Am 31. Juli 2013 wurde bekannt, dass Sture Bergwall freigesprochen wurde, nachdem er 20 Jahre in verschiedenen Psychiatrien verbracht hat. Unter dem Namen Thomas Quick hatte der heute 63-Jährige über 30 Morde in Skandinavien fälschlicherweise gestanden. Für acht dieser Morde wurde er verurteilt. 2008 zog er seine Geständnisse zurück und wurde nach und nach freigesprochen. Lange Zeit galt er als schlimmster Verbrecher Schwedens. Unser Freund Kristian Gidlund schrieb den folgenden Artikel, nachdem sich die beiden am 14. Mai zum ersten (und wahrscheinlich letzten) Mal in ihrem Leben getroffen haben. Kristian ist ein 29 Jahre alter Journalist und Drummer der Band Sugarplum Fairy. Er leidet an einer tödlichen Krebserkrankung und verhalf mit seinem Blog und seinem Buch Tausenden Schweden dabei, den Tod als natürlichen Teil des Lebens anzuerkennen.
Sture Bergwall und der Autor (Foto von Caisa Ederyd)In Schweden galt Thomas Quick lange Zeit als der schlimmste Serienmörder des Landes. Ein Jäger fokussiert auf kleine Jungs, die er mutmaßlich sexuell missbraucht hatte, bevor er sie mit einem Messer erstach. Er galt als lebender Dämon—das personifizierte Böse—und er lebte nur 20 Minuten von mir entfernt in den Tälern von Dalarna.Eines Tages floh er aus der psychiatrischen Klinik in Säter, in der er unter anderem wegen achtfachen Mordes eingesperrt war. Ich kann mich noch an die Panik unter allen Kindern auf dem Schulhof erinnern. Unsere Eltern holten uns von der Schule ab und für den Rest des Tages mussten wir drinnen spielen.20 Jahre danach sehe ich nun dem Tod ins Auge. Diesmal ernsthaft. Der Krebs in meinem Körper zwang die Ärzte, mir den Magen und die Milz zu entfernen. Er zwang mich dazu, zwei Dutzend Sitzungen Chemotherapie durchzustehen, während er an meiner Existenz nagte. Ich schwinde dahin; ich steuere unbeirrt auf den Tod zu.In den letzten zwei Jahren habe ich viel über mein unausweichliches Schicksal geschrieben und mein Blog wird in Schweden mittlerweile sogar ziemlich viel gelesen. Eines Tages hat Thomas Quick, der wandelnde Dämon, einen Kommentar unter einem meiner Posts hinterlassen. „Ich hab mich selbst in deinem Schicksal wiedererkannt“, hat er geschrieben. „Es war ein existenzielles Wiedererkennen. Du standest dem Tod mit Krebs gegenüber. Mein Leben lang war der Tod an meiner Seite und ich lebte in einem Tal des Todes. Obwohl ich heute das Leben spüren kann, kann ich deine Situation, auf das Ende des Lebens dahinzuschreiten, immer noch vollends verstehen.“Thomas Quick—der mittlerweile wieder seinen Geburtsnamen Sture Bergwall verwendet—spricht leise. Er ist groß—viel größer, als ich erwartet hätte—und er steht mit seinen Armen hinter dem Rücken verschränkt vor mir, als ich das Besucherzimmer der Klinik betrete. Ich spüre eine Unsicherheit in seinen Augen, während er den Raum untersucht und mich ansieht, als ob er nach etwas Bestimmten gesucht hätte. Er lächelt freundlich, zieht sich gut an, schnupft schwedischen Tabak und trinkt seinen Kaffee ohne Zucker.In einer der Ecken des Zimmers stehen ein paar Kisten mit Spielsachen. In einer anderen Ecke warten zwei Wärter, die unser Treffen beobachten. Zwischendurch lesen sie immer wieder die Überschriften ihrer Klatschzeitschriften.„Ich fühle mich heute so lebendig wie schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr“, fängt Bergwall an. „Bei mir gibt es die Jahre von Thomas Quick und dann die sieben stillen Jahre. Das waren wirklich sieben stille Jahre, als ich hier ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen gelebt habe. In der Zeit ging ich meine Zelle und die Gänge einsam auf und ab. Ich hatte keinen einzigen Kontakt zur Außenwelt.“Seit 2010 ist Sture von sieben der acht Morde, die er gestand hatte, freigesprochen. Er erzählt mir, dass er die Morde gestanden habe, weil er einen höheren Stand innerhalb der Gefängnismauern haben wollte. In der Zeit wurde er stark abhängig von den Medikamenten, die ihm die Polizei verschaffte, während er bei den Untersuchungen kollaborierte.Als ich mit Sture sprach, hat er auf den letzten verbleibenden Freispruch gewartet.
