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Ex-Drohnenpilot sagt aus: „Deutschland wusste genau, was in Ramstein abläuft“

In seiner Befragung vor dem NSA-Untersuchungsausschuss erklärte Brandon Bryant, dass schon 12-Jährige für die Drohnen als legitime Ziele galten: „Man muss das Gras mähen, bevor es wächst, hieß es.“
16.10.15
Bryant am Donnerstag als geladener Zeuge in der öffentlichen Sitzung des #NSAUA. Bild: Motherboard

Seit fast eineinhalb Jahren versucht der parlamentarische NSA-Untersuchungsausschuss herauszufinden, wie ausländische Geheimdienste in Deutschland spionieren. Dabei scheitert die Aufklärung zumeist an einer Art rhetorischer Sabotage durch Zeugen, die an chronischer Demenz zu leiden scheinen. In der gestrigen öffentlichen Sitzung war das zumindest bei einem ganz anders: Auf der Zeugenbank saß der Ex-Drone-Operator Brandon Bryant, der seinen Dienst für die Air Force nach fünf Jahren, fünf Tagen und 1626 Beteiligungen an „Kills" aus Gewissensgründen quittiert hatte—ein Dienst, der ihn psychisch am Ende fast in den Selbstmord getrieben hätte, wie er Motherboard gegenüber im Videointerview schilderte.

Brandon Bryant im Video-Interview: Der Drohnenkriegsveteran

In seinem Eingangsstatement bedankte sich Bryant für die „Ehre", in diesem Untersuchungsausschuss als Zeuge aussagen zu dürfen: „Wir haben (den US-Bürger) Anwar Al-Awlaki getötet und ich war Teil dieser Maschinerie." Weltweit laufen zu jedem Zeitpunkt 65 US-Drohnenmissionen gleichzeitig, so Bryant.

Byrant, der ohne anwaltlichen Beistand erschienen war, durfte dank mäßig origineller Nachfragen einiger Abgeordneter sechsmal wiederholen, dass wirklich jeder der von ihm mitdurchgeführten Drohnenschläge in den Zielländern über die US-Airbase im rheinland-pfälzischen Ramstein geleitet, verarbeitet und freigegeben wurde. Zudem beschuldigte er die deutsche Regierung der Mitwisserschaft darüber: „Uns wurde gesagt, dass Mitglieder der deutschen Regierung ganz genau wussten, was in Ramstein abläuft."

In jedem der Einsatzinformations-Dokumente, die Bryant „jeden Tag" in seinem Container in Nevada gesehen habe, seien ausschließlich Großbritannien, Deutschland und die USA als Adressaten im Briefkopf aufgeführt worden. Die deutsche Regierung hat bisher stets bestritten gewusst zu haben, dass Ramstein ein zentraler Dreh- und Angelpunkt des US-Drohnenkriegs gewesen sei. Ob das US-Militär Bryant bewusst suggeriert habe, der deutsche Partner wisse Bescheid, oder ob zumindest einige deutsche Dienste über die Rolle Ramsteins Bescheid wussten, konnte aber auch die Befragung Bryants nicht eindeutig nachweisen.

Zwölfjährige als militärische Ziele zum Abschuss freigegeben? Man muss das Gras mähen, bevor es wächst, hieß es.

Im Laufe der Befragung gab Bryant dem Ausschuss einen Einblick in die zynische Alltagswelt des Drohnenkriegs, den er als feige und völkerrechtswidrig verurteilt: Drohneneinsätze wären höchstens legitimiert, „wenn wir damit jemanden fangen und vor Gericht bringen könnten—aber Drohnenpiloten sind Menschenjäger", so Bryant, der auch einen Einblick in die Sprachregelung der Drohnenmissionen gab: Wer das Kommando zum Abschuss gibt, werde „Kunde" genannt, Frauen und Kinder „Krähen und Raben". Und jeder Junge, der für die Infrarotkameras der Air-Force-Drohnen älter als zwölf Jahre aussieht, sei ein potentielles militärisches Ziel, ein „military aged man". Die lapidare Rechtfertigung zur optischen Pi-mal-Daumen-Verurteilung des US-Militärs: „Man muss das Gras mähen, bevor es wächst, hieß es."

