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nichtmehrwegschauen

Wie ich als Opfer sexueller Belästigung zum Täter gemacht wurde

Ich wurde in der Schule mehrmals sexuell belästigt. Wenn es nach meinem Umfeld geht, war ich angeblich jedes Mal selbst schuld.

von Diana S.
09 August 2016, 3:00pm

Dieser Text wurde von einer VICE-Leserin im Rahmen der Aktion #NichtMehrWegschauen unserer österreichischen Kollegen verfasst. Schreib uns, wenn auch du eine Geschichte zu erzählen hast.

Ich war 11 und hatte Spaß daran, mir die Nägel mit dem roten Nagellack meiner Mutter zu lackieren. Am nächsten Tag, kurz vor der Ankunft an meiner Schule, sprach mich ein älterer Mann an. Ich habe ihn zuerst nicht wirklich verstanden und dachte an das "Du darfst nicht mit Fremden reden!" meiner Mutter. Ich ging also einfach weiter. Er jedoch verfolgte mich und sagte Sachen wie "Ach du schönes, kleines Mädchen", "So hübsch siehst du aus!" und "Hast du manchmal auch Kleider an?"

Ich war zwar immer schon ein sehr selbstsicheres Mädchen, aber als er anfing, mir durch die Haare zu streichen und an meinem T-Shirt herumzuzupfen, rief ich dann doch nach Hilfe. Eine Frau sprang von ihrem Fahrrad und rannte zu mir, wollte wissen, was los ist und mir helfen. Ich brachte kein Wort heraus. Der Mann war mittlerweile schon verschwunden.

"Du brauchst dich nicht wundern. Warum lackierst du dir auch die Nägel rot? Darauf stehen die Männer. Das solltest du langsam lernen."

Die Frau hat mich zu meinem damaligen Direktor gebracht. Dieser hat meine Eltern angerufen, weil er bemerkt hat, dass ich sehr unter Schock stand. Als mich mein Vater dann abgeholt hat, kam es zu dem ersten großen Vertrauensbruch zwischen uns. Anstatt mich als 11-Jährige zu trösten, mir die Angst zu nehmen, mich zu stärken oder einfach nur für mich da zu sein, sagte er: "Du brauchst dich nicht wundern. Warum lackierst du dir auch die Nägel rot? Das ist eine Signalfarbe und darauf stehen die Männer. Das solltest du langsam lernen."

Schon damals war mir bewusst, dass ich sicher nicht auf etwas verzichte, nur weil psychisch gestörte Menschen sowas anziehend finden könnten, aber so etwas in diesem Alter von seinem Vater zu hören, hat mich tief getroffen. Als ich in die Pubertät kam und anfing, mich schöner zu kleiden, mich zu schminken und mir ab und zu mal die Haare zu glätten, bekam ich die Blicke und Zurufe der Männer immer öfter zu spüren. Ich konterte mit harten Sprüchen, zeigte meinen Mittelfinger oder spazierte einfach ganz selbstbewusst weiter. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt auch überhaupt kein Problem damit, meinen Freunden und Eltern davon zu erzählen.

Mit 16 Jahren kandidierte ich als Schulsprecherin und da ich immer schon etwas aus der Reihe getanzt bin, habe ich mir für meine Kandidatur etwas Besonderes einfallen lassen. Meine Rede beendete ich mit dem Satz: "... und deswegen solltet ihr mich wählen, denn ohne gute Vertretung steht ihr nackt da". Mit dem Beamer warf ich ein Bild von mir mit einem Schild vor meinem Körper an die Wand. Es hat so ausgesehen, als wäre ich nackt, was ich natürlich nicht war. Man sah meinen Oberschenkel, eine Schulter und meine Hände. Nicht einmal ansatzweise meine Brüste, meinen Hintern oder sonst etwas, was man als "zu freizügig" abstempeln könnte. Mir war bewusst, dass das Bild viel Aufmerksamkeit anziehen würde und es eine gute Grundlage für neuen Gesprächsstoff ist. Aber was dann kam, hätte ich mir wirklich nie erwartet.

Lehrer und auch Lehrerinnen nahmen mich und meine Wahlrede als Unterrichtsthema durch und beleidigten mich vor Schülern. Mir wurden Sachen wie "Da is die deppate Nackate ja" und "Bock auf einen Quickie im Lehrerzimmer oder auf dem Klo?" nachgerufen. Männliche Schüler schlugen mir andauernd auf den Hintern, fassten meine Brüste an und machten dieses ekelige "Ich leck dich"-Zeichen mit den Fingern und ihrer Zunge. Das ging über einen Monat lang so. Schulsprecherin bin ich übrigens nicht geworden, aber Schülervertreterin.

