„Wir waren alle mal Teenager, ließen die Sau raus“—Laidback Luke antwortet Seth Troxler

Wir haben vielleicht mehr gemeinsam, als wir zugeben wollen.

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Mai 26 2014, 2:00pm

Vor ein paar Tagen hat Seth Troxler eine vernichtende Kritik an der EDM-Kultur und dem momentanen Zustand der Dance-Musik veröffentlicht. Hier antwortet der niederländische House-DJ und Produzent Laidback Luke auf Seth Troxler—Punkt für Punkt.

„EDM ist keine Kultur."

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Foto: © Insomniac

Natürlich ist es eine Kultur! Auf den ersten Blick ist es eine neu entstandene Kultur, aber eigentlich gibt es sie schon seit Ewigkeiten. In den USA gab es schon immer eine große Underground-Rave-Szene mit Leuten, die Baggy-Klamotten, Rucksäcke und neonfarbenes Zeug tragen. Sie haben schon vor über zehn Jahren ihren Shuffle-Tanz zu Trance, Techno und Elektro-House gemacht. Das EDM-Publikum ist ein junges Publikum; EDM ist ihre Einführung in die Festivalkultur, sie glauben komplett an dieses PLUR-Ding—Peace, Love, Unity, Respect—und versuchen das zu leben. Das nicht als Kultur bezeichnen zu wollen, ist ziemlich engstirnig.

„Jetzt verstehen die Leute unter einem ‚guten Event' eine Veranstaltung, die brechend voll ist und die ‚Energie' hat: superenegetische-Megaextreme"

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Und genau so ist es. Es geht um das Austoben. Um den Rave. Vergiss nicht, auch wir haben als Kids geraved. Für mich hat das mit dem britischen Ravesound der frühen 90er angefangen, ist zu dem härteren, tanzbaren Zeug aus Deutschland und sogar holländischem Gabber übergegangen. Wir waren alle mal Teenager, die einfach die Sau rauslassen mussten. Wenn du älter wirst, ist das auf einmal nicht mehr cool und anscheinend musst du dann wie eine kultivierte, ältere Person Party machen—mit Weinverkostung. Ich springe immer noch gerne auf und ab, schwitze und verliere mich selbst, um ehrlich zu sein. Ich kann mich ausruhen, wenn ich nicht Party mache. Moment, ging es nicht eigentlich immer um die Party? Was ist daraus geworden, auf einer Party tatsächlich Party zu machen und einfach nur Spaß zu haben?

Es wäre gut, anzuerkennen, dass der Mainstream auch den Underground füttert. Danny Tenaglia hat seinen DJ-Kollegen einmal eine Mail geschrieben, als eine ähnliche Diskussion stattfand. Viele Leute haben Tiësto in ein schlechtes Licht gerückt, weil er zu cheesy, zu poppig ist, zu zugänglich und zu Mainstream. Diese ganze Diskussion über Underground vs. Mainstream ist wirklich nichts Neues. Danny hat so etwas gesagt wie: „Tiësto ist eine Art ‚My First Sony' der Dance-Musik und durch ihn werden junge Leute sich für Dance-Musik interessieren. Einige von ihnen werden ihre Musikgeschmäcker weiterentwickeln und sich dann zum Beispiel für mich interessieren und das ist total OK für mich." Für viele war Tiësto zu der Zeit ihre erste Erfahrung. Anschließend haben ein paar angefangen, den cooleren Underground-Kram zu hören. Das habe ich schon über Generationen beobachtet.

„Das Electric Daisy Carnival in Las Vegas [ist] eine Kommerzkirmes mit jeder Menge nerviger Kids mit Gasmasken auf einem überdimensionierten Parkplatz, die sich wegballern."

