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Loucas Stamelos: Nein, nicht mal ansatzweise. Die Estelle wurde von maskierten Soldaten gestürmt, die mit Maschinengewehren bewaffnet waren. Sie waren gewalttätig und besaßen persönliche Informationen und Fotos von uns. Ich habe den Eindruck, Boote zu stürmen, ist die einzige Sache, die sie wirklich gut können, auch wenn dieses rabiate Vorgehen gegenüber friedlichen Demonstranten unangebracht ist. Sie haben uns offensichtlich als Bedrohung Israels wahrgenommen. Was? Ich mag es, wie sie ihr Vorgehen immer rechtfertigen, indem sie sagen, dass sie sich bedroht fühlten.
Ja, du solltest dir mal die Anklageschrift ansehen, die den israelischen Aktivisten vorgelegt wurde. Ihnen wird der Versuch vorgeworfen, „in einen Teil von Israel zu dringen, der nicht zum Staat Israel gehört.“

Die beiden griechischen Abgeordneten und ich gingen in Kreta an Bord, als sie aus Finnland kam. Das Boot durfte nicht in griechische Gewässer, da die Besatzung ansonsten von den Behörden verhaftet worden wäre. Außerdem haben israelische Agenten uns getrackt und versucht, uns davon abzuhalten, an Bord zu gehen, aber durch die Hilfe von Unterstützern konnten wir sie ablenken. Wir sind mit kleinen Booten in internationale Gewässer und konnten so an Bord. Was habt ihr an dem Tag, bevor euch die israelische Marine anhielt, gemacht?
Wir haben uns im Vorfeld passive Widerstandsmethoden überlegt. Wir legten sehr viel Wert darauf, dass die Soldaten nichts als „feindselig“ interpretieren konnten.
Was passierte, als die Soldaten auf euer Schiff kamen?
Wir alle kannten die Geschichte der Mavi Marmara, deswegen wussten wir, dass jeder Widerstand völlig verrückt sei, also haben wir ihnen lediglich zu verstehen gegeben, dass sie an Bord nicht willkommen sind. Wir weigerten uns, ihre Fragen zu beantworten, und bestanden darauf, dass jedes Besatzungsmitglied von einem anderen begleitet wird. Die vier Abgeordneten und der Schiffsarzt fragten, was mit jedem Einzelnen der 30 Aktivisten passieren würde. Da die Estelle ein Seegelboot ist, blies uns der Wind für einige Stunden Richtung Gaza. Wir machten uns darüber lustig und sagten, dass wir die Blockade letztendlich doch durchbrechen würden. Nach elf Stunden erreichten wir dann Ashdod in Israel, wo wir alle inhaftiert wurden. Wie war die Reise mit den Soldaten?
Oh, wir taten alles, um sie zu ärgern. Dror, ein israelischer Aktivist, bemerkte, dass einer der Soldaten russischer Abstammung war und machte Äußerungen wie: „Israel hat so viele schöne Häfen, warum bringen sie uns ausgerechnet nach Ashdod, wo es dort doch nur so von russischen und georgischen Einwanderern wimmelt?“ Das verärgerte den Soldaten so sehr, dass er mit seiner Waffe auf uns zielte und fragte, was unser Problem mit Russland sei. Ich bemerkte irgendwann, dass einer der Soldaten Griechisch verstand, aber vorgab, es nicht zu verstehen, also begann ich, auf Griechisch zu fluchen, und beobachtete, wie er versuchte, ruhig zu bleiben. Ich denke, sie hatten tatsächlich die Anweisung, ruhig zu bleiben, worüber wir sehr froh waren. Dennoch fragten sie uns solche dämlichen Fragen wie: „Wer ist euer Anführer? Wer sind eure Ansprechpartner in Israel? Wo habt ihr euren Sprengstoff versteckt?“

Ja, wir saßen alle beisammen, als sie zum ersten Mal an Bord kamen. Dabei benutzen sie Taser und Schlagstöcke, um uns zum Bewegen zu bringen. Das Ganze dauerte rund 40 Minuten, wir hatten also genügend Zeit, das auf Video festzuhalten. Die Soldaten beschlagnahmte dann alles und vernahmen uns einzeln. Als wir in Ashdod ankamen, wurden die israelischen Aktivisten in Handschellen abgeführt und die übrigen in ein Zelt geführt. Dort wurde dann wieder jeder einzeln vernommen. Gab es vielleicht auch irgendwelchen freundlichen Momente?
Ja, da gab es tatsächlich einen. In dem dritten Verhör, bei der Polizei in der Nähe von Tel Aviv, wollte mir ein Beamter weismachen, dass es keine humanitäre Krise im Gazastreifen gebe. Ich fragte ihn, ob er den UN-Bericht kenne, nach dem das Leben bis 2020 im Gazastreifen nicht mehr zumutbar sei, wenn die Belagerungspolitik fortgeführt wird. Er ignorierte meinen Einwand und fragte, ob ich Antisemit sei. Ich erzählte ihm, dass ich überzeugter Anti-Rassist sei und jüdische Freunde habe, ich aber dennoch denke, dass der Staat Israel nicht repräsentativ für das Judentum als Ganzes stehe. Er meinte, ich sollte Israel mal als Tourist bereisen, er würde mich dann auf einen Drink einladen. Ich sagte ihm, ich werde das nicht machen, solange Menschen hier diskriminiert werden, bloß weil sie eine andere Religion oder Nationalität haben. Zu meiner Überraschung stimmte er mir zu. Das klingt ja fast wie ein Happy End.
Das war es wirklich nicht. Nach den ganzen Verhören steckten sie uns in ein Auffanglager für illegale Einwanderer. Das war ein schmutziges Gewölbe, in dem Menschen—die meisten kamen aus Asien und Afrika—unter schrecklichen Bedingungen hausten. Ich war so erschöpft, dass ich in Ohnmacht fiel. Als ich die Augen wieder aufschlug, las ich folgenden Spruch an der Wand: „Israelis, unsere Herkunft ist Äthiopien, aber wir sind trotzdem noch Menschen.“ Ah, OK. Dank, Loucas.