32 Prozent der Österreicher finden Vergewaltigung unter gewissen Umständen gerechtfertigt

Wenn eine Frau zum Beispiel aufreizend angezogen oder betrunken ist, dann sei eine Vergewaltigung gerechtfertigt.
28.11.16

Zahlen in Prozent. Grafik: VICE, Quelle: EU-Kommission

Wenn eine Frau aufreizend angezogen ist, wenn sie betrunken oder alleine unterwegs ist, dann sei eine Vergewaltigung gerechtfertigt. Europaweit ist mehr als jeder Vierte dieser Meinung. Und wir reden nicht von einer antiken Umfrage aus der Urzeit vor dem Internet, sondern einer Studie aus dem Jahr 2016, die zeigt, dass anscheinend tatsächlich noch Menschen davon überzeugt sind, dass eine Frau selbst schuld sei, wenn sie vergewaltigt wird.

Laut der Eurobarometer-Studie sagen 27 Prozent der Europäer, dass Vergewaltigung unter bestimmten Umständen gerechtfertigt sei. Die Begründungen dafür sind verschieden. Mehr als 27.000 Teilnehmer konnten zwischen mehreren Antworten auswählen, Mehrfachnennungen waren möglich. Demnach sagten 12 Prozent, eine Vergewaltigung sei dann legitim, wenn eine Frau betrunken oder auf Drogen sei; 11 Prozent befanden eine Frau dann für selbst schuld, wenn sie mit jemandem nach Hause gegangen sei; 10 Prozent, wenn die Frau aufreizend angezogen sei.

Zahlen in Prozent. Grafik: VICE, Quelle: EU-Kommission

Grafik: Gewalt gegen Frauen wird oft vom Opfer provoziert (Stimme zu)

In der Statistik zeigt sich ein Gefälle zwischen dem Osten und dem Rest Europas. In Nordeuropa (6 - 13 Prozent), den Niederlanden (15 Prozent) und Spanien (8 Prozent) gibt es für die wenigsten Menschen ein Szenario, in dem eine Vergewaltigung OK wäre. In Rumänien sind hingegen mehr als die Hälfte der Befragten davon überzeugt, eine Vergewaltigung wäre unter den genannten Umständen gerechtfertigt. In Österreich sind es 32 Prozent—also knapp jeder Dritte. 23 Prozent denken außerdem, dass Gewalt gegen Frauen oft von den Frauen selbst provoziert werde.

Die Zahl der Vergewaltigungen ist in Österreich in den vergangenen Jahren nicht gestiegen. Auch nicht im Jahr 2015, in dem immer wieder Horrorszenarien heraufbeschworen wurden. Knapp 80 Prozent der Taten wurden im vergangenen Jahr von Österreichern verübt. Die meisten Vergewaltigungen—77,8 Prozent—passierten innerhalb der eigenen vier Wände oder dem nahen Umfeld.

Doch gerade die Fälle, in denen der Täter dem Opfer bekannt ist, werden seltener zur Anzeige gebracht. So wird die Anzahl der Vergewaltigungen auf ein Vielfaches der tatsächlichen Anzeigen geschätzt. In Österreich sind es 15 pro Woche. 2015 gab es österreichweit 986 Verurteilungen wegen Vergehen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung. Und diese Vergehen sind durch nichts zu rechtfertigen—auch dann nicht, wenn die Gewalt von nahestehenden Menschen ausgeht. Sie sind auch dann nicht weniger schlimm, wenn der Angreifer nicht weiß, was er tut. Auch dann nicht, wenn der Angreifer sein Verhalten bereut. Nie.

Wichtig ist in solchen Fällen, dass Frauen wissen, an wen sie sich wenden können. Frauenhäuser bieten neben Zuflucht auch psychologische und rechtliche Unterstützung. Betreuerinnen suchen dort Wohnungen mit den betroffenen Frauen und betreuen deren Kinder. Die Frauenhelpline ist rund um die Uhr kostenlos für Betroffene erreichbar.

Hier die Nummer der Frauenhelpline in Österreich: 0800/222 555