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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Musik

Über Tod und Vitamine mit den Crocodiles

Ein Interview mit den Crocodiles, die in ihren schwarzen, abgetragenen Klamotten ein wenig verbraucht aussehen.

von Zora Beer
24 April 2012, 8:50am

Die beiden Jungs der Crocodiles, Brandon Welchez und Charles Rowell, sehen in etwa so aus, als wären The Jesus and Mary Chain aus dem Jahr 1984 in eine Zeitmaschine gesprungen, um kurz im Jahr 2009 ein preisgekröntes Debüt aufzunehmen und noch mal von vorne anzufangen. Diese Art von dünnen Jungs, die ein wenig verbraucht aussehen, in schwarzen, abgetragenen Klamotten herumlaufen und ihre Sonnenbrille nur zum Schlafen absetzen. Die sich auf Konzerten normalerweise mit einer Flasche Bier in der Ecke rumdrücken, ab und zu mit dem Fuß wippen und euphorisch nicken, wenn es lauter wird. Also auch die Art von Jungs, die für ihre Musik ernst genommen werden wollen und sich lieber enthaupten würden, als sich Weintrauben in die Nase zu stecken. Da haben wir uns aber gehörig geschnitten.

Brandon: Willst du ein paar Weintrauben.

VICE: Nein, danke. Ich habe hier Gummibärchen stehen. 

Brandon: Fändest du es merkwürdig, wenn ich mit den Trauben herumspiele?

So lange sie nicht in meinem Gesicht landen. Mach was du willst.

Brandon: Würde VICE mich dann verklagen?

Keine Ahnung. Bisher wurde noch keiner von uns von einer Weintraube verletzt. Fangen wir an. Wie lange glaubt ihr, dauert es, ein Grab zu schaufeln?

Brandon: Für eine Person mit einer Schaufel? Acht Stunden.

Charles: Ich wollte auch acht Stunden sagen. So funktioniert das bei uns. Wir teilen uns einen Geist. Hast du schon mal ein Grab ausgehoben?

Ja. Es dauert sechs Stunden.

Brandon: Verdammt. Um zwei Stunden vertan. Wir würden wohl mehr Zigaretten- und Pinkelpausen machen. Würde ich jetzt sterben, würde Charles mich einfach in die nächste Mülltonne werfen, den Deckel drauf packen und mich den nächsten Berg runterrollen lassen.

Was würdest du mit ihm machen?

Charles: Ich würde ausgestopft in seinem Wohnzimmer sitzen.

Brandon: Oh ja, ich würde ihn ausstopfen. Besser noch, ich würde seinen Kopf auf ein Brett nageln und mir so trophäenartig an die Wand hängen.

Charles: Mit so einem kleinen Knopf, auf den man drücken kann und dann sage ich etwas oder singe.

Was ist eine Sunday Psychic Conversation?
Charles:
Eine Psychic Conversation ist, wenn wir zusammen mit Freunden an einem Gedicht oder etwas Anderem arbeiten.

OK und wie ist aus Psychic Conversation #9 ein Song geworden?
Brandon:
Charles hatte ein Gedicht geschrieben und das nahm ich dann auseinander und wandelte es in Lyrics um.

Läuft das mit dem Songwriting bei euch immer so? 
Brandon:
Hättest du etwas dagegen, den Rest des Interviews mit einem Apfel auf dem Kopf zu machen?

Hättest du was dagegen, des Rest des Interviews mit Weintrauben auf dem Kopf zu machen?
Brandon:
Das kann ich machen. Sie sind ein bisschen nass. (Legt sich Trauben auf den Kopf.) Wenn sie jetzt jemand isst, dann mit dem ganzen Gel aus meinen Haaren.

Charles schreibt etwas oder Brandon schreibt etwas und dann nimmt der andere es und macht passende Lyrics draus?
Brandon:
Irgendwie schon.
Charles: Es ist die gleiche Methode, aber es muss nicht immer nur ein Text sein. Es kann ein Gitarrenriff sein, eine Bassline oder eben ein Text. Einer fängt mit etwas an ...
Brandon: … und der andere fügt dann was hinzu, ändert was.