Sture Bergwall, früher bekannt als Thomas Quick (Illustration von Anna Lewenhaupt)VICE: Wie hat sich deine Sicht auf den Tod verändert, seitdem du deine Geständnisse zurückgenommen hast?
Sture Bergwall: Ich glaube, mein Blick auf den Tod hat sich ziemlich offensichtlich verändert. Oder eher meine Beziehung zum Tod. Ich fürchte mich nicht mehr vor dem Tod. Vorher hatte ich Angst davor, aber seit dieser neuen Ära bin ich nicht mehr verängstigt. Ich bin ruhig und sicher in meinem Alltag. Das mag auch damit etwas zu tun haben, dass ich nun ruhig und gelassen vor dem Tod bin. Daran wird es wohl liegen.Als ich jung war, habe ich in einem Pflegeheim gearbeitet, in dem eine ältere Dame kurz vor dem Tod stand. Sie war ihr ganzes Leben lang sehr religiös gewesen. Ich saß bei ihr, ein paar Stunden bevor sie gestorben ist. Da hat sie sich mir gegenüber geöffnet und gesagt, sie habe Angst und hat angefangen zu schreien: „Ich will nicht sterben!“ Sie hat sich total verändert, als der Tod immer näher rückte. Ihre ruhige Art verschwand und hat sich in Panik gewandelt. Das war so schockierend für mich. Eine sehr dramatische Erfahrung.Hat dir das Angst bereitet?
Ja, hat es.Denkst du, dass sie in diesem Moment ihren Glauben verloren hat?
Ja. Und ich glaube, dass auch ich meinen Glauben in diesem Moment verloren habe. Ganz bestimmt.Wie ist deine Beziehung zu Thomas Quick heute?
Die gibt es nicht. Außer, dass ich heute mit dem klarkommen muss, was damals alles geschah. Daran arbeite ich die ganze Zeit. Die ständige Schuld. Das beständige Problem meines Lebens. Thomas Quick hat so viele Leute betroffen. Thomas Quick hat meine Familie betroffen, meine Geschwister und deren Kinder. Thomas Quick hat die Verwandten der Toten betroffen, Leute, die durch ernste Verbrechen aufgewühlt waren. Damit werde ich mich immer beschäftigen müssen.Du sagst, du hättest heute keine Beziehung mehr zu Thomas Quick—ist das überhaupt möglich?
Nein. Ich muss mich damit die ganze Zeit befassen. Aber heute ist Thomas Quick tot. Und in erster Linie war er eine fiktive Figur. Das ermöglicht es mir, mich mit ihm zu befassen, sodass er mich heute nicht tötet.Selbst wenn er heute tot sein mag, kannst du irgendwelche Reue für seine Taten spüren?
Absolut. Das ist Teil meiner täglichen Situation; die Last zu tragen. Und das darf nicht vernachlässigt werden—ich überbrachte Thomas Quicks Sprache, Thomas Quicks Gesten und so weiter.Wenn wir über die übrige Verurteilung sprechen, bekomme ich das Gefühl, dass du dir ziemlich sicher bist, freigesprochen zu werden.
