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Was ist nur mit den Norwegern los?

Was ist eigentlich mit Norwegen los?
10.2.12

Norwegen. Lange Zeit konnte man meinen, das weite Land am nordwestlichen Ende Europas ist der biedere Appendix der europäischen Nachkriegsgesellschaft. Keine Skandale im Königshaus (das überlies man den Schweden), keine florierende weil legale Teen-Porn-Industrie (dänische Domäne), keine musikalischen Welterfolge (auch Schweden, später Island) und so gar kein Cuteness-Faktor (der ging eindeutig an die Heavy-Metal-Umlaut-Finnen). Der Norweger lebte sein sozialstaatlich-autistisches Leben, trug nach ihm benannte Pullover und kreiert in seiner kulturellen Abgeschiedenheit kulinarische Welterfolge wie verwesenden Fisch aus der Dose und irgendwie hatten sie es mit dem Jazz.

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Doch diese Idylle trügte. Tief in den Seelen der Nordmänner begann es gewaltig zu brodeln, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie in Flammen aufgehen sollte. Was mit ihnen in Flammen aufgehen sollte, waren Kirchen. Diese wurden nämlich zum Leuchtfeuer einer jugen und äußerst dynamischen Jugendkultur, die heute als „Black Metal“ bekannt ist. Wir von VICE haben euch im Laufe der Jahre schon öfter von den Herren mit der weißen Farbe im Gesicht berichtet. Wir erinnern uns zurück: Ende der 80er und Anfang der 90er fanden in Oslo einige Jungs zusammen, die gerne Metal hörten. Der ging ihnen aber nicht weit genug, also begannen sie, ihren eigenen Metal zu machen. Da enstanden Bands wie Immortal, Darkthrone, Burzum, Mayhem und so weiter. Sie gaben sich Namen wie "Faust", „Count Grishnackh“ , „Euronymous“ oder „Dead“ (okay, der war Schwede). Besonders laut waren die Kollegen Grishnackh und Euronymous. Letzterer eröffnete einen Plattenladen namens „Helvete“, in dessen Keller sich der so genannte „Inner Circle“ traf um allerlei Konspiratives zu besprechen.

Wenn sie nicht damit beschäftigt waren, an Tierleichen zu schnüffeln oder im Studio Dinge zu sagen wie „Gib mir das mieseste Mikro, dass du hast. Nein, schlechter. Noch schlechter. Ist das dort ein Headset? Könnte funktionieren!“, fackelten sie Kirchen ab. Irgendwie wusste keiner so recht, warum auf einmal irgendwelche Kirchen im Wald in Flammen aufgingen, bis Varg „Count Grishnackh“ Vikernes mit den Medien sprach und dafür gleich einkassiert wurde. Wirklich in den Bau ging er dann, weil er Kollegen Euronymous in dessen Stiegenhaus lethal niedergefeitelt hat, weil er ihn angeblich um Tantiemen für seine Alben beschissen hat und umbringen wollte.

Damit wurde Vikernes quasi zu Norwegens erster richtigen Skandalnudel der jüngeren Geschichte: Bei der Urteilsverkündung grinste er verschmitzt in die Kamera, irgendwann erschien er mit feinster HJ-Haarkunst zu den Anhörungen und in Interviews gab er äußerst eigenartige, rassistische Äußerungen zum besten, versucht sogar einmal aus dem Häfn' auszubrechen (er kam genau über die Rasenbank vor diesem). Seit einiger Zeit ist er wieder draußen, lies sich einen Bart wachsen, lebt mit Frau und Kindern in einem Bauernhaus, nimmt großartige Alben auf und droht aufdringlichen Fans mit dem Tod.

Vor ein paar Jahren begann der Künstler Matias Faldbakken eine dreiteilige Romanserie zu schreiben. Es war die „Skandinavische Misanthropie I-III“, namentlich „The Cocka Hola Company“, „Macht & Rebel“ und „Unfun“. Teil 1 handelt von einer Gruppe Großstädter, die „aussteigen“ wollen und zu diesem Zweck eine Pornoproduktionsfirma gründen. Teil 2 bespricht das Leben eines nihilistischen Langzeit-Misanthropen und eines Proto-Hipster-Werbegenies auf dem Weg in die Pädophilie (insgesamt eine großartige Abrechnung mit jeder Form von politischem und aktionistischem Underground), Teil 3 erzählt die gewalttätige Geschichte einer dysfunktionalen, multikulturellen Familie auf dem Weg in den Untergang.

