Ist es vielleicht gar nicht schädlich, während der Schwangerschaft zu kiffen?
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Ist es vielleicht gar nicht schädlich, während der Schwangerschaft zu kiffen?

Aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Beweise verzichten viele werdende Mütter auf die Droge, da sie befürchten, ihrem Kind zu schaden oder des Kindesmissbrauchs beschuldigt zu werden.
26.5.16

In den ersten drei Monaten ihrer Schwangerschaft nahm Shaleen Title ganze 13 Kilogramm ab. Grund dafür war ein besonders schwerer Fall von Hyperemesis gravidarum, einem Zustand, in dem die Schwangere extreme Übelkeit verspürt und anhaltendes Erbrechen als Hauptsymptom auftritt. Dieses kann zur Entwässerung und zu Ernährungsmängeln führen und somit sowohl der Mutter als auch dem Ungeborenen schaden.

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Shaleens Arzt empfahl ihr damals, täglich drei Mal eine Dosis Zofran einzunehmen. Das Medikament wird vor allem Krebspatienten verschrieben, die während der Chemotherapie starke Übelkeit verspüren.

Shaleen, die in Massachusetts lebt, ist Rechtsanwältin und selbst Verfechterin der Legalisierung von Cannabis. Sie war sich bewusst, dass medizinisches Marihuana bei Krebspatienten erfolgreich gegen Übelkeit eingesetzt wird.

Obwohl die medizinische Nutzung der Droge in ihrem Heimatstaat legal ist, war sie sich aber ebenso darüber im Klaren, dass sie ein zu großes Risiko eingehen würde, wenn sie als Schwangere Marihuana einnehmen würde, um ihre Übelkeit zu bekämpfen: Man könnte ihr ohne Weiteres das Kind wegnehmen, wenn sie oder das Neugeborene während der Geburt positiv auf Marihuana getestet werden würden.

Zofran, welches Schwangeren unter zulassungsüberschreitender Anwendung verordnet wird, wollte sie aber auch nicht nehmen. Stattdessen kündigte sie ihren Job, war monatelang ans Bett gefesselt und ließ die Übelkeit über sich ergehen.

„Der Gesellschaft ist es egal, wenn deine Kinder in Armut leben, aber sobald das Wort 'Marihuana' fällt, drehen plötzlich alle durch"

Der Hersteller des ihr vorgeschlagenen Medikaments Zofran ist GlaxoSmithKline. Gegen das Unternehmen läuft zur Zeit eine Sammelklage, da das Medikament ohne Zustimmung durch die US-amerikanische Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelzulassungsbehörde FDA Schwangeren von GlaxoSmithKline empfohlen wurde. Es wurde nämlich nachgewiesen, dass das Medikament zahlreiche Geburtsfehler wie eine Gaumenspalte, Kraniosynostose oder Löcher im Herz verursachen kann.

Die erste medizinische Studie, die sich der Nutzung von Marihuana während der Schwangerschaft widmet, wird jetzt in Colorado durchgeführt

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Dr. Torri Metz, Geburtshelferin für besonders risikoreiche Geburten und Assistenzprofessorin an der CU School of Medicine, wird schon bald eine wichtige Studie durchführen. Viele Wissenschaftler erhoffen sich, dass die Ergebnisse einen allgemeinen Maßstab für unser Verständnis von den Auswirkungen des pränatalen Marihuanakonsums setzen werden.

Metz wird beispielsweise die möglichen Zusammenhänge zwischen Marihuanakonsum und intrauteriner Wachstumsrestriktion, Bluthochdruck bei Schwangeren, Totgeburten und spontanen Frühgeburten untersuchen.

„Wenn man sich die aktuelle Wissenschaftsliteratur anschaut, findet man viele unterschiedliche und uneindeutige Ergebnisse", erklärte die Forscherin. „Circa die Hälfte [der vorliegenden Studien] folgern, dass Marihuanakonsum negative Auswirkungen hat; die andere Hälfte folgert dagegen, dass es keinen Zusammenhang gibt."

An der Studie werden 100 zufällig ausgewählte Frauen am UCH und Denver Health teilnehmen, die Metz zwei Tage vor dem Geburtstermin ansprechen wird. Damit die Frauen die Ergebnisse nicht verfälschen, werden sie ihre Antworten anstatt in einem persönlichen Gespräch per Computer beantworten. Auch werden ihnen Vertraulichkeitsbescheinigungen ausgehändigt, die ihnen versichern, dass ihre Daten nur anonymisiert veröffentlicht und nicht für andere Zwecke missbraucht werden.