Ja, das bin ich. Ich habe auch nicht die letzten zwei Berufungen gemacht. Und das Berufungsgericht hat einem Antrag in meinem Fall zugestimmt. Das heißt im Grunde genommen, dass ich von den Vorwürfen freigesprochen werde.Was wirst du als freier Mann als Erstes machen?
Das Allererste, was ich machen werde, ist geradeaus zu laufen. Mein Ziel ist es, derjenige zu sein, der die Tür öffnet, und dann einfach nur geradeaus zu laufen. Ganz alleine auf der Straße.Du bist der Freiheit so nahe, hast du da nicht Angst, auf der Zielgeraden zu stolpern?
Nein. Das ist die Sicherheit, die ich habe. Ich bin mir in diesem Prozess so sicher. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es so lange dauert, aber ich war mir die ganze Zeit sicher.Du bist hier schon seit 23 Jahren eingesperrt und hast deshalb auch eine Menge in deinem Leben verloren. Was vermisst du am meisten?
Ich vermisse, Leute aufwachsen und altern zu sehen. Und etwas anderes, das du in deinem Blog erwähnt hast: die Trauer. Du betrauerst das Leben, das du niemals haben wirst, ich betrauere das Leben, das ich nie hatte.Ich denke auch über dieses Wiedererkennen nach, von dem du sprichst. Weil ich auf komische Weise das Gefühl habe, dass wir dort einen gemeinsamen Bezugspunkt haben. Auf komplett verschiedenen Richtungen kommen wir beide diesem Punkt näher—ich mit meiner Krankheit, die mich letztendlich das Leben kosten wird, und du, der noch bis vor Kurzem als der gefürchtetste Serienmörder Schwedens galt.
Genau so ist es. Aber ich denke, dass diese Treffpunkte sehr interessant sind und auch alles sehr interessant machen. Dieses Treffen lässt alles sehr lebendig werden.Ja, deshalb habe ich auch gedacht, dieses Treffen könnte sehr interessant werden, weil wir irgendwie miteinander kollidiert sind. Wenn du mal darüber nachdenkst, sind unsere Situationen sehr verschieden, aber wenn wir hier sind, sind wir beide in der gleichen Situation. Als wir angefangen haben, E-Mails auszutauschen, hatte ich beinahe das Gefühl, dass wir beide die gleiche Sicht auf den Tod teilen. Oder wir haben beide das gleiche Verständnis davon, was nach dem Tod geschehen wird. Ich glaube, wir hatten da beide eine ziemlich ähnliche Sichtweise. Vielleicht geht man nicht körperlich auf eine Reise, dafür erreicht man aber mehr einen psychologischen Bewusstseinszustand und reist durch das all All und durch Galaxien.
Ja, ich fand's auch super spannend, als du mir in einer E-Mail erzählt hast, dass du dieses Buch Kosmos liest. Ich lese das auch die ganze Zeit.Ja, das hat mich überrascht. Ich glaube, wenn ich sterbe, werde ich eine Reise antreten. Das klingt natürlich alles sehr abstrakt, wenn man darüber spricht. Aber ich denke, ich werde durch das All reisen und ein wohliges Gefühl erleben—eine Mischung aus einem Orgasmus und einem warmen Bad. Und irgendetwas wird mir all die Antworten auf alles, über das ich jemals nachgedacht habe, geben. Rätsel lösen sich auf. Wie passt das in dein Bild vom Tod?