Das ganze Jahr hab ich mich für sehr viele Dinge engagiert. Die meisten Ideen für die Weihnachtsfeier kamen zum Beispiel von mir und auch für Probleme vieler Mitschüler setzte ich mich ein. Im Endeffekt war ich trotzdem aber immer die, der man auf den Hintern schauen und hauen konnte. In der Halbzeit meiner Amtsperiode war mir dann alles egal, ich hab meine Mitschüler von Grund auf ignoriert und stand drüber. Jeden, der mich dann noch beleidigt und angefasst hat, habe ich verpfiffen. Konsequenzen gab es keine. Irgendwann beruhigte sich die Lage aber einigermaßen.

Bis wir ein paar Monate danach auf Sportwoche fuhren. Am letzten Abend sind wir in eine Bar gegangen und natürlich haben wir uns angesoffen. Was macht man sonst am letzten Tag? UNO spielen? Ich hab immer viel Alkohol vertragen und kannte meine Grenzen, wie auch an dem Abend. Nach ein paar Shots und zwei Bier war mal Pause. Ich wechselte zu einem Energy Drink und ging hinaus, um eine zu rauchen.

Beim "Slutwalk", hier im Juni 2016 in München, wehren sich Demonstranten gegen die Täter-Opfer-Umkehr und das sogenannte Victim Blaming | Foto: Metropolitico.org | Flickr | CC BY-SA 2.0

An alles, was danach kam, kann ich mich nur vage erinnern. Ich war nochmal drinnen, habe getanzt, redete mit einem Typen aus der Parallelklasse, der wollte, dass ich ihn entjungfere. Ich lehnte sofort ab und ging zurück ins Hotel, weil es mir wirklich schlecht ging. Am Alkohol kann es nicht gelegen haben, so viel habe ich nicht getrunken. Wie sich später bei einem Test im Krankenhaus herausstellte, war das anscheinend meine erste Erfahrung mit Liquid XTC. Erst im Zimmer bemerkte ich, dass er mir gefolgt war. Erinnerungslücke.

Irgendwann sprang er auf und ging ins Bad. Ich machte die Zimmertür auf, weil die Mädels wie wild an der Tür hämmerten. Ich weiß noch, wie benebelt und komisch ich drauf war. Ich konnte kaum gerade gehen und wusste nicht, wo ich war. Ich habe zuerst nicht einmal bemerkt, dass ich nackt war. Er verließ das Zimmer und meine Mädels schauten mich verwirrt an.

Dann bin ich in Tränen zusammengebrochen und musste mich fast übergeben. Sie setzten sich mit mir ins Bad, haben versucht, mich aufzumuntern, und meinten, da mussten sie auch alle mal durch. Irgendwann raffte ich mich auf, putze mir meine Zähne, und schlief bei einem anderen Jungen. Keine Ahnung warum, und was genau ich dort getan habe.

Am nächsten Tag sind wir mit dem Bus zurück nach Wien gefahren. Mir war kotzübel und ich bat um einen kurzen Stopp. Draußen bin ich weinend zusammen gebrochen, habe mich meiner Lehrerin anvertraut. Sie versuchte sofort, mir zu helfen. Ich saß die restliche Fahrt bei ihr vorne, während sie bei der Polizei und bei Ärzten anrief. Sie informierte auch die Direktorin und meine Mutter. Beide kamen zum Parkplatz und wollten mit mir reden. Die Direktorin und meine Mutter redeten auch mit dem Täter, schrieben beide Aussagen auf und gaben mir zu verstehen, ich sollte sofort ins Krankenhaus zu fahren.

Zur Polizei musste ich auch. Der Polizist, der meine Aussage aufnahm, war zwar sehr freundlich, aber offensichtlich nicht geschult für solche Fälle. Am Ende der Vernehmung lächelte er und sagte: "Na ja, liebe Frau, ich denke das war's dann. Sie bekommen noch einen Brief vom Staatsanwalt, aber ich glaube, das Verfahren wird eingestellt. Sie waren ja betrunken. Hier sind ein paar Flyer für Sie. Gute Besserung."

Ich ging nach Hause und habe nur geschlafen. Die ersten Tage nach der Sportwoche ging ich nicht in die Schule. Dann kam der Tag, an dem ich anfing, alle und alles in meiner Schule zu hassen.

