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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
The Moral Compass Issue

Freie Fahrt für alle!

Die Jugend in Brasilien lässt sich für einen kostenfreien Personennahverkehr auf der Straße niederknüppeln.

von André Maleronka, Foto von Lucas Conejero
08 Januar 2012, 12:00am


Die MPL demonstriert gegen die Erhöhung der Fahrpreise. Auf dem Transparent steht: „Drei Dollar sind Diebstahl!“

Das Movimento Passe Livre (MPL) ist eine überregionale und semiorganisierte Gruppe von jungen Leuten, die für einen kostenfreien Personenverkehr in Brasilien kämpft. Sie ist stolz darauf, ohne Führung und überparteilich zu sein, und ihre Forderungen richten sich ausschließlich auf den Personenverkehr. Ihre Mitglieder, überwiegend Schüler der Oberstufe, sind in den letzten Jahren häufiger auf die Straße gegangen—manche würden auch von Krawallen sprechen—und von der Zivilpolizei konsequent mit Tränengas, Gummigeschossen und Schlagstöcken attackiert worden. Obwohl die Mainstream-Medien sie als Hooligans bezeichneten, konnten sie politisch einen Erfolg erringen: 2005 musste die Regierung aufgrund der massiven Proteste die geplante Erhöhung der Busfahrpreise zurücknehmen.

Die Kampagne 2011 startete am 3. Januar. In Salvador, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaates Bahia, demonstrierten Schüler gegen eine Busfahrpreiserhöhung von 20 Cent. Drei Tage lang waren sie auf den Straßen und viele fühlten sich an den „Bus-Aufstand“ im Jahr 2003 erinnert, als die Stadt für zehn Tage lahmgelegt wurde und die Proteste rasch das ganze Land erfassten.

Im Juni legte dann eine MPL-Gruppe im südöstlichen Staat Espirito Santo drei Städte für drei Tage still. Autoreifen wurden vor Regierungsgebäuden verbrannt, Zufahrtsstraßen blockiert und die Polizei griff, wie abzusehen war, hart durch: Tausende Gummigeschosse wurden abgefeuert, 30 Personen verhaftet.

Ende Juni ging die MPL in Natal auf die Barrikaden, der Hauptstadt von Rio Grande do Norte, in der die Zustimmungsrate für die grüne Bürgermeisterin Micarla de Souza (sie selber nennt sich Bürgermeisterin der „Schmetterlinge“) bei gerade einmal zehn Prozent liegt.

Nachdem die Demonstranten ungefähr acht Kilometer gelaufen waren, bauten sie ein Zeltlager vor dem Regierungsgebäude auf und richteten sich auf einen langen Aufenthalt ein. Merkwürdigerweise tauchten plötzlich, kurz bevor der regionale TV-Sender Ponta Negra (der natürlich Madame Butterfly gehört) erschien, Joints und gebrauchte Kondome im Camp auf. Trotz der negativen Medienberichte blieb der Protest friedlich.

Im August war dann die Stadt Teresina an der Reihe, in fünf Tagen wuchs die Zahl der Demonstranten von 2.000 auf 15.000 an. Hier war die MPL allerdings nicht ganz so friedlich wie ihre Kollegen in Natal. Die jüngeren unter ihnen beantworteten den Tränengaseinsatz der Polizei mit Stein- und Stockwürfen und setzten Barrikaden und Busse in Brand. Nachdem sich die Situation beruhigt hatte, willigte die Regierung ein, die Fahrpreise für Busse zu senken—ein klarer Sieg für die MPL.

Die internationalen Medien hatten die Bewegung vollständig ignoriert. Ein Grund könnte sein, dass die Forderungen auf Brasilien beschränkt sind; vielleicht sind Demonstrationen für einen kostenlosen Personenverkehr auch einfach weniger sexy als andere gewalttätige Protestbewegungen, die gerade überall aus dem Boden schießen. Sollten die Proteste aber weiterhin diese Heftigkeit beibehalten, werden wir in den nächsten Monaten garantiert mehr davon hören.