Ich erkenne mich darin wieder. Das erste Mal, als ich dich darüber sprechen hörte, war im Fernsehen. Ich fing an zu weinen, weil ich diese Art zu denken wiedererkannte. Vorstellungskraft ist eine wichtige Fähigkeit, die man haben sollte. In der Lage zu sein, sagen zu können, dass es nicht auf diese Weise geschehen könnte, aber auch dass es geschehen könnte. Es zu wagen, diese Sichtweise zu vertreten—das ist wahrer Trost.Ich bin in Borlänge aufgewachsen, wo man dich—und ich denke, das gilt für ganz Schweden—für einen Dämonen hielt, den fürchterlichsten Menschen im Land. Als Kind hatte ich Angst vor Thomas Quick. Was denkst du, wenn ich dir das erzähle?
Das ist schwer, aber gleichzeitig muss ich auch zugeben, dass es so war. Aber es war auch so, als hätte Schweden einen Dämonen gebraucht. Jemand, auf den man mit dem Finger zeigen kann und vor dem man Angst hat. Dieses Bedürfnis zu erfüllen … das ist unheimlich.Aber das Bild, das die Gesellschaft von Thomas Quick hatte, basierte auf deinen eigenen Geständnissen.
Genau, absolut. Die Stimme zu sein, die all diese Sachen gesagt hat, ist heute extrem schwierig. Aber um meiner selbst willen und um der Liebe willen, muss ich mich dem in einer guten Weise anpassen. Und bei dieser „guten Weise“ meine ich, es anzuerkennen, wie es wirklich war.
Der Autor (Illustration von Anna Lewenhaupt)Ich habe dir erzählt, dass ich Angst vor Thomas Quick hatte, als ich aufwuchs. Wenn du heute auf diese Zeit zurückschaust, hattest du keine Angst vor Thomas Quick?
Nein, hatte ich nicht. Und das liegt daran, dass er fiktiv war. Aber es bereitet mir Angst, dass er diese Rolle im Rampenlicht annahm. Einige Leute wollten ihn verurteilt und eingesperrt sehen, egal wie viel es kostete. Heute erzählen mir meine Geschwister: „Du warst krank, du hattest ein gewisses Bedürfnis, beschützt zu werden, und die Gesellschaft hat dir das nicht bieten können. Es war eher das Gegenteil—die Gesellschaft hat deine Bedürfnisse zu ihrem Vorteil ausgenutzt.“ Das ist erschreckend. Thomas Quick ist an sich nicht beängstigend. Wie die Gesellschaft mit ihm umgeht, ist es.Also ist es eher die Interpretation von Thomas Quick, die furchterregend ist?
Ja. So Sachen, wie ihn dazu zu drängen zu gestehen, und so weiter.Wovor hast du am meisten Angst?
Dass mein Bruder sterben wird. Er hatte Krebs und schon einige Herzinfarkte. Er muss am Leben sein, wenn ich hier rauskomme. Danach kann er sterben.Kannst du dich an deine erste Liebe erinnern?
Ja, kann ich. Das war in der Schule. Ich habe mich in einen Klassenkameraden verliebt. Es war ein Junge, daran kann ich mich noch sehr, sehr gut erinnern. Aber ich konnte ihm nie sagen, dass ich in ihn verliebt war, weil so etwas 1964 einfach nicht ging. Homosexualität galt damals noch als Krankheit. Es gab keine Möglichkeit, sich zu outen.Was hast du mit dieser Liebe angestellt?
Ich hab sie romantisiert—ich schrieb Briefe, Gedichte und Romane und war gleichzeitig verzweifelt.Hat er es jemals herausgefunden?
Nein, hat er nicht.
Als ich Sture aus der stark bewachten Einrichtung verlasse, gehe ich mit gemischten Gefühlen. Ich kam her, um den am meist gehassten Mann in Schweden zu treffen—ein Mann, der mir als Kind Höllenangst einjagte. Aber mit der Eingangstür hinter mir und dem spiegelglatten schwarzen Ljusternsee vor mir frage ich mich, wen ich gerade wirklich getroffen habe: einen Mann geprügelt vom schwedischen Justizsystem oder einen närrischen Irren, der jedem weismachen kann, was er sagt?Ich bekomme noch immer Nachrichten von Sture. Er schreibt mir oft nur eine Zeile: „Alles Gute wünsche ich dir.“Ich weiß nie, was ich antworten soll.
