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Eduardo de la Calle ist noch immer underground

Eduardo de la Calle findet, dass es in der elektronischen Musik kaum noch echten Underground gibt.

Der spanische Underground-DJ spricht mit uns über die elektronische Musikszene in Spanien.

Nach den ersten beiden Stationen Japan und Argentinien richten wir für unsere Gesprächsreihe „Interviews of The World" den Blick zum ersten Mal auf Europa—womit wir beim wichtigsten Markt einer ohnehin global boomenden Szene ankommen. Doch dieser Markt ist auch stark fragmetiert. Dass es selbst innerhalb den einzelnen Ländern große Unterschiede gibt, lässt sich unter anderem in Spanien erkennen. Während einige die Entwicklungen auf Ibiza mit dem EDM-Schrecken in Amerika vergleichen, gibt es in den spanischen Großstädten regelrechte Mega-Raves. Dass die von der Finanzkrise gebeutelten Jugendlichen den Namen Eduardo de la Calle kennen, ist stark zu bezweifeln. Denn der 1974 in Madrid geborene Produzent ist der Prototyp des Underground-DJs—ein Mann, der wie nur wenige ein nicht-kommerzielles Korrektiv verkörpert. Allein in den letzten zehn Jahren veröffentlichte er mehr als 60 Platten und hat sich den Genuss internationaler Früchte durch harte Arbeit verdient.

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Dass dem Weltenbummler ein gewisses Wir-Gefühl durchaus am Herzen liegt, beweist etwa seine jüngst veröffentlichte und mitunter selbstfinanzierte Dokumentation „Beatz—Divergences & Contradictions of Electronic Music". Mit einer Kamera begleitete er über zwei Jahre hinweg nicht nur seinen eigenen Tour-Alltag, sondern sprach mit dem auflegenden Who-Is-Who über den Status Quo der Techno- und House-Szene. Ob der Grad der Professionalisierung einer ehemals eher unprofessionellen Subkultur, die Profitgier unter seinen Kollegen oder aber die extreme Zunahme der so genannten Superstar-DJs—die von Eduardo de la Calle eingefangenen Meinungen verdeutlichen gerade auch die eh unzweideutige Pop-Werdung der elektronischen Musik—angenehmerweise ohne den erhobenen Zeigefinger zu bemühen. Da ist es doch nur folgerichtig, mal die Rollen zu tauschen und nun ihn nach seinen eigenen Empfindungen zu fragen. Neben Beobachtungen zur spanischen Clubszene und seiner Yoga-Philosophie brachte uns der passionierte Vinyl-DJ aber vor allem ein Stück bei der Frage weiter, wie man das längst verwässerte Underground-Konzept heute vielleicht definieren könnte. Oder sollte? Oder gar muss?

THUMP: Als du mir dieses Interview per SMS bestätigt hast, war ich ein wenig überrascht. Ich war der Meinung, dass du immer noch ohne Internet lebst. 

Eduardo de la Calle: Früher habe ich tatsächlich lange ohne Internet oder Smartphone gelebt—gerade damals, als ich mehrere Jahre mit einem Yoga-Lehrer in den spanischen Bergen verbrachte. In den ersten zehn Jahren meiner Karriere habe ich mehr als 30 Platten aufgenommen, doch nach den unzähligen Reisen und den ganzen Strapazen benötigte ich einfach zwei, drei Jahre, um mich zu erholen—von den Drogen und den Partys. Ich musste mich erst mal wieder finden, deswegen habe ich auch in einem Wald gelebt und dort hatte ich auch kein Internet, aber jetzt ist das nicht mehr so.

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Deshalb will ich auch das Interview so beginnen, denn ich habe mich gefragt, wie du die Veränderung der elektronischen Szenen durch Social Media beurteilst? 

In meinen Augen ist das Konzept oder Bild des DJs, das in der heutigen Gesellschaft vorherrscht, komplett falsch. Aber es funktioniert eben. Du siehst Menschen, die heute lediglich mit einem Laptop auflegen und damit auch sehr erfolgreich sind. Die Leute interessieren sich eigentlich nicht mehr für alle Einzelheiten. Dabei haben nicht alle die Fähigkeit, acht Stunden aufzulegen—obwohl es eigentlich keine Rolle spielt, welches Medium du nutzt, Hauptsache du kannst eine spannende Geschichte erzählen.

