Wie Wettanbieter Seriengewinnern den Krieg erklärt haben
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the bookmakers' war

Wie Wettanbieter Seriengewinnern den Krieg erklärt haben

Buchmacher sperren Wettern mit gutem Näschen immer häufiger das Konto oder beschränken ihre Einsätze auf ein Minimum. Doch Profis finden immer noch Mittel, diese Sperre zu umgehen.
10.3.17

In den letzten Monaten sind mir immer wieder Beschwerden von Freunden und Bekannten zu Ohren gekommen, deren Wetten einfach nicht angenommen wurden oder die mit Schrecken feststellen mussten, dass sie eine Wettseite einfach aus dem System gekickt hat. Das hatte in den meisten Fällen technische oder bürokratische Gründe und wurde häufig schnell behoben. Doch eine kleine Gruppe von Wettern war sich sicher, dass ihre Konten aus einem anderen Grund gesperrt wurden: weil sie einfach zu häufig gewonnen hatten.

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Die Rede ist von Profiwettern, der wohl größten Gruppe von Menschen, die mit Buchmachern aktuell auf Kriegsfuß stehen. Jede Woche setzen sie Tausende bis Zehntausende Euro mithilfe von Alias-Konten, die mit Bankdaten ihrer Freunde eröffnet wurden. Und liefern sich so ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel mit den Buchmachern.

Doch hinter diesem Klein-Krieg stecken weitreichende Veränderungen in der Industrie. Man könnte auch sagen, die Sache hat System: Denn Buchmacher scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, (potentielle) Gewinner zu identifizieren und auszuschließen, um nur noch Wetten von ‚Verlierern' entgegenzunehmen.

Wer schon regelmäßig mit Buchmachern zusammengestoßen ist, ist Justice for Punters. Diese Gruppe von langjährigen Wettern ist mit dem Status quo der Industrie überhaupt nicht zufrieden und fordert, wie schon der Name verspricht, mehr Verbraucherrechte für Wetter.

„Wir haben uns aus zwei Gründen zusammengeschlossen", erklärt Gruppensprecher Brian gegenüber VICE Sports. „Der eine ist der Missbrauch von Identitäten. Ich meine damit die Praxis, dass Buchmacher gut gedachte Gesetze gegen Geldwäsche und zum Schutz von Minderjährigen dazu benutzen, um Leute nicht auszuzahlen und sie daran zu hindern, Wetten abzuschließen, die ihnen eigentlich zustehen."

Einen Beweis dafür will er auch haben. Denn wenn immer er einem Buchmacher damit drohte, mit einem Fall an die Presse zu gehen, sei die Auszahlung spätestens innerhalb von 48 Stunden erfolgt. In einem Fall bot der Buchmacher sogar an, die zurückgehaltene Summe sofort auszuzahlen, wenn der Artikel dafür im Mülleimer landen würde: „Sagt das nicht schon alles?"

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„Der andere Grund", fügt er hinzu, „sind die unfairen Geschäftsbedingungen, die es Buchmachern ermöglichen, Leute neue Konten eröffnen zu lassen, die dann aber nach zwei oder drei Spielen einfach wieder geschlossen werden können."

„Es geht um eine Neudefinierung von Buchmachern", ist sich Brian sicher, „indem es nicht mehr ums Gewinnen oder Verlieren geht, sondern nur noch ums Verlieren. Denn sobald du anfängst zu gewinnen, bist du raus."

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Wir haben die fünf größten Wettanbieter kontaktiert, aber nur von einem eine Antwort erhalten. Darin stand: „Am Ende des Tages sind wir ein Unternehmen. Aus diesem Grund müssen wir versuchen uns zu schützen, indem wir Verbindlichkeiten gegenüber gewissen Kunden richtig handhaben." Das Resultat dessen ist ein System, bei dem Buchmacher das Recht haben, erfolgreiche Wettkunden auszuschließen und nur mit solchen geschäftlich zu verkehren, die mit größerer Wahrscheinlichkeit verlieren werden.

„Wenn du ein besonders guter Lerner bist, wenn du gut in deinem Job bist, wenn du talentiert bist, wirst du ja in anderen Lebensbereichen auch nicht einfach so ausgeschlossen", findet Brian, der von vielen anderen Wettern weiß, denen ebenso das Handwerk gelegt wurde.

„Gegenüber Pferdewetten sind sie sehr misstrauisch, ich glaube mehr als bei jedem anderen Sport", erzählt er weiter, „und wenn du immer nur Einzelwetten abschließt – also beispielsweise keine Doppelwetten oder Lucky-15-Systemwetten – wirst du gleich verdächtigt. Wenn du bei deinen Pferdewetten vor allem große Beträge setzt, wirst du gleich verdächtigt. Wenn du regelmäßig auf Pferde setzt, deren Preis im Anschluss sinkt, wirst du gleich verdächtigt."

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Die Aufmerksamkeit von Buchmachern richtet sich jedoch nicht nur auf Pferde – und genauso wenig nur auf Gewinner. Laut eines Profiwetters, mit dem VICE Sports gesprochen hat, spielt es keine Rolle, ob der Wetter schwarze Zahlen schreibt; das Entscheidende sei dabei die Tatsache, dass er so wettet, dass er mit höherer Wahrscheinlichkeit Gewinne einfahren könnte.

