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Landleben

Ich habe in einem bayrischen Dorf Frieden mit dem 1. Mai geschlossen, irgendwie

Statt Steine fliegt klebriges Bumber durch die Luft. Es läuft Helene Fischer. Dass es hier keine Flüchtlingsgegner gibt, wage ich zu bezweifeln.
3.5.16
Björn Tolgensen

An der Bar neben mir stehen zwei Jungs, die aussehen, als wären sie gerade zwölf geworden. Sie trinken ihren Bumber—eine lokale Mischung aus Bier, Cola, Weinbrand und Kirschlikör—aus kiloschweren Glaskrügen und versuchen gleichzeitig das Party-Band-Cover von Matthias Reims einzigem Hit, „Verdammt Ich Lieb' Dich", mitzuschmettern. Ziemlich vorhersehbar endet das kurze Spektakel darin, dass die V-Neck-Shirts in dem klebrigen Gebräu eingehüllt sind. Da wird Mutti aber einen Spaß haben, wenn sie das morgen waschen darf. Ich befinde mich natürlich nicht an einer richtigen Clubbar, sondern in einem kleinen Zelt mit Holzboden, das nahtlos an ein ziemlich großes Zelt mit Holzboden anknüpft. Eine Bierzelt-Bar eben. Besonders ist auch der Anlass dieser Festivität: Das Maifest. Der Tanz in den Mai. Gut, es ist erst Freitag und wir haben morgen gar nicht den Ersten, aber am Wochenende macht so ein großangelegtes Besäufnis eben doch mehr Umsatz, denkt sich der Zeltbetreiber. Vielleicht. Und die zuständige Gemeinde. Vielleicht.

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Dieses jährliche Treiben ist hier, in einer 6000-Seelen-Gemeinde, ebenso fest gesellschaftlich verankert wie die jährliche Kirchweih und stellt im Prinzip dasselbe dar: In einem riesigen Festzelt aus Stoff und Holz betrinkt sich das ganze Dorf. Wobei das ganze Dorf viel mehr der diesjährige Abiturjahrgang, Bauernsöhne und ihre Väter zu sein scheinen. Das Landleben ist halt simpel: Entweder übernimmst du den Bauernhof oder du machst Abitur und ziehst nach Berlin.

Aber egal, wer du bist und wie es um deinen Bildungsstand aussieht: Um nicht aufzufallen, wenn du auf der Bierbank zu Helene Fischer tanzt, empfehlen sich die Frisur und die Klamotten von Bushido (Nur den Bart solltest du nicht tragen!) in Kombination mit dem Körperbau von Hans Entertainment. Nach Belieben kannst du auch immer wieder „Hoch die Hände Wochenende!" brüllen, wenn das nicht gerade schon die Musikkapelle für dich übernimmt.

Tradition, Propaganda und Protest—nur nicht hier

Überhaupt besteht deren Programm zur Hälfte aus Sprüchen, die zum Trinken anregen sollen. Aus Langeweile schicke ich einem Kollegen eine Sprachnotiz von einer dieser „Prosit der Gemütlichkeit"-Zelebrierungen. „Klingt wie beim Reichsparteitag," antwortet er knapp. Und wenn ich so darüber nachdenke, hat er auch irgendwie Recht. Gerade mit diesem Satz im Ohr vereinen sich die deutsche Schlager-Musik, die heimatliche Atmosphäre, die Unmengen an Bier und die gesunden Ortsburschen zu einer erschreckenden Neuauflage des Bürgerbräukeller. Nur ohne einen sichtbaren Führer. Dass es hier keine Flüchtlingsgegner gibt, wage ich zu bezweifeln, vor allem während ich die Gespräche in der Warteschlange vor dem Klo mitbekomme. Was der Bauer nicht kennt, das will er nicht in seinem Land. Oder so ähnlich.

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So ähnlich ging es auch in dem Dorf zu.

Gut, aus diesem Blickwinkel betrachtet, spricht es natürlich nicht für mich, dass ich mich auch hier befinde und Schnäpse kippen muss, um die Leute zu ertragen, die mit ihren Gummistiefeln über meine Füße stolpern. Aber irgendwie ist das Ganze hier trotzdem eine Party. Eine gottverdammte Party. Und es ist gottverdammte Tradition—aber wieso eigentlich?

Ende des 18. Jahrhunderts streikte die nordamerikanische Arbeiterbewegung am 1. Mai, um den Achtstundentag durchzusetzen. Dieser Trend schwappte auch nach Europa. Im Dritten Reich erklärten die Nationalsozialisten den Tag für ihre Propaganda zu einem Feiertag. Die Regierung der DDR feierte sich jedes Jahr selbst am Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus. Und in Berlin finden jährlich Straßenfeste und Demonstrationen linker, sowie linksradikaler Gruppen statt.

„Des is der Tag der Arbeit," heißt es neben mir, „aba da ham mer ja frei. Haha." So kann man es natürlich auch sehen.

Solange die Band nichts von den Onkelz spielt, ist alles gut.

Wie ein Witz wirkt auch die Anwesenheit der örtlichen Polizei. In Uniform—und ohne Bier natürlich, schliesslich sind sie im Dienst. Jedenfalls langweilt sich unser grüner Freund und Helfer etwas: Abgesehen von ein paar betrunkenen Keilereien passiert hier nichts. Keine brennenden Autos, keine eingeworfenen Scheiben. Aber wir befinden uns eben auch nicht in Kreuzberg, sondern auf der matschigen Wiese im Zentrum eines Dorfes. Ein Dorf, in dem man sich kennt, und ein Dorf, das auch ohne Clubs und Discotheken feiern möchte.

Und einmal im Jahr ist es auch in Ordnung, sich die Kehle aus dem Hals zu brüllen, bis zum Umfallen zu trinken und auf der Bierbank zu einer überbezahlten Band zu schunkeln. Zumindest solange diese nicht Böhse Onkelz spielen, denn das hat nichts mehr mit Tradition zu tun.

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