Meine Direktorin hatte ein Treffen einberufen—mit mir, ihm, unseren Eltern, unseren Lehrern und der Schulpsychologin. Ziel war es zu klären, wie es in der Schule weitergehen soll. Eigentlich ging es nur darum, ob und wenn ja, wer die Schule wechselt. Ich redete mit der Schulpsychologin, er mit einem Lehrer. Anstatt mich zu fragen, wie es mir geht, was genau passiert ist oder wie man MIR helfen kann, hat sie mich nur zwingen wollen, die Schule zu verlassen oder das alles unter den Teppich zu kehren. Wenn ich angefangen habe zu weinen, hat sie mich schräg und genervt angeschaut. Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt wirklich unwohl gefühlt.

"Für mich ist es auch nicht leicht. Es ist schwer, von Fremden zu hören, dass du solche Sachen machst. Ich wusste nicht, dass du so eine Schlampe bist."

Als ich wieder bei den anderen war, wurde es mir zu viel. Alle schrien sich an, meine Direktorin wollte ein Zugeständnis, dass ich die Klappe halte. Alle erhofften sich ein Happy End. Ich wollte so schnell wie möglich weg, ich war traumatisiert. Ich wollte ein Gespräch mit dem Täter. Er meinte, es wäre einvernehmlich gewesen, dass es ihm leid täte, dass er sowas nie machen würde, und so weiter.

Ich habe nur genickt und mir gewünscht, daheim zu sein. Zu Hause wollte meine Mutter aber noch einmal mit mir alleine reden. Ich aber nicht mit ihr, weshalb sie sauer war. Sie sagte etwas zu mir, was ich nie in meinem Leben vergessen werde: "Für mich ist es auch nicht leicht. Es ist schwer, von Fremden zu hören, dass du solche Sachen machst. Ich wusste nicht, dass du so eine Schlampe bist."

In der darauf folgenden Woche habe ich mitbekommen, wie eine Lehrerin in ihrem Unterricht das Thema "sexueller Missbrauch und Belästigung" angesprochen hat. Sie erzählte, dass eine Schülervertreterin beim Skikurs vergewaltigt wurde. Sie hat meinen Namen zwar nicht genannt, aber ich war nun mal das einzige Mädchen in der Schülervertretung. Alles ging von vorne los: Ich wurde angestarrt, angefasst und ausgelacht. Lehrer wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollen, Schüler sprachen mich ganz offen mit "Hey, stimmt das alles oder ist das gelogen? Hast du das erfunden oder so?" darauf an. So als würde es sich um ein 08/15-Schulgerücht handeln.

Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich schwänzte so oft wie möglich die Schule, schmierte mir jeden Tag mehrere Kilo Make-up ins Gesicht, damit man meine verheulten Augen nicht bemerkte. Ich konnte niemandem mehr vertrauen. Ich war nicht mehr in der Lage, mit jemandem zu schlafen, habe Tage nichts gegessen und Schlaf kam mir nicht in den Sinn.

Jetzt, nach mehr als einem Jahr, kann ich noch immer nicht wirklich darüber reden, ohne in Tränen auszubrechen. Ich habe mir zwar psychologische Hilfe gesucht, wechsle jetzt auch die Schule und baue mir mein eigenes, selbstständiges Leben auf. Aber vergessen und verzeihen werde ich das nie. Ich fühle mich auch noch nicht bereit, diesen Text mit meinem vollen Namen und Foto zu veröffentlichen. Ich möchte den Spott von Freunden und Bekannten nicht noch einmal ertragen müssen.

Wenn ich heute, nach all dem, nachts alleine die Straßen entlang gehe und mich jemand anspricht, reagiere ich gar nicht mehr darauf. Es ist mir mittlerweile wirklich egal—was ich traurig finde, weil ich bekennende Feministin bin, aber keine Kraft mehr habe, gegen solche Leute zu kämpfen. Wenn sie mich anschauen wollen, sollen sie es tun. Wenn sie mir hinterher pfeifen wollen, sollen sie es tun. Wenn sie mich einschüchtern wollen, sollen sie es tun.

Ich kontere nicht mehr und zeige auch keinen Mittelfinger mehr. Ich ziehe mittlerweile etwas Längeres an oder trage meine Tasche quer, damit man meinen Hintern nicht sieht. Über Politik rede ich nicht mehr laut, denn ich, als 'Nackerte', habe ja keine Ahnung von so etwas. Ich habe auch keinen roten Nagellack mehr.

Wenn es euch ähnlich geht, findet ihr hier weitere Infos, wie ihr vorgehen könnt.