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Geschichten aus dem Leben eines Tiefseetauchers

Tiefenrausch, Haie und brenzlige Begegnungen mit Piraten mögen abenteuerlich klingen, doch für manche Leute gehört all das zum Berufsalltag.

von Christian Schachta
25 April 2016, 4:00am

Wenn man auf See arbeitet, trifft man die verschiedensten Menschen: den mit Tattoos übersäten russischen Kapitän, die philippinischen Matrosen, den ghanaischen Koch, den deutschen Geologen oder den irischen Taucher mit dem bayrischen Akzent. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, warum er das entsagungsvolle Leben auf dem Ozean gewählt hat. Bei mir persönlich ist es die Abenteuerlust, die dafür gesorgt hat, dass ich inzwischen schon seit vier Jahren als Vermessungstechniker und Taucher auf See bin.

Nachdem ich mich einige Zeit durch Faulbecken, Abwasser und chemisches Abwasser gekämpft habe, bin ich also Vermessungstechniker und Taucher geworden. Eine Aufgabe war zum Beispiel, die Route eines Glasfaserkabels zu überprüfen, das von Marseille bis Mumbai verlegt werden soll und lediglich daumendick ist. Als Offshore-Taucher mache ich Inspektionen, helfe bei Installationen und führe Bergungen durch.

Das Tauchen versetzt einen in eine Umgebung, die für Menschen unnatürlich ist. Die Aufgaben sind schwierig und gefährlich, einfache Arbeiten dauern viel länger als an der Oberfläche, und eine gute Ausbildung ist dabei extrem wichtig. In der Anfangszeit des Offshore-Tauchens passierten jedes Jahr viele tödliche Unfälle, weil es nicht genug Wissen und Vorschriften, dafür aber zu viel falsches Heldentum und zu gefährliche Aufgaben gab. Heutzutage gibt es mehr Sicherheitsvorkehrungen, doch wir müssen im Alltag immer noch mit vielen Gefahren umgehen.

Die Tiefe & Dekompression

Manche Taucher, „Sättigungstaucher" genannt, gehen auf Tiefen bis zu 300 Meter. Oft müssen sie hier Arbeiten an Pipelines und Bohrinseln durchführen. Weil die Dekompression für eine solche Tiefe fünf Tage dauert, leben die Taucher einen Monat lang in einer Überdruckkammer an Bord des Schiffs, die sie in dem Druck ihrer Arbeitstiefe hält. Für sie ist es vier Wochen lang so, als befänden sie sich zum Beispiel in 180 Metern Tiefe. Wenn es Zeit für die sechsstündige Tauchschicht ist, werden sie in einer geschlossenen Glocke, in die sie durch eine Luftschleuse gelangen, auf die Arbeitstiefe heruntergelassen. Ansonsten schlafen, essen und scheißen sie in der Überdruckkammer.

Stickstoffnarkose a.k.a. Tiefenrausch

Je nachdem, wie tief man taucht, kann man den „Tiefenrausch" spüren. Offiziell heißt diese Folge großer Tiefen Stickstoffnarkose, doch der veränderte Wahrnehmungszustand wird auch als "der Martini-Effekt" bezeichnet, weil es sich anfühlt, als habe man auf leeren Magen Martinis gekippt. Das hört sich vielleicht ganz witzig an, aber es kann tödlich sein, wenn man eine Stunde lang unter 50 Metern Wasser und extremen Bedingungen mit riesigem Werkzeug hantiert. Zum Glück gibt es an der Oberfläche ein Team, das einen Livestream beobachtet und dir ins Ohr spricht.

Piraten & Krieg

In manchen Gegenden, wie dem Golf von Aden, lauern Piraten, Schmuggler und Schwarzhändler. Bei einem meiner letzten Aufträge kam ein Piraten-Mutterschiff mit vier Schnellbooten direkt auf uns zu. Doch für solche Situationen hatten wir ehemalige britische Soldaten dabei. Diese Ex-Mitglieder der königlichen Marine und einer Spezialeinheit der Armee, des Special Air Service, erzählten uns Geschichten vom Kampf in Dschungeln und Trainings in extremen Umgebungen. In sehr kritischen Bereichen war das ganze Schiff mit S-Draht bedeckt. Sobald die Sonne unterging, wurden die Lichter auf dem Schiff abgestellt und die Sicherheitsleute überwachten das Radar sowie mithilfe von Nachtsichtgeräten den Horizont. Als wir ein paar Kilometer vor Aden im Jemen waren, konnten wir sehen, wie die Stadt bombardiert wurde, was furchterregend war. Seltsam war, dass die internationalen Medien absolut gar nicht mehr darüber berichtet haben. Laut der Berichterstattung war der Konflikt schon vorbei.

Wetter

Ein Schiff kann sich nirgends verstecken, wenn ein orkanartiger Wind aufkommt. Schlechtes Wetter, hoher Wellengang und starke Winde peitschen dich ohne Unterlass umher. Tagelang kannst du nicht schlafen, weil die See so rau ist. Riesige Wellen von bis zu 15 Metern Höhe schlagen gegen den Bug und du spürst, wie die Vibrationen durch den gesamten Schiffskörper wandern, was den Stahl verbiegt und gruselige Geräusche verursacht. Die Nächte auf See sind sehr dunkel. Wenn es bewölkt ist, dann handelt es sich um die dunkelste Schwärze, die ich je gesehen habe. Wenn man dann über Bord fallen würde, wäre man verloren. Selbst wenn man eine Rettungsweste trägt und das Wasser warm ist, stehen die Chancen schlecht gefunden zu werden und zu überleben.

Manchmal, wenn wir von einem Einsatzort an den nächsten gefahren sind, haben wir die Angelleine ausgeworfen. Der Fang von Barrakudas und anderen großen Fischen hat unseren ansonsten etwas bescheidenen Speiseplan schon um einige leckere Mahlzeiten ergänzt (unsere Köche geben ihr Bestes, aber häufig fehlen frische Zutaten).

In manchen Regionen locken unsere Essensabfälle auch Haie an, weswegen wir auch aufpassen müssen. Als wir einmal nachts vor Pakistan waren, schwammen auf der gesamten Oberfläche unzählige Seeschlangen, die von den Scheinwerfern angelockt worden waren, die das Schiff während der Arbeiten eingeschaltet hatte.

Das klingt jetzt alles vielleicht nach Seefahrerromantik, doch was ich als Kontrast an Armut und sogar Leid, Tod und Krieg sehen konnte, hat meine Sicht der Welt verändert. Das hier ist ein echtes Abenteuer. Aber ich hätte mir nicht träumen lassen, wie zerstört einige Teile der Welt sind. Ich dachte ich wüsste es, doch es mit eigenen Augen gesehen zu haben, hat für mich vieles verändert. Und dennoch, wenn ich heimkehre und die seltsamen Werte meiner eigenen Gesellschaft vor Augen habe, so weit von der Realität da draußen entfernt, dann würde ich manchmal am liebsten direkt wieder auf den Ozean zurück.