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Vice Blog

Ein Gespräch mit JH Engström

19.8.10

Auf meiner to-do Liste steht heute der Plazenta Typ JH Engström. Er zählt zu den besten Fotografen in Schweden, seitdem sein Mentor Andres Petersen ihm die Fackel von Christer Strömholm übergab. Aber wir werden uns in die ganze Sache nicht vertiefen, weil JH es selbst geschafft hat in die High-End Kunst und Fashion Publikationen reinzukommen, seine Arbeiten weltweit in Galerien auszustellen und eine unzählige Anzahl an Sammlungsstücken, wie  Bücher zu produzieren. In vielen seiner Arbeiten geht es um den kulturellen Schock, den er auf seinen Reisen zwischen Paris und dem schwedischem Dörfchen Värmland erlebt hat.

Vice: Hi JH. Bist du schon mal beim Anblick einer Plazenta ausgeflippt? Als meine Mutter deine Bilder in der Still Lifes Ausgabe gesehen hat, sagte sie mir, dass mein Vater auch versucht hat ein Bild von der Plazenta zu schießen. Er ist ohnmächtig geworden, bevor er überhaupt etwas machen konnte.

JH Engstrom: Ich muss zugeben, dass es mir auch fast passiert ist. Besonders bei diesem Kaiserschnitt mit vielen Komplikationen. Susan Sontag pflegte zu sagen, dass es ein wichtiger Teil der Fotographie ist, das zu zeigen, wie das wahre Leben wirklich ist. Und was kann noch wahrhaftiger sein, als eine Plazenta? Dort beginnt das Leben und so sieht es aus. Es ist einfach wegzuschauen, aber einen Blick zu wagen, wie es wirklich ausschaut, ist mit einer gewissen Verantwortung verbunden.

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Der Werbetyp, dessen Anzeige wir neben deinem Photo platziert haben ist total ausgeflippt.

Echt? Ich weiss nicht, vielleicht fürchten sich die Menschen, die sich davon angeekelt fühlen, vor dem Tode. Ich meine, was gibt es schöneres als eine Plazenta? Das ist die Voraussetzung für das Leben, was schon etwas ziemlich positives ist.

Würdest du sagen, das Ablichten der Plazenta ist der Weg des Erkennens woher wir kommen?

Ja. Es hat für mich dieselbe Moral wie wenn man Fleisch isst. Iss nichts, was du nicht selber töten kannst.

Würdest du ein Tier töten?

Freiwillig nicht, aber wenn ich es hätte tun müssen, dann wohl ja. Ok. Zurück zu den Plazenta-Bildern. Sie haben mir eine Frage beantwortet. Ich habe mich eine zeitlang gefragt, ob ich mich hinter der Kamera verstecken kann…

Und kannst du es?

Nein.

Verstehe.

Selbstverständlich entstehen da Erwartungen, wie bei einem Kriegsjournalisten, der ein Gemetzel fotografiert. Da kannst du dich hinter der Kamera verstecken. Ich persönlich benutze die Kamera als ein Werkzeug, um an dem Existentiellen näher zu kommen. Als meine Zwillinge geboren wurden, war ich bei der Geburt dabei. Es war alles sehr intensiv und mit der Kamera konnte ich die Momente bewahren.

Hast du die Plazenta arrangiert, bevor du das Foto geschoßen hast? Oder war das eher ein Schnappschuss?

Ich fasste sie nicht an - die Hebammen legte sie für mich bereit. Nach dem Motto, es ist für dich angerichtet.

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Ich habe von Leuten gehört, die im Glauben eine Postschwangerschaftsdepression abzuwenden und Milchproduktion zu erhöhen, Plazenta essen. Es wird Plazentophagie genannt und beinhaltet sogar Rezepte. Ein Kumpel von uns hat sie einfach so, aus Jux, gegessen.

Ein Freund von mir hat nach der Geburt die Plazenta eingefroren und dann gekocht. Aber wir waren nicht besonders daran interessiert.

Ok, werden wir ein bisschen seriöser und erwähnen, dass das Plazentabild aus dem letzten Buch Wells deiner Triologie (die Vorgänger heißen Trying to Dance und Haunts) stammt, das demnächst rauskommt. Worüber handeln deine Bücher?

Alle Bücher sind sehr persönlich, ohne total enthüllend zu werden. Trying to Dance ist über Privatsphäre und die Unschuld. Mit viel Nacktheit. Das dritte Buch sind Selbstportraits und der Rest waren Bilder von meinen Freunden und der Umgebung von New York, nicht mal 200 Meter von dem Ort wo ich gewohnt habe. Haunts, wie der Name schon sagt, ist über Orte, Menschen und Situationen, die mich aus verschiedenen Gründen inspiriert haben.

Und Wells?

Es ist über die Privatsphäre und eine Liebesgeschichte, eine Schwangerschaft und Geburt. Die Tatsache, dass meine Zwillinge ein Junge und ein Mädchen sind macht das Buch poetisch. So wie es auch begann, mit einem Jungen und einem Mädchen.

Es ist eine schöne Fortsetzung. Die Plazenta schaut wie ein Symbol für die Unendlichkeit aus.

Ja, das tut sie, nicht?

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Fotografiertest du oft Stillleben?

Ja, jeden Tag. Zum Beispiel habe ich meinen Tisch fotografiert, als ich heute früh aufgewacht bin.

Was war da drauf?

Kaffeetassen, Weingläser, ein Zigarettenstummel, und Metallkugelschreiber.

Kann ich es sehen?

Ich fotografiere nur mit Film. Ich habe rund 400 nicht entwickelte Filme. Also könnte es ein Weilchen dauern.

So entsteht eine neue Perspektive, wenn du deine Bilder erst später betrachtest.

So habe ich ein Paar neue Dinge entdeckt, de ich beim Fotografieren gar nicht gemerkt habe.

Letzte Frage: Hast du ein Lieblingsbild?

Eigentlich habe ich keine Favoriten. Aber in diesem Fall habe ich Eins. Es hat diesen Touch eines Stilllebens und stammt von Man Ray. Ich kann nicht mal genau sagen, wofür es steht. Es wurde aufgenommen nach dem zweiten Weltkrieg, draußen in Paris, in der „Zone.“ Auf dem Bild ist ein desolates Metallgestell zu sehen, das früher ein Bett oder ein Sofa war. Da drin wuchs ein Baum, glaube ich. Ich weiß nicht warum, aber dieses Bild verfolgt mich, denn es hat eine gewisse Absurdität, die ich mag.