Wie war es bei „Hung Up On a Flower“? Es ist eines dieser Lieder, die man hört und man denkt sich: „Ja das ist OK“, und dann hört man es noch mal und mit jedem Hören wird es besser. Es wächst sozusagen.
Charles:
Absolut. Ich denke, die Hauptidee des Albums besteht darin, eine Art Wachstum zu entwickeln. Das meine ich wirklich. Vom Cover bis zum letzten Song sollte es wachsen. Und das meine ich jetzt in keinsterweise sexuell. Na ja ein bisschen sexuell schon.
Brandon: Künstlerisch betrachtet versuchen wir natürlich, verschiedene Level zu erreichen—mit allem, was wir machen. Die Songs sollen also mit dem Hören wachsen.

Setzt du dich hin und denkst dir: „Hey, jetzt schreibe ich über dieses und jenes“?
Brandon:
Normalerweise stehe ich auf meinen Händen, wenn ich nachdenke.
Charles: Ich halte seine Füße, damit er nicht umfällt.
Brandon: Ich schreibe immer Dinge in mein Handy und setzte mich dann hin und arbeite sie aus. 
Charles: Im Flugzeug hierhin konnte ich mein Handy nicht anmachen, aber ich hatte diesen Flash an Lyrics, der mir durch den Kopf ging. Also habe ich den Flugzeugkatalog vollgeschrieben und die Frau neben mir verwirrte das sehr. Sie schaute immer wieder misstrauisch rüber und ich schrieb über die Bilder und den gedruckten Text und alles und dann vergaß ich den Katalog im Flugzeug.

Vielleicht war es ein Meisterwerk.
Charles:
Ich ließ es da als eine Art Anstoß an eine Psychic Conversation für die Welt. Irgendjemand wird es finden und …
Brandon: … wegschmeißen. Das ist dann eine Psychic Conversation mit dem Mülleimer.

Schreibt ihr, um Dinge zu verarbeiten? Die Welt besser zu verstehen?
Brandon:
Auf jeden Fall.
Charles: Immer wenn etwas passiert, das mich verwirrt, schreibe ich meiner Mutter einen Brief und frage sie, warum mir diese Sachen passieren. Ich schreibe ihr also sehr viel und sie verarbeitet es dann für mich. Daneben macht sie noch meine Wäsche.

Das ist nett.
Brandon:
Sie ist eine nette Lady. Sie gibt sehr viel. Außerdem hat sie einen unglaublich ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. 

Und das merkt man woran?
Brandon:
Sie ist Richterin. Fällt Urteile.
Charles: Na ja, sie urteilt ständig über andere Leute.

Das klingt nach einer Mutter. Bleiben wir bei Eltern. Würdet ihr sagen, dass The Jesus and Mary Chain und Echo & The Bunnymen eure Eltern in musikalischer Hinsicht sind?
Brandon:
Wohl eher unsere musikalischen Großeltern. Eigentlich hören wir deren Sachen nicht. Haben wir auch nie gemacht.
Charles: Wir waren noch jung, als diese Bands anfingen und ich glaube eher, dass sie Leute beeinflusst haben, die sie noch wirklich zu ihrer besten Zeit erlebt haben, als ihre Musik völlig neu klang, aber das gilt nicht für uns.

Brandon hat sich Weintrauben in die Nase gesteckt.

Machst du nicht wirklich. Halt still, ich mach schnell ein Foto.

Brandon: Eines so und eines, wie ich sie aus meiner Nase schieße.

Charles: Du solltest das noch mal mit der Cola Flasche da machen.

Macht man so Quatsch, wenn man in San Diego groß wird?

Brandon: Nein. Das ist ziemlich langweilig. Ich kann es natürlich mit nichts Anderem vergleichen, bin halt nur da aufgewachsen, aber es hat sich ziemlich langweilig angefühlt. Vielleicht wäre ich überall gelangweilt gewesen.

Charles: Es gibt da einfach nicht die Kunstszene, die ich gerne hätte. Wenn man ein Typ ist, der gerne mit Pastellfarben malt und Flip-Flops trägt, passt es wahrscheinlich. Ich brauche etwas Raueres.

Brandon: Er mag es so rau, dass er sein Haus mit Schmirgelpapier tapezieren würde. Hat er sogar gemacht.

Warum?

Charles: Es war ein Kunstprojekt.

Danke! 

Crocodiles’ Endless Flowers erscheint bei Souterrain Transmissions.