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Sture Bergwall: Ich glaube, mein Blick auf den Tod hat sich ziemlich offensichtlich verändert. Oder eher meine Beziehung zum Tod. Ich fürchte mich nicht mehr vor dem Tod. Vorher hatte ich Angst davor, aber seit dieser neuen Ära bin ich nicht mehr verängstigt. Ich bin ruhig und sicher in meinem Alltag. Das mag auch damit etwas zu tun haben, dass ich nun ruhig und gelassen vor dem Tod bin. Daran wird es wohl liegen.Als ich jung war, habe ich in einem Pflegeheim gearbeitet, in dem eine ältere Dame kurz vor dem Tod stand. Sie war ihr ganzes Leben lang sehr religiös gewesen. Ich saß bei ihr, ein paar Stunden bevor sie gestorben ist. Da hat sie sich mir gegenüber geöffnet und gesagt, sie habe Angst und hat angefangen zu schreien: „Ich will nicht sterben!“ Sie hat sich total verändert, als der Tod immer näher rückte. Ihre ruhige Art verschwand und hat sich in Panik gewandelt. Das war so schockierend für mich. Eine sehr dramatische Erfahrung.Hat dir das Angst bereitet?
Ja, hat es.Denkst du, dass sie in diesem Moment ihren Glauben verloren hat?
Ja. Und ich glaube, dass auch ich meinen Glauben in diesem Moment verloren habe. Ganz bestimmt.
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Die gibt es nicht. Außer, dass ich heute mit dem klarkommen muss, was damals alles geschah. Daran arbeite ich die ganze Zeit. Die ständige Schuld. Das beständige Problem meines Lebens. Thomas Quick hat so viele Leute betroffen. Thomas Quick hat meine Familie betroffen, meine Geschwister und deren Kinder. Thomas Quick hat die Verwandten der Toten betroffen, Leute, die durch ernste Verbrechen aufgewühlt waren. Damit werde ich mich immer beschäftigen müssen.Du sagst, du hättest heute keine Beziehung mehr zu Thomas Quick—ist das überhaupt möglich?
Nein. Ich muss mich damit die ganze Zeit befassen. Aber heute ist Thomas Quick tot. Und in erster Linie war er eine fiktive Figur. Das ermöglicht es mir, mich mit ihm zu befassen, sodass er mich heute nicht tötet.Selbst wenn er heute tot sein mag, kannst du irgendwelche Reue für seine Taten spüren?
Absolut. Das ist Teil meiner täglichen Situation; die Last zu tragen. Und das darf nicht vernachlässigt werden—ich überbrachte Thomas Quicks Sprache, Thomas Quicks Gesten und so weiter.Wenn wir über die übrige Verurteilung sprechen, bekomme ich das Gefühl, dass du dir ziemlich sicher bist, freigesprochen zu werden.
Ja, das bin ich. Ich habe auch nicht die letzten zwei Berufungen gemacht. Und das Berufungsgericht hat einem Antrag in meinem Fall zugestimmt. Das heißt im Grunde genommen, dass ich von den Vorwürfen freigesprochen werde.
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Das Allererste, was ich machen werde, ist geradeaus zu laufen. Mein Ziel ist es, derjenige zu sein, der die Tür öffnet, und dann einfach nur geradeaus zu laufen. Ganz alleine auf der Straße.Du bist der Freiheit so nahe, hast du da nicht Angst, auf der Zielgeraden zu stolpern?
Nein. Das ist die Sicherheit, die ich habe. Ich bin mir in diesem Prozess so sicher. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es so lange dauert, aber ich war mir die ganze Zeit sicher.Du bist hier schon seit 23 Jahren eingesperrt und hast deshalb auch eine Menge in deinem Leben verloren. Was vermisst du am meisten?
