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Die besten medizinischen Ausreden, warum du dir keine Namen merken kannst

Ein schlechtes Namengedächtnis macht dich nicht zwangsläufig zu einem schlechteren Menschen.
21.11.14
​Wer hießen die noch? Bild: ​Brian Solis, flickr | ​CC BY 2.0

Manche Menschen können sich nicht nur jeden Namen merken, sondern fragen dich beim nächsten Wiedersehen auch noch, wie es denn dem Fuß geht, ob du der Cousine jetzt das Zeitschriftenabo geschenkt hast und ob mit dem Hühnchencurry auch alles geklappt hat. In solchen Momenten kann ich mich oft selbst kaum noch an meine Cousine oder das Hühnchencurry erinnern und erst recht nicht an den Namen meines Gegenübers.

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Über solche Erinnerungslücken klagen erstaunlich viele Menschen, die ansonsten in ihrem Alltag nicht von größeren Gedächtnisproblemen heimgesucht werden. Eine frühe Form der Demenz sollte also auszuschließen sein, auch auf Grund der schieren Menge der Betroffenen. Würde man jedoch eine spontane Namensumfrage auf einer Party starten, müsste sich die Hälfte der Personen wohl in Grund und Boden schämen.

Aber gibt es nicht doch eine qualifizierte medizinische Ausrede, die erklärt, warum ich so ein Versager im Merken von Namen bin? Wir haben euch mal ein​ paar Indikatoren zusammengestellt, die dazu führen, dass wir den Namen unseres Gegenübers nicht in unserem Gedächtnis abspeichern. Einer davon nennt sich Next-In-The-Line-Effekt. Dieses Phänomen tritt auf, wenn Menschen in einem Kreis hintereinander jeweils ein Wort sagen und sich die Worte aller Personen merken sollen.

Das Prinzip funktioniert genauso wie bei dem Spiel „Ich packe meinen Koffer", wobei Zahnbürste und Kuscheltier in diesem Fall durch die Namen der beliebigen Partybekanntschaften ersetzt werden. Das Phänomen ist nun, dass uns das Wort bzw. der Name der Person direkt vor uns am schlechtesten im Gedächtnis bleibt, weil wir uns so sehr auf unseren eigenen Vortrag konzentrieren, dass wir das eben gesagte nicht richtig verarbeiten.

Etwas weniger entlarvend für unsere menschliche Inkompetenz ist es, wenn du dein Vergessen auf einen Fehler in deinem persönlichen Arbeitsspeicher schiebst. Im Gegensatz zum Langzeitgedächtnis kann dein Kurzzeitgedächtnis nämlich nur eine überschaubare Menge an Informationen aufnehmen. Laut dem Onlinemagazin Quarz werden diese Informationen außerdem auch fortwährend wieder aussortiert, solange du dich nicht darauf konzentrierst, sie zu behalten. Wenn die aufgenommenen Daten also nicht weiterverarbeitet und in andere Bereiche des Hirns verschoben werden, wo sie sich im Idealfall in Langzeiterinnerungen und schließlich lebenslange Freundschaften verwandeln, dann drohen die Informationen, ganz einfach wieder zu verschwinden.

Um diese Langzeitspeicherung vorzunehmen fehlt uns manchmal jedoch auch ganz schlicht das Interesse oder die Motivation. Ob Katrin, Tina oder Liv ist uns gelegentlich so egal, dass wir uns unbewusst gar nicht die Mühe machen, richtig zuzuhören, geschweige denn, das Gesagte abzuspeichern. Das passiert vor allem dann, wenn wir nur kurz auf der Party vorbeischauen und uns eine Beziehung zu den neuen Bekanntschaften völlig wurscht ist. Warum sollten wir unser Kurzzeitgedächtnis auch mit solch unwichtigem Ballast vollmüllen?

Gesichtsblindheit, eine Form der visuellen Agnosie oder Seelenblindheit.

