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Machtkampf in Leverkusen: Nach Fallschirm-Pyro macht Verein gegen die Ultras Stimmung

Obwohl ein Brandschutzexperte das OK gab, verbot die Stadt Leverkusen eine Choreo der Bayer-Ultras. Ihr Pyro-Protest verletzte nun nicht nur zwei Menschen, auch der Verein und die Normalo-Fans stellten sich deutlich gegen sie.

von Benedikt Niessen
30 Januar 2017, 11:05am

Foto: Imago

Update: „Wir können das Geschehene nur bedauern und wünschen beiden verletzten Personen eine schnelle und gute Besserung", erklärte die „Nordkurve 12" in ihrer angekündigten Stellungnahme zu den Vorfällen beim Heimspiel gegen Gladbach. „Wir distanzieren uns klar und deutlich von der Verwendung von Böllern sowie dem Werfen von bengalischen Feuern. Was dort vor Spielbeginn im Stadion passiert ist, ist vollkommen inakzeptabel." Anschließend betonte der Dachverband der Bayer-Fanszene, dass die „Eskalation" nur das Ende einer Entwicklung sei und diese „womöglich vermeidbar gewesen wäre". Zudem gehe das zerrüttete Verhältnis zur Vereinsführung nicht nur von den Ultras aus.

„Schon seit der Auswärtstour in Paris 2014, als nach dem unsäglichen Umgang der französischen Polizei mit hunderten Bayer-Fans jede Rückendeckung der Vereinsführung fehlte, schwelt ein Konflikt", erklärte der Dachverband und schilderte das von dort an fehlende Vertrauen einiger Fans zum Verein. „Am Ende der Entwicklung, die mit der Eskalation am Samstag endete, steht das Banner, mit dem sich Bayer-Fans im Dezember 2016 gegen eine Mega-Stelze und für die Tunnellösung beim Ausbau der A1 aussprachen selbiges verboten und mit einem Stadionverbot bestraft wurde", so die „Nordkurve 12". Dass viele Fans auch die Brandschutz-Verordnungen der Stadt Leverkusen oder Stadionverbote des DFB zu Ärger auf den Verein ummünzten, sei ein „deutliches Zeichen dafür, wie groß das Misstrauen mittlerweile ist."

Der Dachverband kritisierte anschließen sowohl die Sanktionen des Klubs, als auch die harten Reaktionen der Ultras. „Statt sich mit dem Verein an einen Tisch zu setzen und zu versuchen, reagieren Fans und Verein mit größtmöglicher Härte", hieß es in der Stellungnahme. Das wichtigste Ziel des Dachverbandes sei es nun, die Konfliktparteien wieder an einen Tisch zu setzen und eventuell einen „neutralen Mediator" einzuschalten. „Machtspielchen, ein kompromissloses Beharren auf der eigenen Meinung und das starre Ausleben von Eitelkeiten führen uns noch weiter in die völlig falsche Richtung."

Das Spiel zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach lässt sich gut mit dem Wort „Wahnsinn" beschreiben. Nach einem 2:0-Rückstand drehte Gladbach die Begegnung gegen den Nachbarn aus dem Rheinland und siegte mit 3:2. Leider lassen sich die Vorkommnisse außerhalb des Platzes auch als Wahnsinn beschreiben. Bei einer Pyroshow der Ultras von Bayer Leverkusen samt Fallschirm-Bengalo verletzten sich zwei Menschen. Das Verhältnis zwischen Fans und Verein dürfte nun endgültig nachhaltig geschädigt sein–denn der ganzen Aktion geht ein längeres Machtspiel voraus.

Vor dem Anpfiff brannte die Leverkusener Nordkurve in rotem Feuer. Neben zahlreicher Pyro im Block segelte sogar ein Bengalo an einem Fallschirm von außerhalb über das Tribünendach ins Stadion und landete im Strafraum vor dem Block der Leverkusener Ultras. Wie der Express berichtet, soll der Fallschirm von einer Drohne abgeworfen worden sein. Die Protest-Aktion ging jedoch nach hinten los, da sie unter anderem zwei Menschen verletzte. Laut der Bild-Zeitung erlitt eine Ordnerin durch einige Böller ein Knall-Trauma und ein Kameramann der DFL konnte das Spiel wegen einer Fuß-Prellung nicht filmen. Beide Verletzte sollen Anzeige erstattet haben. Dass die Leverkusener (für ihre Ultras untypisch) bei einem Heimspiel zündeten, scheint eine Reaktion auf das Verhalten des Vereins sowie der Stadt Leverkusen zu sein.

Die Stadt Leverkusen verbot schon zum zweiten Mal in diesem Jahr eine Choreo aus Brandschutzgründen. Nachdem es beim letzten Heimspiel vor einer Woche gegen Hertha BSC schon eine Absage für eine geplante Choreo gab, hatten die Fans noch mit einem Stimmungsboykott protestiert. Nach Informationen des Kölner Stadt-Anzeigers hatte das Material der Choreo zwei Stunden vor Spielbeginn bei einem „Test mit dem Feuerzeug" angefangen zu brennen. Vor dem Spiel gegen Gladbach gab es dann wieder eine Absage der Stadt, obwohl laut Express ein von Bayer Leverkusen bezahlter Brandschutzexperte eine spezielle Imprägnierung der Blockfahne durchgeführt haben soll und dies auch auf einem Video der Facebook-Seite „Nordkurve12 Leverkusen" zu sehen ist. Die Stadt sah das anders, so sei das dabei verwendete Mittel „nicht geeignet, um entsprechende Materialien für die geplante Fan-Choreographie zu imprägnieren", wie sie die Rheinische Post zitiert.

Im Spiel ließen die Leverkusener Ultras dann ihren Frust raus und den Block richtig brennen–da half auch kein Brandschutz mehr. Der Verein scheint endgültig mit den Ultras im Clinch zu liegen, wie aus einer distanzierenden Stellungnahme herauszulesen ist. „Eine Gruppe von Fans scheint jedoch der Auffassung zu sein, dass ein Stadion ein rechtsfreier Raum sei", so der Verein auf seiner Homepage. „Die überwiegende Anzahl der übrigen Besucher hat am Samstag erneut durch gellende Pfiffe, 'Ultras raus'-Rufe sowie verbale Unmutsbekundungen nach den Vorfällen deutlich gemacht, dass man derartige Aktionen im Stadion weder gutheißt noch billigt." Zudem sieht sich der Verein durch die Pyro-Protestaktion nun bestätigt: „Nicht zuletzt die aktuelle Pyro-Aktion hat nachhaltig bewiesen, warum die Verantwortlichen bei Stadt, Feuerwehr und letztlich auch des Vereins so handeln mussten."

Die „Nordkurve Leverkusen" kündigte währenddessen ebenfalls eine Aufarbeitung der Geschehnisse an: „Auch wir als NK werden von Mitgliedern gefragt, wie wir dazu stehen. Mit Recht könnt Ihr eine Antwort erwarten. Da wir das aber sauber aufarbeiten wollen und nicht schnell aus dem Bauch heraus, wird es wohl bis morgen Abend damit dauern." Der Verein Bayer Leverkusen will laut eigenen Angaben schnellstmöglich die Verantwortlichen finden und scheint die eigenen Ultras nach deren gefährlicher Protestaktion endgültig ins Abseits drängen zu wollen: „Bayer 04 wird alles versuchen, die Verantwortlichen zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen–auch im Interesse des Ansehens und der überwiegenden Masse seiner Fans."

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