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Reisen

Eurovision-Chaos in Aserbaidschan - Teil 2

Was könnte es Schöneres geben, als mit den Reichen und Mächtigen Bakus abzuhängen und in Erdöl zu baden?
6.6.12

Nach einigen Tagen, die wir inmitten des Pressegetümmels des Eurovision Song Contest und seiner illustren Euro-Pop-Lieferanten verbracht hatten, nahmen wir uns eine Auszeit von der Journalistenmeute, um uns mit den VIPs von Aserbaidschan zu unterhalten und die nationalen Freizeitaktivitäten zu genießen, z.B. an 7-Sterne-Beach-Resorts abzuhängen und in Erdöl zu baden.

Der ESC fing langsam an, uns zu zermürben. Was könnte es also Besseres geben, als mit den Reichen und Mächtigen abzuhängen und in einem Spa zu relaxen?

Als wir aus der Stadt rausfuhren, wurden wir wieder mit der weniger glamourösen Seite Aserbaidschans konfrontiert. Ein Großteil Bakus und dem Rest des Landes ist momentan Baustelle. Wir sind an bestimmt zwölf neuen Hotelkomplexen oder bewachten Wohnanlagen vorbeigefahren, die verstreut im Wüstenstreifen auf der Halbinsel liegen.

Und das hat uns bei dem 50 Millionen Dollar teuren Sea Breeze erwartet (zusätzlich zum Hotel gibt es ein ganzes Dorf, das für die Urlaubsbedürfnisse reicher Russen gebaut wird, die am Kaspischen Meer entspannen wollen). Emins Team hatte eine Bühne gebaut, von der aus der gesamte Strand mit seinem neuen Album beschallt wurde. Ohne Unterbrechung.

Die Touristen schien das nicht weiter zu interessieren. Die waren zu sehr damit beschäftigt, eine junge Dame zu entführen und sie an Bord ihrer schwimmenden Plattform zu bringen. Engelbert erschien auch und wurde mit frenetischem Applaus seitens unzähliger Musiklabel-Chefs und enger Freunden begrüßt.

Nachdem ein Label-Typ Emin darüber informiert hatte, dass sein neuestes Musikvideo schon über 250.000 Views beim russischen YouTube hat—und das nur acht Stunden nach Veröffentlichung—gab er uns in einem Golf Cart eine Tour durch die Anlage, wo eine der Luxusvillen für nur 250.000 Dollar zu haben ist. Ich fragte ihn, was er von den Leuten hält, die meinen, sein Erfolg sei durch die Verbindungen seiner Familie und ihren unglaublichen Reichtum deutlich begünstigt. „Natürlich gibt es Leute, die nur die eine Seite der Medaille sehen, aber mir geht’s einfach um die Musik“, sagte er und fügte hinzu: „In Großbritannien haben wir zum Beispiel keinen Einfluss.“ Dennoch wurden seine Songs dort anscheinend regelmäßig auf Radio 2 gespielt.

Wenn man am Strand, umgeben von russischen Geschäftsmännern, deren attraktiven Frauen und Töchtern sowie einigen alternden Musikern, entspannt, ist es recht einfach, all die humanitären und bürgerrechtlichen Notstände Aserbaidschans zu vergessen. Und mit diesem Gedanken wollten wir hinaus in die ländliche Gegend. Wir hatten von einem alten sowjetischen Spa ein paar Stunden westlich von Baku gehört, wo man in Erdöl baden konnte. Angeblich ist dies der beste Weg, um unheilbare Hautkrankheiten und Rheuma los zu werden. Obwohl wir weder Hautkrebs noch Rheuma haben, schien uns das ortstümlicher zu sein, als Cocktails mit Oligarchen zu schlürfen.

