Was mir eine Anime-Serie aus den 90ern über Sexualität beigebracht hat
Popkultur

Was mir eine Anime-Serie aus den 90ern über Sexualität beigebracht hat

In 'Ranma ½' gab es reichlich Nacktheit und Geschlechterwechsel. Die Serie half mir dabei, meine junge, queere Identität zu formen.
12 März 2017, 7:15am

Ich war etwa sechs, als ich Ranma ½ zum ersten Mal sah. Damals wusste ich nicht, was genau mich an diesem japanischen Anime so sehr faszinierte. Darin gab es einen Jungen, der sich bei Kontakt mit kaltem Wasser in ein Mädchen verwandelte. Ach, und Brüste gab es – sehr viel Brüste.

Meine Familie lebte damals in den USA, aber unsere Sommer verbrachten wir immer in Mexiko bei meinen Großeltern. Dort gab es nur einen Kindersender, den mein Bruder und ich gucken durften: Canal 5.

Ranma als Junge

Canal 5 strahlte vor allem Anime-Serien aus. Mit Dragon Ball Z konnte ich zwar nichts anfangen, aber dafür liebte ich die Samurai Pizza Cats und Ranma ½ um so mehr. Ranma war mit seiner ganzen Nacktheit und Homoerotik anders als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Es war meine erste Sendung mit LGBTQ-Themen, auch wenn ihre Schöpfer das vielleicht gar nicht so geplant hatten.

Ranma ½ spielt in Tokio. Es geht um einen Jungen und seinen Vater, die von einem Kampfsporttraining in China zurückkehren. Da beide bei ihrer Reise in eine verwunschene Quelle gefallen sind, verwandeln sie sich bei Kontakt mit kaltem Wasser in eine andere Gestalt: Ranma in ein Mädchen und sein Vater in einen Panda. Bei ihrer Rückkehr nach Tokio informiert Ranmas Vater ihn außerdem, dass er jetzt offiziell mit Akane, der Tochter eines guten Freundes, verlobt ist.

Ranma als Mädchen

Dieser Handlungsrahmen bereitet den Weg für ein paar extrem anrüchige und eindeutig queere und transpositive Situationen. Ryoga, eine andere männliche Figur, ist verliebt in Akane und Mädchen-Ranma, was bei Ranma wiederum für reichlich Konflikt- und Verwirrungspotenzial sorgt. Dieser hat plötzlich homoerotische Träume, vor denen er sich allerdings ekelt. Als Sechsjährige interessierten mich allerdings in erster Linie für die Interaktionen zwischen Akane und Mädchen-Ranma, die wie ein Junge dachte und sich zu Mädchen hingezogen fühlte.

Allerdings gibt es in der Sendung auch nicht gerade wenige homophobe und frauenfeindliche Passagen. Angesichts der Tatsache, dass die Serie in Japan 1989, also vor fast 30 Jahren, zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, ist das vielleicht nicht ganz so verwunderlich.

Andere Serien mit LGBTQ-Themen wie Will & Grace, die später in den 90ern erschienen, wurden von der breiten Masse oft als "zu schwul" abgelehnt. Ranma ½ schaffte es hingegen, jegliche Proteste zu umschiffen – vielleicht auch, weil keine der Figuren explizit "schwul" oder "transsexuell" sein sollte. Und trotzdem reflektierte die Serie für junge Queere und Transmenschen auf gar nicht mal so subtile Art unsere damaligen und zukünftigen Probleme.

Die Comic-Kritikerin Charlotte Finn befasste sich mit der Mangaversion von Ranma ½ in ihrer Reihe Lost in Transition, in der sie sich mit Transfiguren in Comics auseinandersetzt. "Was Transgender-Themen angeht, besteht hier definitiv ein Zusammenhang – allerdings nicht so, wie manche vielleicht erwarten würden", schrieb sie.

"Wenn Ranma mit kaltem Wasser bespritzt wird, endet Ranma in einem Körper und sozialem Status, der sich falsch anfühlt und den Ranma einfach nicht will – ähnlich, wie viele Transgendermenschen körperliche und soziale Dysphorie empfinden. Sie fühlen sich nicht im Einklang mit ihrem Körper und ihrer sozialen Rolle. Ranma ist kein Junge, der sich in ein Mädchen verwandelt. Ranma ist ein Cis-Junge, der sich in einen Transgender-Jungen verwandelt."