Ich vermisse, Leute aufwachsen und altern zu sehen. Und etwas anderes, das du in deinem Blog erwähnt hast: die Trauer. Du betrauerst das Leben, das du niemals haben wirst, ich betrauere das Leben, das ich nie hatte.Ich denke auch über dieses Wiedererkennen nach, von dem du sprichst. Weil ich auf komische Weise das Gefühl habe, dass wir dort einen gemeinsamen Bezugspunkt haben. Auf komplett verschiedenen Richtungen kommen wir beide diesem Punkt näher—ich mit meiner Krankheit, die mich letztendlich das Leben kosten wird, und du, der noch bis vor Kurzem als der gefürchtetste Serienmörder Schwedens galt.
Genau so ist es. Aber ich denke, dass diese Treffpunkte sehr interessant sind und auch alles sehr interessant machen. Dieses Treffen lässt alles sehr lebendig werden.
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Ich erkenne mich darin wieder. Das erste Mal, als ich dich darüber sprechen hörte, war im Fernsehen. Ich fing an zu weinen, weil ich diese Art zu denken wiedererkannte. Vorstellungskraft ist eine wichtige Fähigkeit, die man haben sollte. In der Lage zu sein, sagen zu können, dass es nicht auf diese Weise geschehen könnte, aber auch dass es geschehen könnte. Es zu wagen, diese Sichtweise zu vertreten—das ist wahrer Trost.
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Das ist schwer, aber gleichzeitig muss ich auch zugeben, dass es so war. Aber es war auch so, als hätte Schweden einen Dämonen gebraucht. Jemand, auf den man mit dem Finger zeigen kann und vor dem man Angst hat. Dieses Bedürfnis zu erfüllen … das ist unheimlich.Aber das Bild, das die Gesellschaft von Thomas Quick hatte, basierte auf deinen eigenen Geständnissen.
Genau, absolut. Die Stimme zu sein, die all diese Sachen gesagt hat, ist heute extrem schwierig. Aber um meiner selbst willen und um der Liebe willen, muss ich mich dem in einer guten Weise anpassen. Und bei dieser „guten Weise“ meine ich, es anzuerkennen, wie es wirklich war.

Nein, hatte ich nicht. Und das liegt daran, dass er fiktiv war. Aber es bereitet mir Angst, dass er diese Rolle im Rampenlicht annahm. Einige Leute wollten ihn verurteilt und eingesperrt sehen, egal wie viel es kostete. Heute erzählen mir meine Geschwister: „Du warst krank, du hattest ein gewisses Bedürfnis, beschützt zu werden, und die Gesellschaft hat dir das nicht bieten können. Es war eher das Gegenteil—die Gesellschaft hat deine Bedürfnisse zu ihrem Vorteil ausgenutzt.“ Das ist erschreckend. Thomas Quick ist an sich nicht beängstigend. Wie die Gesellschaft mit ihm umgeht, ist es.
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Dass mein Bruder sterben wird. Er hatte Krebs und schon einige Herzinfarkte. Er muss am Leben sein, wenn ich hier rauskomme. Danach kann er sterben.Kannst du dich an deine erste Liebe erinnern?
Ja, kann ich. Das war in der Schule. Ich habe mich in einen Klassenkameraden verliebt. Es war ein Junge, daran kann ich mich noch sehr, sehr gut erinnern. Aber ich konnte ihm nie sagen, dass ich in ihn verliebt war, weil so etwas 1964 einfach nicht ging. Homosexualität galt damals noch als Krankheit. Es gab keine Möglichkeit, sich zu outen.Was hast du mit dieser Liebe angestellt?
Ich hab sie romantisiert—ich schrieb Briefe, Gedichte und Romane und war gleichzeitig verzweifelt.Hat er es jemals herausgefunden?
Nein, hat er nicht.
