Bewaffnete Gruselclowns tauchen in ganz Deutschland auf

Sie hantieren mit Pistolen, Messern oder Baseballschlägern. In den letzten Tagen verängstigen Clowns in mehreren Städten Bürger. Die Vorfälle, so die Polizei, haben eine "besorgniserregende Dimension erreicht."
21.10.16

Foto: Flickr | daveiam | CC BY 2.0

Einen bunten Anzug, eine rote Nase und eine auffällige Grimasse. Was sich eigentlich ganz nett anhört, springt dieser Tage mit blutverschmierten Lippen und einer Waffe in der Hand ahnungslosen Passanten vor die Füße. Es sind Menschen, die sich als Gruselclowns verkleiden und einem bizarren US-Trend folgen. Dass sie sich vermehrt auch in deutschen Städten herumtreiben, alarmiert die Polizei.

Gestern erschreckte ein stark geschminkter, grinsender Mann mit Perücke und gelbem Ganzkörperkostüm eine 22-jährige Frau an einer Bushaltestelle in Greifswald in Vorpommern. Auch in einem Waldstück bei Leverkusen irrte ein Gruselclown herum. Im niederrheinischen Wesel hantierte einer von ihnen mit einer Pistole. Gleich an drei aufeinanderfolgenden Tagen musste die Polizei in Gelsenkirchen wegen Tätern mit Clownsmasken ausrücken. "Von einfachem Erschrecken mit einem Sprung aus einem Busch kann nicht mehr die Rede sein", erklärt der Gelsenkirchener Polizeihauptkommissar Olaf Brauweiler im Gespräch mit VICE. "Leider haben die Vorfälle mittlerweile eine besorgniserregende Dimension erreicht."

Am Montagabend zog sich ein 14-Jähriger eine tiefe Schnittwunde zu, als er bei seiner Flucht vor einem mit Baseballschläger bewaffneten Clown über einen Zaun kletterte. "Der 16-jährige Täter hat sich dann am nächsten Tag reumütig bei uns gestellt", erklärt Brauweiler. Er soll ein Freund des Opfers gewesen sein und hielt es für einen Scherz. Um einfache Streiche handelt es sich bei den Clown-Attacken allerdings nicht mehr. In der Nacht zum Donnerstag wurde ein gehörloser Mann von zwei Tätern mit Clownsmasken mit einem Messer angriffen. "Der Geschädigte zog sich eine leichte Schnittwunde zu." Nun ermittelt die Polizei in beiden Fällen wegen Nötigung und versuchter gefährlicher Körperverletzung.

Plötzlich halten Gruselclowns Polizeidienststellen im ganzen Land in Schach. Das Phänomen gibt es in den USA schon länger. Die Clowns stellen Horrorfilme nach, positionieren sich an sowieso angsteinflößenden Orten wie in dunklen Parks, Tiefgaragen oder Bahnunterführungen. Es sind Orte, an denen wir uns potentiell unwohl fühlen. An denen das letzte, was wir erleben wollen, die Filmszene aus einem Stephen-King- oder einem Splatterfilm ist. Auf Twitter werden mittlerweile die Clown-Sichtungen unter den Hashtags #ClownSighting oder #Clownsspotting verbreitet.

⚠Caution⚠
Houston, Tx#clownsighting #HoustonCares pic.twitter.com/mzQJIHjc4b
Clown Sightings (@Only_Dumb) 5. Oktober 2016

Weil es schon zu versuchten Entführungen mit Clownsmasken und Grusel-Drohungen an Schulen kam, reagierten in den USA einige Geschäfte und nahmen Clownsmasken aus dem Sortiment. Manche Schulen wurden gleich geschlossen. Der Internationale Clownverband sah sich gezwungen, sich offiziell von den "Creepy Clowns" zu distanzieren. Selbst das Mc-Donalds-Maskottchen "Ronald McDonald" wurde vorübergehend aus den Restaurants des Fastfood-Riesens verbannt. Aber warum fürchten sich die Menschen ausgerechnet vor Clowns, die doch eigentlich für Erheiterung sorgen sollen?

Coulrophobie, also die krankhafte Angst vor Clowns, ist zwar nicht sehr verbreitet, aber trotzdem sind uns Clowns nicht geheuer. Eine Studie der University of Sheffield befragte 250 Kinder und Jugendliche zwischen vier und 16 Jahren, ob sie im Krankenhaus gemalte Clownbilder an den Wänden haben wollten. Die meisten wollten es nicht—sowohl die jüngeren, als auch die schon pubertierenden Kinder mochten die Clowns nicht und fürchteten sich. Bei Erwachsenen sind die Gefühle ähnlich.

Psychologen des amerikanischen Knox College in Illinois beschäftigten sich eben mit dieser Frage: Warum sind Clowns gruselig? Das Ergebnis nach Untersuchungen mit über 1.300 Probanden ergab: Es liegt an ihrer Unberechenbarkeit. Viele der Befragten wurden ängstlich, wenn sie eine Person komisch anguckt oder seltsame Gesten macht. Die Studie erklärt: "Menschen, die mit einem Clown interagieren, wissen nie, ob sie gleich eine Torte ins Gesicht bekommen oder Opfer eines erniedrigenden Streichs werden."

Vor allem diese Streiche motivieren die Täter. In den meisten Fällen steckt hinter dem Phänomen des Gruselclowns ein makaberer Scherz und ein bisschen Nervenkitzel. Die bewaffneten Clowns wollen lediglich ihre Opfer erschrecken—und flüchten anschließend vor ihnen oder der Polizei. Andere versuchen gezielt die Reaktionen in einem Video festzuhalten, um die Szenen als Pranks im Internet zu verbreiten.

Ob es den Gelsenkirchener Tätern um Videos ging, ist der Polizei indes nicht klar. "Uns hat niemand etwas zu solchen Videos ausgesagt und wir haben auch noch keine Clips auf YouTube oder in den sozialen Netzwerken gefunden", erklärt Kommissar Olaf Brauweiler. Ein Ende der Gruselclown-Überfälle sieht der Beamte nicht. "Wir haben die Befürchtung, dass sich dieser Trend durch die große Berichterstattung und die Internetvideos ausbreitet und sich weitere Nachahmer finden."

Mit anderen Polizeistellen habe man sich bisher wegen der Bekämpfung des Gruselclown-Aufkommens noch nicht ausgetauscht. "Bisher sind es immer noch Einzelfälle in Gelsenkirchen", erklärt Brauweiler. "Unsere Kollegen wurden jedoch alle informiert und sensibilisiert." Mit Maske oder Kostüm kann man derzeit also schnell von der Polizei herausgezogen werden. "Wir achten vermehrt auf Clownsmasken und werden diese gegebenenfalls einkassieren." Im Karneval wird das sicher eine Menge Arbeit. Eine 'Sondereinheit Clown', versichert der Kommissar, gibt es aber noch nicht.