Ich war natürlich gespannt, ob Finn ähnliche Erfahrungen mit der Serie gehabt hatte. Hat Ranma ½ auf ihrer Reise zum Transdasein eine Rolle gespielt?

"Ich habe viele Publikationen in dieser Richtung gelesen und geschaut: Webcomics, Mangas, Cartoons und Animes, die Transthemen berühren, aber nicht unbedingt von Transthemen handeln; in denen Geschlechtergrenzen fließend sind. Bei manchen ist es etwas Gutes, in anderen ein Fluch oder ein Scherz. Alternativ nennt man sie auch 'erzwungene Verweiblichung'-Geschichten oder – etwas netter – das 'Was zur Hölle geht mit meinen Genitalien?'-Genre."

Erst vor Kurzem habe ich erkannt, wie sehr Ranmas Geschlechterwechsel und die damit einhergehende Homoerotik in der Serie lächerlich gemacht werden. Bis dahin war es für mich diese Sendung, in der es manchmal ein Mädchen gab, das Mädchen mochte, und einen Jungen, der jedes Mal in ein anderes Geschlecht gezwungen wurde, wenn er kaltes Wasser abbekam.

"Es hat mich angesprochen, weil ich mich mit der Sehnsucht identifizieren konnte, ein anderes Geschlecht zu haben als das, welches ich bei der Geburt bekommen hatte", sagt Finn. "Ich habe mich aber auch unglaublich dafür geschämt, weil mir die ganze Welt von Anfang an gesagt hat, dass ich mich dafür zu schämen habe. Diese Ansicht habe ich dann internalisiert. Medien, die dieses Thema als etwas Schlechtes darstellten, spielen mit diesem Gefühl von Scham, das ich hatte."

"Sobald ich diese Verbindung in meinem Kopf hergestellt hatte, sobald ich erkannt hatte, dass ich trans war, merkte ich sofort, warum es mich so angesprochen hatte. Ich merkte allerdings auch, dass das nicht alles sein konnte, was ich wollte. Ich hatte noch nicht alle Teile des Puzzles zusammen, aber ein paar. Ich glaube, dass das auch genau der Grund ist, warum uns die Serie im Trans- und Queerkontext in so guter Erinnerung bleibt – auch wenn wir mit ihren blinden Flecken zu kämpfen haben."

Das ist fast immer der Fall bei Sendungen, in denen queere Themen behandelt werden. Als 28-jährige Lesbe bin ich endlich nicht mehr darauf angewiesen, mir irgendeine halbgare Sendung anzugucken, nur weil eine Figur darin homosexuell ist. Zum Glück gibt es heutzutage viel mehr Serien, sogar richtig gute, in denen LBTQ-Figuren auftauchen, die nicht denunziert oder gar getötet werden.

Es ist schon überraschend, dass eine Sendung über einen die Geschlechtergrenzen durchschreitenden Martial-Arts-Kämpfer Anfang und Mitte der 90er für Kinder in Mexiko so leicht zugänglich war. Ich kann mir kaum vorstellen, dass so etwas heutzutage in den USA ausgestrahlt werden könnte, ohne Proteste heraufzubeschwören. Und wenn man darüber nachdenkt, ist es toll, wie viele Jungs diese Sendung geguckt haben und anscheinend keine Probleme mit der Homoerotik und dem Spiel mit den Geschlechterrollen hatten. Finn hat auch eine Theorie, warum das so war.

"Die Kampfszenen waren die Einstiegsdroge. Selbst wenn du dich nicht für Ranmas Auseinandersetzungen mit seinem Geschlecht und seiner Sexualität interessiert hast, konntest du zumindest dabei zuschauen, wie die Figuren gegenseitig die Scheiße aus sich rausprügelten. Es gab sogar ein Kampfspiel dazu – die perfekte Videospielergänzung zur Serie", erklärt Finn.

"Humor kann schon mal lange Strecken zurücklegen, um die Schwulenpanik unter Heteros zu entschärfen ... und Ranma ½ war zu gleichen Teilen eine klassische, alberne Sexkomödie, Martial-Arts-Geprügel und Queerness. Top Gun sprengte bei seinem Erscheinen die Kinokassen und ich bezweifle, dass nur Schwule Tickets dafür kauften, obwohl Top Gun der wohl schwulste Film der 1980er ist."

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