Bei der Ankunft in Naftalan mussten wir enttäuscht feststellen, dass die meisten der alten sowjetischen Bäder abgerissen worden waren, um Platz für—ihr habt es euch gedacht—5-Sterne-Kuranstalten zu machen. Dennoch wollten wir nicht einfach nach Hause fahren, ohne nicht wenigstens ein bisschen im begehrtesten Rohstoff der Welt einzutauchen. Also ließen wir uns durch den Komplex führen, was hiermit endete:

In einer Badewanne zu sitzen und von einem aserbaidschanischen Arzt überwacht zu werden, war, gelinde gesagt, ein wenig beunruhigend. Aber nach nur fünf der empfohlenen zehn Minuten war ich so high von den Dämpfen, dass ich den Drang bekämpfen musste, meinen Kopf unter die gefährliche Oberfläche des lauwarmen Öls zu tauchen. Es fühlte sich an, als würde man in warmem Sirup baden und dabei hinter einer Tankstelle Kleber schnüffeln. Dieses Foto anzusehen, ist für mich, wie Party-Fotos anzuschauen, auf denen man selber total betrunken ist. Aber in dem Moment erschien mir das als die natürlichste Entspannungserfahrung, seitdem als Kind Baden gebadet wurde, obwohl das Bild mich an eine Szene aus  erinnert.

Trotz des traumähnlichen Nirvanas, in dem ich mich befand, hatte die Vorstellung, dass dieser junge Kerl das Öl von meinem nackten Körper schaben würde, eine ausnüchternde Wirkung.
Nach der längsten Dusche meines Lebens (unter Aufsicht des jungen Kerls und einer laufenden Kamera) machten wir uns für das große Finale des ESC auf den Weg zurück nach Baku und zur Crystal Hall. Erfrischt und revitalisiert war es langsam an der Zeit, zu feiern wie 1974 … in Belgrad, unter Tito.

Die Sicherheitsstufe war zum Finale wegen des andauernden Streits mit dem Nachbarstaat Iran auf Doppelrot gesetzt worden. Der iranische Botschafter hatte das Land ein paar Tage zuvor verlassen und die von der Regierung organisierten Proteste rund um die iranische Botschaft taten der Situation nicht unbedingt gut.

Die politische Messerschneide, auf der außerhalb der Blase des Eurovision Song Contests getanzt wurde, hatte das Pressezentrum, wo die Leute feierten und krampfhaft über ALLES berichteten, nicht erreicht. Kameramänner filmten Kameramänner, Fotos wurden von Leuten geschossen, die wiederum Fotos von anderen machten, die sich gegenseitig Flaggen um die Ohren hauten, während Fernsehmenschen alles, was sich bewegte, fragten: „Und? Wer GEWINNT!!!!?!?!?!?!?!?!?“

Journalisten durften für das Finale nicht in die Halle, also fuhren wir in die Stadt, die gerade von Abertausenden betrunkenen aserbaidschanischen Jugendlichen auseinandergenommen wurde. Unglücklicherweise hatte ich meinen Fotoapparat vor lauter Panik im Auto vergessen, aber unsere Kameras liefen.

Emin ist der größte Popstar in Aserbaidschan. Er wuchs in Baku als Sohn eines Unternehmers auf, studierte in den Staaten, verdiente Millionen, indem er Schuhe auf eBay verkaufte, heiratete die Tochter des aserbaidschanischen Präsidenten und lebt nun zwischen Russland und London, wo er eine Karriere als Popstar verfolgt. Ich traf den freundlichen, zurückhaltenden und überraschend bodenständigen Emin an der Bar der Dachterrasse des Hilton Hotels in der Bakuer Innenstadt—ein beliebter Ort der lokalen Oberschicht, wo sie die Schönheit ihrer modernen Hauptstadt bewundert.

Er zeigte kurz auf die schönsten Flecken der Stadt und erzählte, dass er die russische Delegation in seinem Sea Breeze Hotel, einem „Luxus Resort Miracle“ rund 30 Minuten nördlich der Hauptstadt, untergebracht habe. Später wurden wir zu einer Party eingeladen, die er dort für enge Freunde und Verwandte (und die Presse) hielt. Dort sollte es auch ein Pre-Listening seines neuen Albums geben. Engelbert Humperdinck sollte angeblich unter den vielen VIP-Gästen sein …

Ihr könnt euch die echte Eurovision-Party und noch mehr verblüffende Verblüffungen aus einem der hinterwäldlerischsten, aber wundervollsten Länder dieser Welt nächste Woche genau hier ansehen, auf VICE.COM.