Im Verlauf der Studie werden etwa 15 Zentimeter der Nabelschnur des Neugeborenen entnommen—eine Methode, die genauer ist als die herkömmliche Untersuchung von Urin oder Mekonium—, die dann auf Spuren von Marihuana getestet wird.

„Der Gesellschaft ist es egal, wenn deine Kinder in Armut leben, aber sobald das Wort ‚Marihuana' fällt, drehen plötzlich alle durch."

In Staaten, in denen Marihuanakonsum zu medizinischen oder privaten Zwecken erlaubt ist, ist es auch für Schwangere legal, Marihuana zu konsumieren. Aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Beweise verzichten jedoch viele werdende Mütter auf die Droge, da sie befürchten, ihrem Kind zu schaden oder des Kindesmissbrauchs beschuldigt zu werden.

Die Studie von Dr. Metz ist somit die beste Aussicht auf präzise Antworten für Frauen, die endlich Gewissheit darüber haben wollen, ob sie während der Schwangerschaft ohne Bedenken Marihuana konsumieren können.

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Schwierig zu testen

„Es ist immer noch ziemlich kompliziert, eindeutig auf Marihuana zu testen", sagt Heather Thompson, Molekularbiologin des Elephant Circle, einer Gruppe in Colorado, die Familien bei Fragen rund um die Schwangerschaft und die Elternschaft berät und unterstützt.

Die Testperson muss ihren Marihuanakonsum nämlich selbst zugeben, und die Auswirkungen können normalerweise nicht von denen anderer Substanzen wie Alkohol, Tabak oder anderen verschriebenen oder nicht verschriebenen Medikamenten isoliert betrachtet werden.

Auch staatliche Regulierungen erschweren es, die Auswirkungen von Marihuana in einer kontrollierten wissenschaftlichen Studie zu untersuchen. Cannabis wurde bereits 1970 als „Schedule I"-Substanz eingestuft, was bedeutet, dass es „keine aktuell anerkannte medizinische Verwendung hat." Daher ist es in den USA auch so gut wie unmöglich, Bundesmittel für die Forschung mit einer derart klassifizierten Droge zu erhalten.

Zum Vergleich: Kokain ist eine Schedule II-Substanz, was bedeutet, dass öffentliche Mittel für die Forschung über die Auswirkungen der Droge einfacher zur Verfügung gestellt werden.

Erst letztes Jahr hat die Regierung unter Obama die strengen Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, um mit Marihuana forschen zu dürfen, erheblich gelockert. Auf bundesstaatlicher Ebene wird die Cannabis-Forschung bislang nur in Colorado und California mit öffentlichen Geldern gefördert.

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Bereits vorliegende Studien offenbaren ein uneindeutiges Bild, und auch drei Langzeitstudien, die in den USA, in Kanada und in den Niederlanden durchgeführt wurden, liefern keine klaren Ergebnisse. In diesen Studien wurden die Auswirkungen von Marihuana in Verbindung mit anderen Substanzen wie Nikotin, Alkohol und anderen Medikamenten untersucht. Daher kann keins der Ergebnisse spezifisch der alleinigen Wirkung von Marihuana zugeordnet werden. Trotzdem werden die Studien oft in der Argumentation gegen Schwangere benutzt, die aufgrund von pränatalem Cannabiskonsum des Kindesmissbrauchs beschuldigt werden—und vermitteln generell den Eindruck, dass Marihuanakonsum während der Schwagerschaft dem Kind zwangsläufig schaden muss.

Selbst in Staaten, in denen Marihuana legal ist, wird pränataler Marihuanakonsum genau so beurteilt wie der Konsum von Alkohol oder Tabak. Die öffentliche Gesundheitsbehörde sowie Ärzte raten vom Konsum ab.

Es ist leider auch kein neues Phänomen, dass Ergebnisse pränataler Drogenstudien manipuliert werden. Ende der 1980er Jahre beispielsweise verbreitete sich die angebliche „Crack Baby"-Epidemie weltweit in den Medien. Die Behauptungen basierten aber allesamt auf Ergebnissen einer mangelhaft durchgeführten Studie und wurden im Endeffekt dazu instrumentalisiert, schwarze Frauen aus der Unterschicht zu diskriminieren.

Die Folgen des Kokainkonsums wurden pauschal mit den Folgen von Armut in Verbindung gebracht, die fast immer mit schlechter Ernährung und mangelnder sozialer Unterstützung einhergeht. So wurden mehr als 200 Mütter aus ärmeren Gemeinschaften in 30 Staaten des Kindesmissbrauchs beschuldigt, und vielen Müttern wurden ihre Kinder auch tatsächlich weggenommen.