Richard Harris, Psychologie-Professor an der Kansas State University sagt bei ​Science Daily: „Menschen, die sozial bewusster sind, interessieren sich mehr für Personen und Beziehungen, deswegen sind sie auch motivierter, sich die Namen zu merken." Laut Harris kann sich jeder zumindest irgendetwas gut merken, nur halt nicht immer Namen. Seiner Meinung nach hat die vorhandene oder nicht vorhandene Leichtigkeit, sich etwas einzuprägen immer mit dem persönlichen Interesse zu tun.

Vergesst ihr neben den Namen jedoch gleichzeitig auch die Gesichter der neuen Bekanntschaften, dann sieht die Sache wieder etwas anders und ernsthafter aus. Möglicherweise leidet ihr dann an Prosopagnosie, der sogenannten Gesichtsblindheit, einer Form der visuellen Agnosie oder Seelenblindheit. Unter einer Störung mit solch gruseligem Namen möchte sicher keiner außer überzeugten Satanisten leiden, dennoch wäre das eine Erklärung für euer Unwissen und eine Erleichterung für alle, die aus Angst vor weiteren Peinlichkeiten schon gar keine Partyeinladungen mehr annehmen.

Justus oder Joachim — eigentlich eh egal.

In den meisten Fällen tritt die Prosopagnosie nach einer Verletzung des Gehirns bei einem Unfall oder Schlaganfall auf, die Krankheit kann jedoch auch vererbt werden, wenn auch die genetische Ursache der Krankheit noch nicht bekannt ist. Eine Möglichkeit, wie Betroffene mit diesem Leiden umgehen können ist, wenn sie sich bestimmte Merkmale der Gesichter einprägen. Segelohren, ein spitzes Kinn oder eine Narbe an der Stirn können sich auch Prosopanostiker merken. Falls ihr euch also dazu zählt, könntet ihr einfach einmal versuchen, in Karikaturen zu denken.

Zum guten Schluss muss einfach auch mal gesagt werden, Namen haben in den meisten Fällen keinen großen Inhalt oder Zusammenhang zu Person oder Situation. Darum ist es letztendlich egal, ob jemand Justus oder Joachim heißt, ist ja eh alles Schall und Rauch. Wer sich aber nicht immer die Blöße geben möchte und bei jeder Entschuldigung vor Schmach im Boden versinkt, der sollte sich vielleicht den alten Psychologentrick der Eselsbrücke zu Herzen nehmen.

Statten wir die jeweilige Person mit einer unverwechselbaren Eselsbrücke aus, können wir uns den Namen auch leichter ins Gedächtnis zurück rufen. Ähnlich wie die Methoden der Gedächtnisgenies, die in ihren Trainings auch oft nichts anderes machen, als sich Metaphern auszudenken. So könntest du dir zum Beispiel denken, dass Justus genauso mollig und besserwisserisch ist wie der erste Detektiv der Drei??? und JO-achim eine JO-gginghose trägt. Diese Denkhilfen müssen nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen und je eindrücklicher und ungewöhnlicher sie sind, desto besser funktionieren sie. Bedeutet aber auch: Es ist nicht unbedingt ratsam, der anderen Person deine Eselsbrücke mitzuteilen. Es sei denn du bist wirklich nicht weiter an einer engeren Beziehung oder Freundschaft interessiert.

Konsequenterweise steht dir natürlich auch immer noch der Weg des geringsten Widerstands offen: Wenn du also mal wieder nicht den geringsten Schimmer hast, wie du dein Gegenüber anreden sollst, sagst du einfach: „Entschuldige bitte, ich habe mich so darauf konzentriert, meinen eigenen Namen zu sagen, dass ich mir deinen einfach nicht gemerkt habe. Außerdem interessiere ich mich auch sowieso viel mehr für Tischtennis."

PSYCHOMANIA ist eine neue Motherboard-Kolumnne über Neurosen des Alltags, die zeigen, dass es keinen Wahnsinn gibt, den es nicht gibt—und wie fließend die Grenzen zwischen gesund und pathologisiert sein können.