Kevin – dessen richtigen Namen wir nicht verwenden sollen – hat uns erzählt: „Sobald sie spüren – und sie müssen es echt nur spüren, mir wurden schon Konten geschlossen, die rote Zahlen schrieben –, dass du etwas drauf haben könntest, sperren sie dein Konto."

Kevin ist ein erfolgreicher Handicap-Wetter aus Großbritannien. Seine Lieblingssportart hatte er lange Zeit als normaler Fan verfolgt und dabei festgestellt, dass seine Prognosen meistens hinhauten. Vor über zehn Jahren begann er dann mit kleinen Einsätzen, mittlerweile setzt er pro Spiel 2.500 Pfund (rund 2.900 Euro). Das bedeutet, dass Kevin jede Woche locker über 30.000 Pfund aufs Spiel setzt. Und so viel Einsatz bei den Buchmachern unterzukriegen, ist eine sehr mühselige Aufgabe. Die Hälfte davon gehe an Wettbörsen, die andere Hälfte werde auf kleinere Wetten über sein Netzwerk an Alias-Konten aufgeteilt.

Er ist gezwungen, auf Alias-Konten zurückzugreifen, weil er aufgrund seiner Bilanz von jedem großen Buchmacher ausgeschlossen oder auf Mini-Wettbeträge gedrosselt wurde.

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„Wenn ich meine Freunde nach ihrer Bankkarte frage, frage ich auch gleich nach einer Fotokopie ihres Ausweises oder Führerscheins und eröffne dann am selben Tag Konten bei meinen wichtigsten Buchmachern, das sind um die 20", erklärt Kevin.

Nach der Kontoeröffnung zahlt er eine kleine Summe ein und hebt sie dann gleich wieder ab, um etwaige Identitätschecks vorwegzunehmen, bevor deutlich mehr Geld auf dem Konto landet. Übrigens ist Kevin nicht der einzige Profi-Wetter, der gegenüber VICE Sports zugab, nach diesem System den Buchmacher-Beschränkungen aus dem Weg zu gehen.

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Wenn man mit Leuten wie John und Kevin spricht, erinnern sie von ihrer Argumentation her an Personen, die beispielsweise Gras in der Öffentlichkeit rauchen. Wieso? Weil denen egal ist, dass sie damit gegen das Gesetz verstoßen. Schließlich sind sie der Auffassung, dass es gar nicht erst verboten sein dürfte. Gleichzeitig betonen sie, dass sie zwar gegen Geschäftsbedingungen verstoßen, aber keine richtigen Betrüger sind.

Sie sind sich außerdem einig, dass sie so nicht handeln würden, wenn sie es nicht müssten. Außerdem haben sie einen Gegenvorschlag parat. Gemeinsam mit Justice for Punters fordern sie die in Australien gängige „Fair Go"-Regelung. Die besagt, dass Buchmacher alle Wetten akzeptieren müssen, bei denen der mögliche Gewinn eine festgelegte Summe nicht überschreitet. Kevin schlägt hierfür 500 Pfund vor, ähnliche Summen hört man auch von anderen Wettern.

Wie soll man das Ganze bewerten? Fest steht, dass Wettunternehmen natürlich selbst entscheiden können, mit wem sie Geschäfte machen wollen und mit wem nicht. Vor diesem Hintergrund sei daran erinnert, dass Versicherungsunternehmen sich genauso das Recht herausnehmen, nicht jeden in ihre Kasse aufzunehmen – auch wenn eine solche Praxis natürlich moralische Bedenken en masse auslöst. Fest steht auch, dass Menschen, die sich darüber beschweren, pro Woche keine 30.000 Pfund mehr setzen zu können, nicht allzu viel Mitleid verdienen. Doch am Ende muss es auch gar nicht um Mitleid gehen, sondern um die Frage von Gerechtigkeit.

Buchmacher zu sein, ist ein extrem lukratives Geschäft; Bet365 soll allein im letzten Jahr Gewinne in Höhe von 450 Millionen Pfund eingefahren haben, um nur ein Beispiel zu nennen. Bei solchen Bilanzen sind selbst die Gewinne von Kevin und Co. ein Tropfen auf den heißen Stein. Und sie dann dafür abzustrafen, dass sie ihr Handwerk besonders gut verstehen, hat fast schon etwas von einer perversen Logik.

Und auch wenn „Früher war alles besser"-Sprüche eigentlich niemand mehr hören kann: Früher war in Sachen Wetten tatsächlich noch einiges besser. Denn Buchmacher gingen ziemlich genau so vor: Sie versuchten die richtige Balance zwischen Verlierern und Gewinnern zu finden und stellten mittels richtiger Quoten sicher, dass – egal wie viele Leute am Ende richtig tippen würden – immer noch genügend gewettet und verloren wurde, um mit (dicken) schwarzen Zahlen nach Hause gehen. Doch mittlerweile scheint das eingetreten zu sein, was Brian so schön als Neudefinierung von Buchmachern bezeichnet hatte.

Denn das, was Buchmacher machen, ist kein Buch-machen im eigentlichen Sinne mehr. Es handelt sich nicht mehr um ein freimarktlich orientiertes Abwägen von Gewinnen und Verlusten, da man ja bestimmte (potentielle) Gewinner vom Wettbewerb von vornherein ausschließt. Das ist zwar nicht verboten, da es so etwas wie ein Recht auf Wetten nicht gibt. Aber gerecht sieht wirklich ganz anders aus.