Diese Romane wurden nicht nur in Norwegen frenetisch gefeiert (und zum Teufel verrissen), sie wurden auch mehrfach als Theaterproduktion realisiert und Faldbakken wurde quasi zum norwegischen Hunter S. Thompson und Thomas Bernhard in Personalunion. Hier ein kleiner Auszug:

„Ich WEIGERE mich, mir 'eine Meinung zu bilden’ oder ‘selbstständig zu denken’ oder ‘hinter einer Sache zu stehen’. Ich habe diese Meinungsfreiheitskultur so scheiß über. Ich bitte und bettle darum, gefesselt und geknebelt zu werden, aber denkst du, in der zivilisierten Welt gibt es irgendwo einen Menschen, der sich die Mühe machen würde, mich zu unterdrücken?“

Wir merken: Das norwegische Kulturleben ab den 90ern war geprägt von Selbsthass, Zerstörung fundamentaler Opposition zu allen humanistischen Errungenschaften der letzten 50 Jahre. Zumindest könnte man diesen Eindruck bekommen, denn spätestens als ein gewisser Anders B. Breivik bomben zündete und ein Massaker und Jusos anrichtete, war das Bild komplett. Sein Ansinnen sei es ja, das norwegische „Urvolk“ (whatever) zu retten, deswegen hat er gleich für sich selbst den Templerorden neu gegründet und sich solange in diese Phantasie hineingesteigert, bis er sich für den Kopf einer beispiellosen Volkserhebung hielt. Deshalb rief er am Tag der Tag bei der Polizei an, was sich liest wie ein Script für Kottan ermittelt:

Anrufeinang beim Polizeidistrikt Buskerud Süd am 22. Juli
2011, 18.26 Uhr laut Protokoll der diensthabenden Beamten

Polizei: Polizei-Nottelefon.
Breivik: Guten Tag, mein Name ist Anders Behring Breivik
Polizei: Ja, Hallo.
Breivik: Ich bin Kommandant in der Norwegischen Widerstandsbewegung.
Polizei: Ja, Hallo.
Breivik: Können Sie mich mit dem Einsatzleiter von Delta verbinden?
Polizei: Ja … von wo aus rufen Sie an und worum geht es?
Breivik: Ich bin auf Utöya.
Polizei: Sie sind auf Utöya, ja
Breivik: Ich habe meine Operation durchgeführt, ich möchte mich daher nun … ergeben.
Polizei: Sie wollen sich ergeben, ja.
Breivik: Ja.
Polizei: Wie heißen Sie, sagten Sie?
Breivik: Anders Behring Breivik.
Polizei: Und Sie sind Kommandant bei … ?
Breivik: Knights Templar Europe heißt die Organisation, aber wir sind organisiert in … der Antikommunistischen und Norwegischen
Widerstandsbewegung gegen die Islamisierung Europas und gegen die Islamisierung Norwegens.
Polizei:Ja.
Breivik: Wir haben gerade eine Operation im Auftrag von Knights Templar durchgeführt.
Polizei: Ja …
Breivik: Europa und Norwegen.
Polizei: Ja ..
Breivik: Und im Hinblick darauf dass die Operation durchgeführt ist, ist es also … vertretbar, sich Delta zu ergeben.
Polizei: Sie wollen sich Delta ergeben?
Breivik: Können Sie mich zum Einsatzleiter von Delta durchstellen?
Polizei: Ja, Sie sprechen schon mit jemandem, der in gewissem Maß übergeordnete Verantwortung trägt.
Breivik: Ok, finden Sie heraus, was sie müssen und dann rufen Sie mich auf diesem Telefon an, ok?
Polizei: Hm, welche Telefonnummer ..?
Breivik: Superfein, Tschüss.
Polizei: Ich habe Ihre Ihre Telefonnumer nicht! Hallo!

Deshalb frage ich im Namen der Welt: was ist nur mit Norwegen los?