Thump

Studie enthüllt: EU steht ab sofort für „Ecstasy Union“

Nur Deutschland will mal wieder nicht mitziehen.
1.6.16
Ecstasy-Pillen: Vorlage für die neue EU-Fahne? Foto: UK Home Office

Studien zu Drogen sind das neue Rauschmittel von Wissenschaft und Behörden. Die neueste Untersuchung kommt vom European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction (EMCDDA): der European Drug Report 2016. Dafür wurde der Drogenkonsum von Europäern im Alter von 15 bis 34 Jahren im vergangenen Jahr untersucht. Das Ergebnis: Ecstasy is back, die Droge erlebt gerade ihre Renaissance. Leben wir in der Ecstasy Union?

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In der Alterskohorte haben jedenfalls über zwei Millionen Europäer aus der EU sowie dem Anwärterstaat Türkei 2015 mindestens ein Mal Ecstasy konsumiert. Das sind 300.000 mehr als im Jahr zuvor. Laut der Studie gibt es sei mehreren Jahren einen Trend in diese Richtung. Nachdem es Mitte der 2000er ein Hoch des MDMA-Konsums gab, habe er gegen Ende des Jahrzehnts einen Tiefpunkt erreicht—um jetzt wieder zu steigen. Besonders in Bulgarien, Finnland und Frankreich sei ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Ähnliches gilt für Großbritannien. Deutschland geht die Sache anscheinend eher ruhiger an und ist im europäischen Vergleich im Mittelfeld angesiedelt. Zwischen 0,6 und 1,0 % der jungen Deutschen haben im vergangenen Jahr Ecstasy genommen.

Quelle: European Drug Report 2016

Wo liegen allerdings die Ursachen und Auslöser dieser Entwicklung? Als Erklärung für den steigenden Konsum werden verschiedene Aspekte herangezogen.

Ist die elektronische Musikkultur schuld?

In der Auswertung der Studie heißt es: „In der Regel ergeben Befragungen von jungen Menschen, die regelmäßig an Veranstaltungen im Zuge des Nachtlebens teilnehmen, einen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung höheren Drogenkonsum. Dies gilt besonders für MDMA, das seit jeher stark mit der Nachtclubszene und insbesondere mit elektronischer Tanzmusik in Verbindung gebracht wird."

Die linksliberale britische Zeitung The Guardian nimmt diese Aussage auf und sieht in dem stark wachsenden Markt der elektronischen Musikfestivals den Hauptgrund für den steigenden Konsum von Ecstasy: „Dieses Wachstum hat MDMA unter einer neuen Generation von jungen Leuten bekannt gemacht, die zu Zeiten der Hochphase von Drogen und Raves in den 1990er Jahren noch nicht geboren waren." [Übersetzung von THUMP]

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Die Verfasser der Studie merken hingegen an: „Gegenwärtig gibt es Anzeichen dafür, dass MDMA in Ländern mit höheren Prävalenzraten [also höherer Verbreitung] keine Nischendroge mehr darstellt, [welche] nur von bestimmten Subkulturen konsumiert wird. [Der MDMA-]Konsum ist nicht länger auf Nachtclubs und Partys beschränkt, sondern betrifft ein breiteres Spektrum junger Menschen in gewöhnlichen Nachtlokalen wie Bars sowie auf Privatpartys."

Natürlich könnte man immer noch sagen, dass das alles der Einfluss der elektronischen Musikkultur ist, aber das wäre stark verkürzt.

Sind gewiefte Produzenten für den Boom verantwortlich?

Eine weitere Erklärung für den Trend der letzten Jahre sieht das EMCDDA in den neuen Herstellungsverfahren, die einen hohen MDMA-Gehalt der Ecstasy-Pillen zu Folge haben, weshalb es gegenwärtig die wohl stärksten Pillen seit den 90er Jahren gibt. Dazu gab es bereits eine gesonderte Studie des EMCDDA, die THUMP neulich aufbereitet hat. Aufgrund dieser Entwicklung könnte die Nachfrage nach Ecstasy ebenfalls wieder zugenommen haben.

Und wenn du wissen willst, was genau in Ecstasy enthalten ist, hat THUMP dir hier alles zusammengefasst.

Welche Rolle spielt das Internet?

Außerdem wichtig für den steigenden Konsum: der Online-Handel. Dieser hat in den letzten Jahren die Verfügbarkeit von Drogen aller Art erheblich erhöht—die Studienverfasser erwähnen allerdings nicht, ob sie das ausschließlich auf Angebote aus dem Deep Web, Dark- und Clearnet beziehen, oder auch auf das Internet. Vielen dürfte etwa noch der Fall der Drogenhandelseite „Shiny Flakes" aus Sachsen in Erinnerung sein.

Bist du schuld, weil du süße Sachen magst?

Ein letzter Erklärungsansatz aus der Studie ist das gezielte Marketing, das die Hersteller von Ecstasy durch die verschiedenen Motive auf den Pillen betreiben würden:

„Möglicherweise verfolgen die Hersteller damit bewusst eine Strategie, […] die Wahrnehmung dieser Droge zu verbessern, nachdem sie lange Zeit in dem Ruf stand, von schlechter Qualität und Gegenstand von Fälschungen zu sein, und ihr Konsum infolgedessen zurückging. Es gibt Anzeichen dafür, dass mit diesem Vorgehen gewisse Erfolge erzielt werden und MDMA sowohl unter jenen, die bereits seit Längerem Stimulanzien konsumieren, als auch bei einer neuen Generation von Drogenkonsumenten zunehmend an Beliebtheit gewinnt."

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Ob also die lustigen Icons auf den Pillen Menschen zu Konsumenten machen? Nehmen sie Ecstasy, weil diese wie Minions aussehen? Diese Vermutung wirkt etwas hilflos. Aktuell sind jedenfalls tödliche Mastercard-Pillen im Umlauf. Unbezahlbar? In jedem Fall absolut verzichtbar!

Und wer denkt an den Kapitalismus?

Um den Drogen-Markt umfassender zu analysieren, griffen die Forscher des European Monitoring Centers übrigens zu einer ungewöhnlichen Methode. Sie untersuchten mit Stichproben das lokale Abwasser und testeten dieses auf den Anteil von Drogen darin. So kann man die Hotspots des europäischen Drogenhandels nachvollziehen.

Quelle: European Drug Report 2016

Wer ist also in der Champions League der Drogenstädte? Eine deutliche Ballung kann man im belgischen und niederländischen Raum erkennen, also: Amsterdam, Eindhoven, Antwerpen. Hier scheinen die größten Märkte und möglicherweise auch Produktionsstandorte für Ecstasy zu sein. Die gute Anbindung der Länder an die internationale Schifffahrt tut das Ihrige dazu. Berlin ist wiederum im oberen Mittelfeld des Städterankings zu finden.

Übrigens: Mit keinem Wort wird in der Studie auf mögliche sozio-ökonomische Faktoren eingegangen, die das Konsumverhalten beeinflusst haben könnten. Sprich: Niemand untersucht eigentlich, welcher Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen einer-, un dem Drogenkonsum andererseits bestehen könnte. Eine solche Studie wäre jedoch wünschenswert und würde auch aus dem Gemenge der Untersuchungen herausstechen.

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