„Es spricht gegen alle wissenschaftlichen Beweise, das Neugeborene einer Mutter, die während der Schwangerschaft Marihuana konsumiert hat, als ‚körperlich missbraucht' oder ‚vernachlässigt' zu beschreiben."

Die Reaktionen auf den Marihuanakonsum Schwangerer sind dem sehr ähnlich. 2011 beispielsweise wurde eine Frau aus Alabama verhaftet, als sie nach der Geburt positiv auf THC getestet wurde. Durch den Konsum der psychoaktiven Komponente von Cannabis soll sie, so die Anklage, „ihr Kind chemisch gefährdet" haben. Sie stritt ab, während ihrer Schwangerschaft Cannabis konsumiert zu haben. Vor kurzem wurde einer weiteren jungen Mutter ihr Kind vom Jugendamt weggenommen, weil sie sich statt der verschriebenen Schmerzmittel für Cannabis-Tee entschieden hatte, um ihre postnatalen Schmerzen zu lindern.

„Der Gesellschaft ist es egal, wenn deine Kinder in Armut leben, aber sobald das Wort „Marihuana" fällt, drehen plötzlich alle durch", sagte Thompson.

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Zumindest in einer Studie konnte nachgewiesen werden, dass Marihuanakonsum für Schwangere unbedenklich ist

Die Nulltoleranz-Politik gegenüber Schwangerschaft und Marihuana hat keinerlei wissenschaftliches Fundament.

„Deswegen ist es so wichtig, darauf hinzuweisen, dass es gegen alle wissenschaftlichen Beweise spricht, das Neugeborene einer Mutter, die während der Schwangerschaft Marihuana konsumiert hat, als ‚körperlich missbraucht' oder ‚vernachlässigt' zu beschreiben", erklärt Dr. Peter A. Fried. Er ist der Hauptuntersuchungsleiter der Ottawa-Studie, die eine der wenigen nordamerikanischen Studien in diesem Bereich darstellt.

In einer Studie aus dem Jahr 1994 untersuchte Dr. Melanie Dreher die Auswirkungen von Cannabis in Jamaika, wo die Droge sowohl gesellschaftlich als auch medizinisch anerkannt ist. Dr. Dreher fand hier jedoch keine grundlegenden gesundheitlichen Unterschiede bei Kindern, die während der Schwangerschaft dem Cannabis-Konsum ihrer Mütter ausgesetzt gewesen waren—und wenn überhaupt, machten sie einen gesünderen Eindruck.

„Die Neugeborenen von Müttern, die sehr viel Marihuana konsumiert hatten, schnitten bei der Überprüfung ihrer Stabilität, Aufmerksamkeit, Reizbarkeit und Selbstregulierung besser ab. Der Umgang mit diesen Kindern wurde von ihren Bezugspersonen als erfreulicher eingeschätzt ", so die Studie.

Auch Michael Backes, Autor des Buchs „Cannabis Pharmacy: The Practical Guide to Medical Marijuana", sagt, dass unser Verständnis des Endocannabinoiden Systems, welches Cannabinoid-Rezeptoren umfasst, bereits so komplex ist, dass er lediglich vor der pränatalen Verwendung warnt, weil es dazu noch nicht ausreichend wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Das Verbot habe aber laut ihm verhindert, ein potenziell wirksames Medikament zu entwickeln, dass die Schmerzen von Schwangeren hätte lindern können.

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Endlich werden uns echte Daten vorliegen

Da Cannabis voraussichtlich in immer mehr US-Bundesstaaten legalisiert werden wird, könnte schon bald eine große Debatte über die reproduktiven Rechte der Frauen anstehen.

Erst vor kurzem wurde in New York City entschieden, dass schwangeren Frauen in Bars und Restaurants Alkohol nicht länger verweigert werden darf, da „es rechtswidrig ist, Sicherheit als Vorwand zur Diskriminierung oder als Mittel einzusetzen, um traditionelle Gendernormen und Stereotype zu verstärken." Vielleicht wird sich dieser Denkansatz auch auf den Cannabis-Konsum während der Schwangerschaft ausweiten.

Metz und ihre Kollegen sind gerade dabei, die Fragebögen für die schwangeren Frauen zu entwickeln, die an der Studie teilnehmen werden; Elephant Circle erstellt Broschüren und andere Unterlagen, die in Apotheken in Colorado ausliegen sollen, um Frauen über den aktuellen Stand der Forschung und über ihre Rechte aufzuklären.

In der Zwischenzeit arbeiten Anwälte mit Hochdruck daran, dass Cannabis von der US-Drogenvollzugsbehörde DEA neu klassifiziert wird, sodass schon bald mehr Studien wie die von Dr. Metz landesweit öffentlich finanziert werden können.