Wir sollten nicht den weißen Heteromann bekämpfen, sondern seine Strukturen
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Wir sollten nicht den weißen Heteromann bekämpfen, sondern seine Strukturen

Viele Männer haben aufgehört, mitzudiskutieren. Bevor sie etwas Falsches sagen, sagen sie lieber nichts. Oder sie sagen, dass sie dafür schämen, ein Mann zu sein.
30.9.16

Was haben Mord, Steuerhinterziehung, Körperverletzung, rechtsextremistische Gewalttaten, Vergewaltigungen, Raub und Sachbeschädigung gemeinsam? Die Verursacher sind zum Großteil Männer. Im vergangenen Jahr wurden in Österreich laut Statistik Austria 29.511 Personen rechtskräftig verurteilt. 85,5 Prozent davon waren männlich.

Versteht mich nicht falsch: Ich habe Freunde, die Männer sind. Auch mein Nachbar ist ein Mann und der ist eigentlich ganz nett. Ich habe nichts gegen Männer. Und ich gehe sogar einen Schritt weiter: Ich denke, dass wir einigen von ihnen ab und zu Unrecht tun, ohne es bewusst zu merken.

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Nicht den Hasspostern dieser Welt, nicht den rückwärts gewandten, alten (oder unverständlicherweise auch jungen), nach außen hin verklemmten, weißen Heteros, die glauben, Diskriminierung gebe es nicht, nur weil sie diese selbst noch nie gespürt haben. Nicht den paranoiden und in Selbstmitleid badenden Männerrechtlern, die in Gleichberechtigung eine Bedrohung für ihre Vormacht und Männlichkeit sehen.

Aber weil es genau diese Männer gibt und weil viele von ihnen laut sind, scheren wir manchmal alle weißen, privilegierten, heterosexuellen, im Westen sozialisierten Männer über einen Kamm. Und damit schaden wir (für Gleichberechtigung Kämpfenden) uns schlussendlich selbst.

Einmal wurde ich von einem Mann, der die meisten dieser Kriterien erfüllt, auf Twitter beschimpft. Ich denke, er wollte Kritik anbringen, schaffte das aber nur in beleidigenden Herabwürdigungen von mir und meiner Arbeit, was mich davon abhielt, mich zu rechtfertigen.

Ich war still, weil ich nicht noch mehr Beleidigungen von ihm lesen wollte, obwohl seine Vorwürfe völlig irrsinnig waren und ich sie in einem normalen Gespräch vermutlich schnell klären hätte können. Eigentlich lassen wir sie so gewinnen—wir lassen uns zum Schweigen bringen. Aber manchmal hat man die Kraft nicht, Kämpfe auszutragen.

Foto von Christopher Glanzl

Ein anderer Twitter-Nutzer empfand die Vorwürfe als genauso schwachsinnig und führte die Diskussion statt mir, für mich. Danach entschuldigte er sich in einer Privatnachricht dafür. Er habe mich nicht retten wollen, er wisse schon, dass ich das selbst könne, aber er habe das klarstellen wollen und hoffe, ich würde mich nun nicht bevormundet fühlen.

Ich habe mich nicht bevormundet gefühlt. Ich war ihm dankbar und wäre gar nicht auf die Idee gekommen, seine Unterstützung als etwas Bevormundendes zu sehen. Und genau da ist das Problem. Irgendwie ist es so weit gekommen, dass manche Männer sich entschuldigen, wenn sie helfen, und glauben, sie hätten etwas falsch gemacht, nur weil andere Männer reaktionär und laut sind.

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Wir kämpfen nicht gegen den weißen, westlichen Heteromann und manchmal kommt mir vor, vergessen wir das. Wir kämpfen gegen die Strukturen, die er (sich) geschaffen hat und gegen die, die nicht bereit sind, etwas an diesen Strukturen zu ändern. Wir kämpfen gegen die, die eine Gleichberechtigung nicht tolerieren wollen oder ihr aktiv entgegenwirken und ja, das sind zu einem großen Teil weiße Heteromänner.

Aber wir brauchen die, die auch für unsere Ziele einstehen, auf unserer Seite—ob sie finnische Pensionisten oder zypriotische Büroangestellte sind, trans, inter, schwul, bi, lesbisch, hetero, nichts oder alles davon. Viele von ihnen trauen sich nicht, sich in Diskussionen einzumischen in denen es um Themen geht, die den Kämpferinnen und Kämpfern gegen das bestehende System wichtig sind: Gleichberechtigung, Selbstbestimmtheit, Mansplaining, Quoten, Manspreading, Entscheidungsfreiheit über das Tragen von nichts oder Burkas und, und, und. Bevor sie etwas Falsches sagen, sagen sie nichts. Oder sie sagen, dass sie sich dafür schämen, ein Mann zu sein.

Das müssen sie nicht. Oder sie sollten es zumindest nicht müssen. Genauso wenig wie ich mich dafür schäme, eine Frau zu sein. Das ist super, es macht meistens Spaß und manchmal auch nicht, aber man kann es sich halt einfach nicht aussuchen. Was man sich sehr wohl aussuchen kann, ist, ob man jemand ist, der andere unterstützt, die gegen Rückschrittlichkeit ankämpfen, oder einer, der schweigt. Denn wir brauchen genauso die Unterstützung derer, die nicht am eigenen Körper erfahren haben, was Diskriminierung bedeutet—derer, die reflektiert sind und die verstehen oder die, selbst wenn sie nicht verstehen, zumindest verstehen wollen.

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Diejenigen, die nichts davon wollen und am liebsten zu klassischen Rollenbildern zurückkehren würden, können wir natürlich zu überzeugen versuchen. Oder wir überzeugen sie nicht und zeigen ihnen einfach, dass wir besser sind in dem Job, den sie gerne hätten; dass wir mit der Welt besser zurecht kommen, die sie nicht mehr verstehen wollen. Aber wenn wir allen, die weiß, männlich und hetero sind, jegliches Mitspracherecht verweigern, schließen wir damit Leute aus der Diskussion aus, die dasselbe Recht haben sollten, an ihr teilzunehmen wie jede andere.

Wenn uns Männer nicht fragen dürfen, ob sie Konzepte wie Feminismus, Sexismus oder Mansplaining richtig verstehen—wenn wir sie nicht auch manchmal die selbstverständlichsten Fragen stellen lassen, dann überlassen wir sie damit denen, bei denen sie diese Fragen stellen können: zwielichten Foren, in denen man über matriachale Dystopien fantasiert; Männermagazinen, die Mansplaining als Erfindung von Feministinnen abstempeln; Parteien, die darüber abstimmen wollen, was Frauen tragen dürfen und was nicht. Dort werden sie Antworten bekommen.

Wahrscheinlich werden wir diejenigen, die sich trotzdem noch mit Feminismus auseinandersetzen und am Diskurs teilhaben wollen, nicht an Männerrechtler verlieren. Aber wir verlieren sie im Kampf um die Unterstützung. Ja, mit manchen muss man gar nicht diskutieren. Ja, manchen kann mit voller Kraft entgegentreten, manchen muss man nicht zuhören, über manche kann man drüberfahren—und zwar mit Freude und Inbrunst, weil ihr Verhalten viel zu lange toleriert wurde.

Aber denen, die dabei sein wollen, sollten wir vielleicht manchmal mit ein wenig Verständnis begegnen. Damit wir die Gräben nicht tiefer machen, sondern zuschütten.

Hanna auf Twitter: @HHumorlos.