Interessant was du über die Einzelheiten sagst, denn Facebook hat in den letzten Jahren doch in erster Linie gerade die zuvor unbekannten Details über DJs in den Vordergrund gerückt, oder? 

Es ist nur ein Bild, das du verkaufst, aber nicht das wirkliche Bild. Aktuell fokussieren wir uns auf zu viele falsche Dinge, das kann man auch an den Dancefloors erkennen. Der Dancefloor ist letztlich auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft oder einer Szene und diese ist aktuell sehr konfus. Alle sind irgendwie verwirrt. Ich will wirklich nicht negativ klingen, denn Musik ist etwas sehr Positives, aber es gibt eben viele Menschen, denen es nur noch ums Geld oder Trends und Ruhm geht. Die sozialen Medien haben daran einen großen, sehr negativen Einfluss.

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Aus meiner Sicht verursacht Social Media vor allen Dingen Unsicherheit bei allen Beteiligten. Wir beobachten, liken, teilen und kommentieren—und durch dieses Mehr an sozialen Quasi-Zwängen verlieren wir sukzessive unsere eigenen Koordinaten. Ehemalige Underground-DJs vergessen somit, wer sie eigentlich sind.  

Das kann man definitiv so sehen. Heute wollen alle nur große Wellen schlagen und Krach machen, jeder möchte seine Aufmerksamkeit haben, aber wofür? Ich habe meinem Manager gesagt, dass ich meinen Facebook-Account abschalten will, aber er war dagegen, weil die Fans und Freude so verfolgen können, was ich mache und wo ich auflege. Mir ist das trotzdem alles zu professionalisiert.

Würdest du dich selbst noch als Underground-DJ bezeichnen? 

Underground könnte einer sein, der wie verrückt Platten sammelt, alleine reist und in vielen skurrilen Clubs spielt. So gesehen bin ich immer noch Underground. Doch du kannst das nicht in Formeln packen, es sind letztlich Einstellungen, Handlungen und Prinzipien, denen du nachgehst, ohne allzu viel darüber nachzudenken. Ein Freund aus Paris sagt immer zu mir, dass sich die elektronische Musik in drei Aspekte aufteilt: technisch, experimentell, künstlerisch. Das Technische meint, dass du mit Effekten und EQs umgehen kannst. Während der künstlerische Teil darauf hinweist, dass du zum Beispiel Keyboard spielen kannst, meint das Experimentelle, dass du versucht, deine eigenen Sounds zu erkunden. Vielleicht ist es Underground, wenn du diese drei Aspekte miteinander sinnvoll verbindest.

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Es war bereits in jungen Jahren dein Traum DJ zu werden. Warum? 

Das kam unter anderem durch meine ersten Party-Erfahrungen Ende der achtziger Jahre in Madrid und Andalusien. Das fand und findet ja immer noch größtenteils alles in der Nacht statt, das hatte für mich damals etwas Magisches und Geheimnisvolles. Der DJ war früher bei uns übrigens die gleiche Person, die am Abend auch das Licht im Club gemacht hat. Und natürlich habe ich auch viel mit Drogen experimentiert und da ist der Traum natürlich sehr lebendigt—du spielst Musik, die du liebst, bekommst dafür sehr viel Geld und darfst auch noch reisen.

Wie hat sich dieses Bild oder deine Selbstwahrnehmung über die Jahre verändert? 

Aktuell bin ich etwas gelangweilt. Das Reisen ist immer noch toll, man lernt und sieht so viel. Aber ich nehme keine Drogen mehr und es ist nicht so einfach, nüchtern zu bleiben und die ganze Zeit, also ein komplettes Wochenende zu reisen. Doch ich liebe meine Arbeit, auch wenn ich realisiere, dass es immer schwieriger wird nach einem langen Wochenende nach Hause zu kommen und dann neue Musik im Studio zu produzieren, nicht immer ist dann gleich die Kreativität da. Letztlich ist es sehr wichtig, diszipliniert zu sein—das ist etwas, was ich über die Jahre dazugewonnen habe. Aber wenn ich die Szene betrachte, dann waren zum Beispiel die Neunziger viel authentischer.

