Tech

Begehen strandende Wale bewusst Suizid?

Erst kürzlich wurden am Strand von Calais zehn verendete Grindwale gefunden, die eigentlich kerngesund waren. Stranden manche Wale absichtlich, um zu sterben?
10 November 2015, 9:37am
Gestrandete Wale am Flinders Bay. Bild: Wikimedia, Bahnfrend | CC BY-SA 3.0

Wollen manche Wale, die an den Strand schwimmen, möglicherweise gar nicht gerettet werden?

Erst Anfang dieses Monats sind wieder einige der größten Säugetiere qualvoll verendet. Am Strand des französischen Calais wurden am 2. November zehn Grindwale gefunden, die sich alleine nicht mehr zurück ins Wasser bewegen konnten. Trotz eines schnellen Rettungsversuchs einer lokalen Meeressäugerorganisation konnten nur drei Wale rechtzeitig zurück ins Meer gezogen und gerettet werden. Eine Erklärung für das Stranden hatte niemand. Gegenüber BBC vermutete der Chef der Organisation, die Wale seien eine Familie gewesen.

Warum waren die völlig gesunden Tiere trotzdem an den Strand geschwommen?

Dabei zählen Wale zu den am besten erforschten Tieren der Welt. Klar, manchmal sind die Ursachen für Strandungen offensichtlich—zum Beispiel, wenn die angespülten Wale krank oder verletzt sind. Verschmutztes Wasser, zu wenig Nahrung, Lärm an der Küste oder auf dem Meer, Fehler, die Wale beim Jagen machen: Oft gibt es mehrere Ursachen für eine Strandung.

Ein gestrandeter Orca. Bild: Wikimedia, Kalev Kemad | CC BY 2.0

Stark blühende Algen verursachen schon seit dem Miozän Epidemien innerhalb von Walfamilien. In diesen Fällen werden die geschwächten Tiere entweder von der Strömung an die Küste getragen, oder sie schwimmen von alleine in seichteres Gewässer, weil sie sich im offenen Meer nicht mehr zurechtfinden—und sterben letztlich am Strand.

Videodoku - Die Grind: Der Kampf um die Waljagd auf den Färöer-Inseln

Natürlich ist auch der Mensch nicht unschuldig am Walsterben: Marine-Aktivitäten, bei denen intensives Sonar benutzt wird, können die massigen Säuger irritieren und haben bereits häufiger zu Strandungen von Tieren geführt. Vor Gefahren fliehende Wale verletzen sich manchmal oder schätzen den Druckabfall falsch ein. Dann erkranken sie durch panisches Schwimmen an der Dekompressionskrankheit, vor der sich auch Taucher in Acht nehmen müssen.

Wenn nichts mehr hilft, muss die Walexplosion her

Manchmal tappen die Forscher aber auch im Dunkeln. Denn oft sind offenbar völlig gesunde Tiere unter den Strandungsopfern. Auch in Calais stellte sich Anfang des Monats dieses Rätsel: Die gefundenen Wale waren nicht krank, zeigten keine Unfallspuren, waren wohl nicht extremem Lärm ausgesetzt worden. Warum waren sie aber trotzdem an den Strand geschwommen?

Noch immer kann dieses vermeintlich irrationale Verhalten einer der am besten erforschten Spezies nicht erklärt werden. Erinnern sich die Tiere unbewusst an ihre Evolution (sie stammen von den Huftieren ab) und zieht es sie deshalb an Land? Sehen sie den Strand in schwierigen Zeiten fälschlicherweise als Rückzugsort? Das seichte Wasser in Küstennähe gäbe ihnen eine Möglichkeit sich auszuruhen—trotzdem müssten die intelligenten Tiere gut erkennen können, wann sie sich zu nah an Land begeben.

Schon länger vermuten Forscher, dass die Wale, die als sehr soziale Tiere gelten, kranke Familienmitglieder begleiten, während diese in Richtung Küste geschwemmt werden und sie letztlich aus Versehen gemeinsam mit ihnen stranden. Diese Theorie

zweifeln manche Forscher an

, weil auch Tiere, die nicht zur gleichen Familie gehören, zusammen mit anderen an Land gefunden werden. Doch bislang ist diese These die plausibelste. Ob Wale aber aus Instinkt oder in einer letzten altruistischen Geste gegenüber ihren Gruppenmitgliedern mitstranden—also Suizid begehen—bleibt bis heute ungeklärt.