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Warum Deutschland seinen lang verstoßenen Sohn Boris Becker so dringend braucht

Bobbele steht hierzulande für grandiose Boulevard-Geschichten – doch der „erwachsene" Becker könnte im angeschlagenen Tennis-Deutschland wieder für sportliche Schlagzeilen sorgen.

von Lukas Krombholz
16 März 2017, 11:56am

Foto: Imago

Als Boris Becker seine bestimmt weißen Tennisschuhe an den Nagel hängte, war ich gerade einmal sechs Jahre alt. Ich habe ihn nie spielen sehen. Leider. Denn man munkelt der Rotblondschopf soll ganz gut gewesen sein. Und so ist das Einzige was mir bei Boris Becker einfällt die Anekdote, die mir meine Mutter einmal erzählte. Becker habe in einem Restaurant am Nachbartisch gesessen und penetrant sowie in voller Lautstärke das teuerste Wasser verlangt. Wasser wohlgemerkt.

Halt Stop. Oder war das doch Lothar Matthäus? Hier offenbart sich gleich das ernste Problem des Boris B.. Sein Image in Deutschland war lange Zeit so schlecht, wie das des großen Lothar. Loddar und Bobbele, zwei Könige ohne Thron. Zwei Riesen-Egos, die als Jugendliche auszogen, um die Welt zu erobern - und dieses Ziel auch erreichten. Zwei, die sich im Anschluss an ihre Karriere aber häufig, sagen wir mal, ungeschickt verhielten.

Doch während Lothar Matthäus bis heute krampfhaft versucht weiterhin in den Gazetten stattzufinden, hatte Becker vom ständigen Titelblatt-Bashing irgendwann die Schnauze voll. Nach seiner Karriere sorgte er über Jahre hinweg – mehr oder weniger freiwillig – mit seinen Affären für Gelächter. Womit hatte er, der mit gerade einmal 17 Jahren den Tennis-Olymp erklommen hatte, das verdient? Er zog nach London, dem Ort seines größten Triumphes, wo die Leute ihn für seine sportlichen Meisterleistungen liebten und wurde nicht heimlich, nicht still und auch nicht leise zu dem, was er heute ist. Einem gut gekleidetem Mann Ende 40, der eine klare Meinung hat, diese aber nicht bei jeder sich bietenden Möglichkeit in die Welt posaunt. Und der vor allem, wenn er dann den Mund aufmacht, auch etwas Intelligentes von sich gibt.

So geschehen zum Beispiel bei der diesjährigen Verleihung der Laureus Sport-Awards. „Wir leben in sehr bewegten Zeiten. Das beunruhigt mich, auch als Vater. Keiner kann sagen, wie die Welt in fünf oder zehn Jahren aussieht. Dass Kinder, die eine andere Hautfarbe haben, Anfeindungen ausgesetzt sind, trifft mich auch persönlich. Umso wichtiger ist, dass wir die Botschaft verbreiten, dass es eben nicht um Hautfarbe und Herkunft geht."

Wow, Boris, bist das wirklich du? Und Lothar Matthäus so: „I hope, we have a little bit lucky."

Doch auch sportlich hat der Tennisheld nach wie vor etwas zu melden. Es sollte allerdings über zehn Jahre dauern, ehe er seinen ersten Auftritt auf der großen Rehabilitations-Tournee hatte. Novak Djokovic engagierte ihn 2013 als Trainer. Und Becker führte den Serben in nur drei Jahren zu sechs Grand-Slam-Titeln. Kaum einer in Deutschland hätte Becker, dem jüngsten Wimbledon-Sieger aller Zeiten, diesen Erfolg zugetraut. 2016 gingen Djokovic und Becker getrennte Wege. Anfang diesen Jahres schickte ein TV-Sender Becker dann nach Australien. Nein, nicht um im Dschungel Insekten zu verspeisen, sondern um als Experte bei den Australian Open zu glänzen. Und auch diese Prüfung meisterte er zum allgemeinen Erstaunen vieler Tennis-Fans. Ihre Kommentare (getreu dem Motto „Wow, so viel Expertise hätten wir dir überhaupt nicht zugetraut") zeigten einmal mehr, was für ein verschobenes Image Becker in seinem Heimatland genießt.

Dies scheint sich nun endlich zu ändern. Jetzt, da Becker mit inzwischen 49 Jahren den Eindruck macht, erwachsen geworden zu sein. „Es mag sein, dass der ein oder andere Deutsche meine Entwicklung nicht mitbekommen hat. Ich freue mich über die geänderte Wahrnehmung in Deutschland. Es tut gut, im eigenen Land respektiert zu werden."

Deutschland und Becker: Taugt die Love-Story etwa zu mehr als nur einem Quickie? Sind beide Seiten gar bereit für eine Langzeit-Beziehung? Mein „Ja" haben sie jedenfalls, denn Deutschland braucht Boris Becker. Der deutsche Tennis braucht Boris Becker.

Mehr dazu: Die Rehabilitation des Besenkammer-Boris

Es steht ein Generationenwechsel auf den Plätzen der Nation an. Kohlschreiber (33), Petzschner (32), Mayer (33) haben ihre besten Tage wohl hinter sich. Und auch die DTB-Damen um die Weltranglistenzweite Angelique Kerber (29) werden nicht jünger. Petkovic (29), Görges (28) und Siegemund (28) marschieren ebenfalls munter auf ihren Karriere-Herbst zu.

Und dann kommt irgendwann, in ganz ganz weiter Ferne Alexander Zverev. Dieser 19-jährige Wunderknabe, dem alle zutrauen bald einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Wie es der Zufall so will, ist ebenjener Zverev wohl auf der Suche nach einem erfahrenen Trainer. Becker und Zverev, das wäre was. Das wäre vor allem sportlich höchst plausibel - denn gerade mental könnte Becker den jungen Zverev enorm unterstützen. Davon hat selbst Weltstar Djokovic noch profitiert. Damit, oder einem möglichen Engagement als Davis-Cup-Betreuer konfrontiert, gibt sich Becker allerdings zurückhaltend. „Es freut mich, dass ich angesprochen werde und dass da Interesse besteht. Genaueres kann ich nicht sagen, aber ich bin involviert und freue mich."

Ich würde mir wünschen, dass Becker der nächste Schritt auf der Rehabilitations-Treppe, bis hoch zur Kaiser-Franz-Beckenbauer-Stufe gewährt wird (Mit Besenkammern kennen sich immerhin beide Galionsfiguren bestens aus). Damit wir bald den nächsten deutschen Grand-Slam-Sieger bejubeln können. Damit der Tennis in Deutschland noch mehr in den Fokus rückt. Und nicht zuletzt, damit Boris Becker endlich auch in Deutschland für seine Kompetenz – und nicht für frühere Fehltritte wahrgenommen wird.