Bild: Motherboard

Dabei musste sich Bryant vor dem Untersuchungsausschuss zumindest eine unangenehme Frage stellen lassen: „Sie haben also gedacht, dass sie nie eine Waffe bei der AirForce abfeuern. Blöde Berufsentschiedung, würd ich mal sagen. Sie wissen doch aus dem Fernsehen, dass ihre Kameraden nicht nur rückwärts gehen?!", urteilte der Vorsitzende Patrick Sensburg provokant. „Ich konnte bei meiner Personalentwicklung nicht mitreden, auch wenn ich es versucht habe", verteidigte sich Bryant.

Bryant stellte außerdem klar, dass eine Telefonnummer ausreichen kann, um als Ziel erfasst zu werden. Die getöteten Personen wurden durch gesammelte Metadaten von ihren Mobiltelefonen getrackt und gefunden. Dies geschieht mit einer Art IMSI-Catcher namens Gilgamesh, der an der Drohne angebracht ist und sich wie eine falsche Funkzelle verhält.

„Ich wusste damals gar nicht, dass die NSA existiert."

Das Handy des Verfolgten wählt sich ein und verrät der Drohne durch Triangulation den eigenen Standort: „Es gab zwei neuseeländische Zivilisten im Nahen Osten, die aufgrund von Geheimdiensten weitergegeber Metadaten an meine Regierung getötet wurden. Sie waren keine Aufständischen, sondern Lehrer.", so Bryant.

Bild: Privat (Verwendet mit freundlicher Genehmigung)

Vieles konnte Bryant jedoch selbst nicht erklären: Zum Beispiel, welche Einrichtungen sich am Standort Ramstein genau befinden („ich war da nur vier Stunden auf dem Weg in den Irak"), oder welche Rolle deutsche Geheimdienste im US-Drohnenkrieg oder bei der Weitergabe von Metadaten genau spielen. Bryant gab an, nie im Kontakt mit NSA oder CIA gestanden, sondern für die Special Ops JSOC gearbeitet zu haben: „Ich wusste damals gar nicht, dass die NSA existiert". Auch zu anderen ausländischen Regierungen oder Diensten habe er, bis auf ein paar britische Piloten, keinen Kontakt gehabt. Geleakte Dokumente haben bereits gezeigt, dass auch Geheimdienste wie die NSA im Drohnenkrieg mitmischen—allerdings bleibt auch nach Bryants Aussage offen, inwiefern die NSA oder möglicherweise auch der BND, der zum Beispiel in Bad Aibling Daten an die NSA weitergibt, in die Auswahl und Erfassung von getöteten Zielen involviert sind.

Zeitgleich mit der Befragung des ehemaligen Drone Operators veröffentlichte The Intercept am Donnerstag einen Stapel geleakter Dokumente. The Drone Papers geben über Details der US-Kommandolinie in den Drohnenoperationen Aufschluss. Das vielleicht wichtigste und erschütterndste Ergebnis aus den umfangreichen Dokumenten ist jedoch eine nackte Zahl: Unglaubliche 90% der innerhalb der Operation Haystack getöteten Menschen in Afghanistan waren nicht die gesuchten „terroristischen Primärziele".

Bild: The Drone Papers

Grünen-Abgeordneter Konstatin von Notz hat sich noch während der Zeugenbefragung schnell ein paar Seiten aus den Drone Papers ausdrucken lassen und baute sie gleich in seine Fragerunde an Bryant ein. Der jedoch gab an, noch nie etwas von der dort veröffentlichten Geolocation Watchlist gehört zu haben. Von Notz legte ihm dann noch ein Diagramm einer Kommandolinie für den Einsatz von Gilgamesh-IMSI-Catchern vor. „Das ist vielleicht das Akkurateste, was ich in meinem Leben je dazu gesehen habe", staunt Bryant, kann aber nicht viel damit anfangen.

„Müssen wir jetzt eigentlich damit rechnen, dass ihnen am Pariser Platz ne Kapuze über den Kopf gezogen wird?", witzelt der Vorsitzende Sensburg in Anspielung auf mögliche rechtliche Konsequenzen für Bryant, der laut eigener Aussage eigentlich zu 70 Jahren Schweigen über die Dienstgeheimnisse verplfichtet sei.

Der Ex-Drone Operator gibt sich jedoch angesichts seines sauberen Zeugnisses und seiner ehrenhaften Entlassung zuversichtlich: „Es sollte kein Problem für mich sein, dass ich hier aussage. Ich übernehme nur Verantwortung für das, was ich getan habe."