Da du bereits die Locations angesprochen hast: wie sieht die Clubszene in Spanien aktuell aus? 

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Alles hat sich verändert. Früher gab es eigentlich nur vier wichtige Orte: Barcelona, Madrid, Valencia und Andalusien. Im Norden Spaniens gab es damals keinen Techno, da musstest du schon in die großen Städte fahren, um diese Musik zu hören. Heute ist das komplett anders, überall gibt es Partys und Clubs, aber die Menschen sind weitaus fokussierter auf die großen Festivals, wo die DJs immer nur sehr kurze Sets spielen. Und trotzdem gibt es auch eine Sehnsucht nach kleinen Clubs.

Was hat sich in deinen Augen zum Negativen verändert? 

Das Konzept des Computer-DJs etwa, das hat nicht mehr viel mit der Kunst des Auflegens zu tun, das macht leider wirklich den Unterschied. Doch Dinge verändern sich halt und wenn du in diesem großen Jungle bist, dann wird es immer schwerer authentische, coole Partys zu finden. Wenn du dir die Bookings in Madrid anschaust und das Line-up mit dem Rex Club in Paris oder der Panorama Bar in Berlin vergleichst, ist es so ziemlich das gleiche Angebot. Es ist ein sicheres Business geworden, Risiken geht kaum noch jemand ein. Das macht mir ein wenig Angst und ich könnte mir vorstellen, dass DJs in Zukunft Geld bezahlen müssen, damit sie auflegen dürfen. Auf dem Sonar Festival gibt es bereits für die meisten DJs keine Gage mehr. Unter den Jugendlichen will jeder ein DJ werden und bald gibt es den ersten Fall, dass du den Club bezahlst, um dort spielen zu können—ich glaube das wird bald passieren.

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Haben sich die Menschen auch verändert? 

In Spanien gibt es sehr viele Leute, die zu den großen Mainstream-Events gehen, die sind nicht so sehr gebildet und sehr heiß auf die Partys, was natürlich auch gut ist, weil es natürlich die Energie braucht. Aber wenn ich die Entwicklung mit allen den Smartphones, den Videos und Fotos sehe, dann wird mir angst und bange.

Was sind die größten Herausforderungen der spanischen Szene? 

Es gibt aktuell nur wenig Promoter, die wirklich Ahnung haben, was auf der Welt passiert. Die meisten interessieren sich nur für den ökonomischen Nutzen der Partys, aber nicht für die Musik oder das Abbilden neuerer Entwicklungen. Ein großes Problem ist auch, dass es nur noch wenige Plattenläden gibt. Gerade die jungen Leute schauen nur noch im Internet nach, wer etwas Neues veröffentlicht, aber nur eine kleine Minderheit will für haptische Tonträger, und dafür auch bezahlen.

Zum Schluss will ich noch kurz über Yoga sprechen. Es ist ja bekannt, dass du über diesen Weg wieder zu dir gefunden hast. Was hast du dadurch gelernt? 

In den Medien heißt es immer, dass ich so entspannt und bei mir bin, doch auch wenn ich Bhakti Yoga in mein Leben implementiert habe, durchlebe ich noch harte Zeiten voller Zweifel und Schmerzen. Ich mache nicht das physische Yoga jeden Tag, es ist viel mehr ein Lebensstil. Die Menschen denken immer, es geht um irgendwelche Übungen, aber Yoga ist der Kampf mit deinem Inneren, der Kampf gegen deinen Körper, gegen materielle Dinge. Du glaubst, du müsstest täglich acht Stunden schlafen, aber du würdest auch nur mit der Hälfe gesund leben. Das Gleiche kannst du auch auf Ernährung und so vieles mehr anwenden. Bei Yoga geht es um Reduzierung und die Essenz des Lebens. Ich bin nicht so weit von der notwendigen Disziplin entfernt, aber trotzdem bin ich noch lange nicht diszipliniert.

Und um diese Tradition fortzuführen, frage ich abschließend immer nach einen besonderen Track: welches Stück verlässt quasi so gut wie nie deinen Plattenkoffer?

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