen Hintergrundgeschichten der Turtles zum düsteren Kinderfilm, den man als 11-Jähriger gefälligst auf VHS besitzen musste. Spühlwasserbirne. Koboldlippe! Und Casey Jones ist bis heute mein Vorbild, das mir gezeigt hat, wie man ein Unterhemd richtig trägt und in jeder Situation lässig bleiben kann, solange man einen Apfel kaut.

Danach ging dem Franchise ziemlich die Luft aus, die darauffolgenden Filme waren eher mies und der Kackekonvolut, der in ihrer Altersbeschränkung verwirrten Turtles, gipfelte 1997 in einer furchtbaren, seelenlosen und umgehend abgesetzten Fernsehserie mit einer Turtle-Lady namens Venus. Ab da war es vorbei mit „krustiger Kruste“, bis dann im 2009er Animationsfilm Turtles Forever drei Generationen von Turtles aufeinander trafen und für einen Cartoon erstaunlich selbstreferenziellen Humor bewiesen. Ein bisschen hatte also überlebt von der selbstironischen Hipster-Mentalität.

Diesen Sommer feierten die Ninja Turtles ihren 30. Geburtstag und zu den Vorwürfen, dass Michael Bay unsere kindliche Unschuld auf dem Gewissen haben soll, habe ich mich eigentlich schon geäußert. Ich will wirklich nicht in die Diskussion rund um das Aussehen der neuen Turtles oder in den allgemeinen Scheiß-auf-Bay-Kanon einsteigen. Ich fühle mich gar nicht in der Position über den richtigen Look der „Ninjildkröten“ zu urteilen, da ich in der Grundschule einem geborgten Leo auf die authentisch weiß gehaltenen Augen zwei Pupillen gemalt habe—eine Geschichte, die ich mir nach mehr als 20 Jahren immer noch vorhalten lassen muss. Außerdem erinnere ich mich auch, einem sauteuren, speziell elastischen Donatello aus Italien—das europäische Mekka für Comic- und Action-Figuren-Feinschmecker—mit der Brotschneidmaschine die Schädeldecke abgesägt zu haben.

Fakt ist, dass meine damalige, innige und leicht verstörende Beziehung zu den absurden Amphibien aus New York nichts mehr mit den neuen Inkarnationen zu tun hat. Eine neue Generation von kleinen Konsumenten werden auf die wie Football-Spieler gebauten Schildkrötenkrieger abfahren und anstatt die animierte Journalistin April im gelben Oncie jetzt Megan Fox zur weiblichen oder sexuellen Referenzperson machen. Aber Kevin Eastman wird die letztere Tendenz wahrscheinlich nicht wirklich stören, da er mit dem Penthouse Pet Julie Strain verheiratet war.

Foto vom Autoren

Turtles und Transfomers sind einfach Sell-Out-Franchises oder sind es im Laufe der Zeit geworden. Der Transformers-Cartoon war schließlich auch nur von Hasbro eher wahllos zusammengestückeltes, 30-minütiges Animationsmaterial, um aus Japan importierte Spielsachen zu verkaufen. Dass Michael Bay, der effizienteste Marketing-Regisseur unserer Tage, in diese Kerben schlägt, passt doch perfekt zusammen, wie ein Nunchaku in die dreifingrige Hand einer Schildkröte. Wobei ich sagen muss, das Promo-Kinect-Game zum neuen Turtles-Film ist echt unter aller Sau.

Bei meiner Suche nach den Ninja-Überresten meiner damaligen Sammlung fand ich nur noch ein stark angeschimmeltes, „mutiertes“ Stück Mars und ein paar wenige traurige Einzelteile verschiedenster Spielzeugimperien in der nun von Lego und Playmobil beherrschten Kiste. Wer mir sagen kann, welche Stücke zu welchen Figuren gehören, dem zahl ich ein Bier. Auf die Kindheit, ihr Nerds, sie ist verdammt noch mal vorbei.

Ironisches PS: Ich freue mich schon auf die neue animierte Mortal Kombat-Serie

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