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​Mesut Özil, zwischen Magier und lustlosem Nichtsnutz

Mesut Özil gehört zu den bekanntesten Fußballern der Welt. Doch niemand wird so häufig kritisiert wie er. Solange er keine Verantwortung übernimmt, wird er niemals zu einem gefeierten Weltstar.

von Benedikt Niessen
15 Oktober 2015, 1:40pm

Imago/BPI

Anfang 2006 dribbelt sich der damals 17-jährige Mesut Özil in einem viel zu großen Schalke-Trikot bei einem Hallenturnier in Sindelfingen durch die gegnerischen Abwehrreihen. Eher unspektakulär. Der FC Arsenal London und der Weltmeisterpokal sind da noch genauso weit entfernt wie seine 50-Millionen-Ablöse und die tägliche Presse, die ihn mal als Weltstar feiert und mal zum nutzlosen Fehleinkauf degradiert.

Der junge Özil gibt an diesem Tag sein erstes Interview. Er wirkt noch unbekümmert, nicht so schüchtern wie heute. Der Filmemacher Aljosch Pause wollte für ein Filmprojekt den schweren Sprung vom Jugendbereich zu den Profis beleuchten und suchte sich zufällig Mesut Özil als Protagonisten aus. Jahre später macht er einen Kurzfilm daraus, denn Özil war mittlerweile ein Weltstar. Doch genau dieser Rolle wird der heute 27-Jährige nicht immer gerecht.

Erst vor ein paar Tagen durchbrach der gebürtige Gelsenkirchener die 10-Millionen-Follower-Marke auf Twitter. Damit liegt er als mit Abstand beliebtester deutscher Spieler vor Manuel Neuer (3,2 Mio.) auf Platz elf im weltweiten Follower-Ranking unter Sportlern. Özil ist eine Marke und für Jugendliche in ganz Europa ein Beispiel für Integration und Genialität. Doch anders als andere Sportstars ist Özil schüchtern und steht ständig in der Kritik.

Der größte Vorwurf, der ihm gemacht wird, ist seine mangelnde Konstanz. Das musste der Offensivstar schon von den kompromisslosesten Sportmedien Europas, also aus Spanien und England, erfahren. Er steht zwischen Genie und Wahnsinn, sodass die führenden Sportmedien meist nur Superlative für ihn finden. Mal ist Özil „Mesut der Magier", wie die englische Zeitung Sun schrieb, und nur eine Woche später ist er für die Daily Mail „einen Scheißdreck wert". Das liegt auch an Özils Ausstrahlung.

Özil ist einer der besten Spieler der Welt, wenn er die unmöglichsten Pässe spielt und durch die cleversten Laufwege den Weg für seine Mitspieler freimacht. Der Weltfußballer Cristiano Ronaldo kritisierte den damaligen Verkauf von Özil zum FC Arsenal öffentlich. Er war wie alle Offensivspieler Nutznießer von Özils genialen Momenten. Zuletzt spielte der Weltmeister für Arsenal in der Premier League stark auf. Gegen Manchester United legte er einen Treffer auf und erzielte sogar sein erstes Saisontor. Die sonst so erbarmungslose englische Presse druckte einen Liebesbrief nach dem nächsten ab.

Doch Özil spielt nicht nur gut. Seine lässige Eleganz, die ihn im Tempodribbling den Ball streicheln lässt und ihn zu einem Zauberer macht, wirkt in Spielen mit enger Manndeckung mitunter lethargisch. Es sind die Spiele, die jeden Fan seiner Mannschaften vor dem TV immer wieder ausrasten lassen, wenn er völlig untertaucht und die Bälle vertändelt. Egal, wie schnell er dann läuft, man sieht nur ein lustloses Traben mit unmotivierten Dribbelversuchen. Dann sieht Özil „verloren, faul und desinteressiert aus", wie ihn die Daily Mail mal beschrieb.

Vor allem in der Nationalelf blieb der wendige Dribbler lange blass und traf nicht ein Mal in der EM-Qualifikation. Und auch in der Champions League konnte Özil in dieser Saison noch nicht auftrumpfen. Für Kritiker sind solche Spiele der Beweis, dass der 27-Jährige wohl auch in seinem dritten Jahr beim FC Arsenal seiner Rolle als Königstransfer und Stardirigent nicht gerecht wird. Der Telegraph vermutete, „dass er keiner für die großen Momente ist".

In dieser Saison soll endlich der Durchbruch klappen. Özil spielte in London nach zahlreichen kleineren Verletzungen schon in der letzten Saison eine starke Rückrunde. In dieser Spielzeit knüpft er daran an und steht als unumstrittener Stammspieler mit Arsenal auf Platz zwei der Tabelle. Auch den vielkritisierten „unmöglichen" Pass, der ihn immer wieder so auszeichnet, will er künftig seltener suchen. Seine mangelnde Abschlussschwäche will er mit mehr Egoismus bekämpfen.

Özil fiel bis dahin nicht durch Tore oder Sololäufe auf. Er ist erst auf den zweiten Blick ein wichtiger Part in einem Team. Klammheimlich ist er immer anspielbereit und behauptet die Bälle trotz körperlicher Vorteile seiner Gegenspieler. Seine Dribblings, Pässe und Laufwege sind nicht so imposant und aufsehenerregend wie die von Messi, Modric oder Hazard. Trotz der vorgeworfenen Faulheit ist er einer der laufstärksten Profis beim FC Arsenal. Und trotz seiner Wunderpässe bleiben seine wichtigen und genialen Momente den Fans oft verborgen. Die Kritik ist nach Niederlagen so vorprogrammiert.

Um sich beim FC Arsenal endlich durchzusetzen und von den Fans geliebt zu werden, muss Özil umdenken. Er wird wohl noch an seiner Ausstrahlung arbeiten müssen, um nicht unterzutauchen. Er muss Verantwortung übernehmen, sich auch mal bei einer drohenden Niederlage den Ball erkämpfen und ein Tor erzwingen. Er muss das Eins gegen Eins suchen und von seiner Stärke überzeugt sein. Dass er dafür die nötige Qualität hat, könnten ihm zwei seiner größten Fans erklären: Jogi Löw und Arsène Wenger, die beide stets auf seine Dienste setzen.

Löw war 2006 auch auf dem Turnier in Sindelfingen. Der 17-jährige Özil gewann mit Schalke 04 das Turnier. Dass Löw und Özil zusammen Weltmeister werden, konnten beide noch nicht wissen. Doch Özil sollte sich nochmal zurückerinnern: Er wurde Torschützenkönig des Turniers und der FC Arsenal kam in dieser Saison ins Champions-League-Finale.

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