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Ich würde dem EDC doch ein bisschen mehr Kredit zollen. Was ist mit den großartigen Bühnen-Performern? Was mit dem Karneval-Setup und den unglaublichen Bühnen? EDC ist dafür einzigartig und eins der ersten Festivals, das es in den USA bis zu diesem Level geschafft hat. Das öffnet die Tür für alle von uns, Mainstream- und Underground-DJs gleichermaßen. Seth sagt, dass er will, dass Partys nur in einem dunklen Raum, vielleicht mit einem Stroboskop ausgestattet, stattfinden? Ich finde das auch cool—aber worüber du dir klar werden musst, ist, dass wenn Leute ein teures Festivalticket kaufen, sie ein paar spektakuläre Sachen dafür bekommen sollten. Was viele coole Underground-DJs nicht begreifen, ist, dass wir normalerweise selbst für unsere Pyro, unser Wasser und Konfetti bezahlen. Manche DJs investieren 10-15.000 Dollar für eine Show. Auch wenn ich kein großer Fan davon bin—mir gefällt die eigentliche Kunst und die Geschichte des DJings—sieht es ohne das heutzutage auf Festivals eher öde aus.

„Wo wir schon bei Avicii sind: Avicii ist ein blödes Arschloch."

Ich kenne ihn schon seit er als Teenager anfing Erfolg zu haben. Er war immer sehr eifrig und als junger Produzent sehr begabt. Er ist ein netter Junge. Er hat hart dafür gearbeitet, da zu sein, wo er ist—richtig hart sogar. Ich hatte schon immer eine gute Beziehung zu seinem Manager und ich bin geehrt, dass ich auf seiner Bühne in Ibiza spielen kann. Ich würde mir nur wünschen, dass Tim von Zeit zu Zeit seine E-mails beantwortet—wir sprechen gar nicht mehr!

Über Steve Aoki: „Du bist kein verdammter DJ. Du bist ein überbezahlter, untalentierter, Torte-werfender Wichser."

Ich mag Steve wirklich sehr und er ist ein guter Freund von mir. Er arbeitet wie ein Irrer, um das alles machen zu können. Er kommt bereits aus einem reichen Umfeld, also macht er das wirklich nicht fürs Geld. Die Torten hat er schon geworfen, bevor er mit dem DJing angefangen hat. Steve ist ein Performer, er hat früher in Punkbands gespielt, also kennt er die Bühne! Die Schlauchboote kamen, nachdem er einige Leute im Publikum beim Stagediven verletzt hat. Was auch Sinn macht, bei seinem Band-Hintergrund. Ich weiß, dass es nicht sofort Sinn ergibt, dies im Zusammenhang mit einem DJ zu sehen, aber wenn du seinen Background kennst, lässt dich das ein bisschen weniger wie einen ignoranten Arsch aussehen. Außerdem ist das Publikum begeistert davon!

Aus einem Kommentar: „Ich würde diesen Artikel kommentieren, hätte ich Seth Troxler nicht letztes Jahr auf dem Life Festival 90 Minuten auf der Bühne nichts machen und dafür ungefähr 20.000 Dollar einstreichen sehen, wobei er sich weniger bemüht hat, als die grauenhaften EDM-DJs auf denen er rumhackt."

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Foto: Amnesia Ibiza / Flickr | CC BY 2.0

Ich mag Seth tatsächlich sehr. Er ist ein toller Typ und wir verstehen uns auf persönlicher Ebene gut. Ich gehöre zu den Leuten, die andere dazu gebracht haben, wirklich schnell zu mixen. Mein Background sind allerdings Leute wie Jeff Mills, Dave Clarke, Frankie Bones und Bad Boy Bill, die auf der Bühne extrem viel machen—DJs mit großartigen Fähigkeiten. Also sehe ich schnelles Mixen immer noch als eine tolle, dynamische Fähigkeit an. Um ehrlich zu sein, ist es sehr einfach, weniger zu machen: Einen Track einfach laufen zu lassen und hinter den Decks zu entspannen ist wirklich weniger schwer, als schnell zu mixen und ein paar echte DJ-Skills zu zeigen. Ja, ein Typ wie Seth wird auch sehr gut bezahlt, um Platten zu spielen. Abgesehen von einer niedrigeren BPM-Zahl und ein paar „Hände in die Höhe"-Rufen, haben wir also vielleicht mehr gemeinsam, als wir zugeben wollen.

Mehr auf THUMP:
„Die EDM-Kultur pisst mich richtig an."—Ein Kommentar von Seth Troxler

Laidback Luke ist DJ, Produzent und Freund klarer Worte. Folgt ihm auf Twitter: @LaidbackLuke

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