Zehntausende Kunden verklagen Apple wegen der Touch-Krankheit

Obwohl das Unternehmen sich weiterhin nicht öffentlich dazu äußert, zieht der größte Designfehler der iPhone-Geschichte immer weitere Kreise.

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13 Oktober 2016, 5:00am

Bild: DeepFix/YouTube

Bild: DeepFix/YouTube

Der größte Designfehler der iPhone-Geschichte setzt Apple immer mehr unter Druck. Tausende unzufriedene Nutzer verlangen eine Erklärung dafür, warum Apple bisher nicht offiziell darauf reagiert, dass die Touchscreens von tausenden iPhone 6 Plus Geräten ohne Zutun des Nutzers kaputt gehen. Aber damit nicht genug: Indem Apple nicht öffentlich zugibt, dass die Geräte einen grundsätzlichen Konstruktionsfehler haben, wird der Schaden auf die Konsumenten abgewälzt, die nach Ablauf der Garantie für den Austausch der fehlerhaft konstruierten Geräte zahlen müssen.

Schon vor einigen Wochen haben Anwälte in Kalifornien deshalb eine Sammelklage gegen Apple angestrengt. Nun haben haben sie sich drei weitere Kanzleien zur Unterstützung ins Boot geholt, und auch im Bundesstaat Utah wurde eine weitere Sammelklage gegen Apple angemeldet.

Motherboard hat nach Gesprächen mit Reperaturdienstleistern bereits vor einigen Wochen erstmals über die sogenannte „Touch-Krankheit" berichtet, bei der das Touchdisplay des iPhone 6 Plus unbedienbar wird. Das Problem lässt sich nicht einfach durch den Austausch des Displays beheben, da der Fehler tiefer liegt: Er wird dadurch verursacht wird, dass sich die zwei „Touch IC"-Chips vom Logicboard des Smartphones lösen. Experten gehen davon aus, dass das Problem auf die Größe des Geräts und das instabile Logicboard zurückgeführt werden kann, wodurch sich das iPhone selbst bei sachgemäßer Nutzung leicht biegen kann—wir alle erinnern uns noch an den „Bendgate"-Skandal, der das iPhone 6 kurz nach seiner Veröffentlichung mit Negativ-Schlagzeilen begleitete.

Da Apple keine Reparaturen am Logicboard vornimmt, um die Touch-Krankheit zu beheben, bleibt einem iPhone-Besitzer mit defektem Gerät nur die Option, ein neues zu kaufen. Doch damit nicht genug: Apple tauscht die wegen Touch-Krankheit eingelieferten iPhone 6 Plus Geräte für den stolzen Preis von 329 US-Dollar gegen gebrauchte Geräte aus, von denen einige innerhalb weniger Tage oder Wochen erneut Touchscreen-Ausfälle erleiden können. In den letzten Wochen haben sich insgesamt fünf aktive und ehemalige Apple-Mitarbeiter an Motherboard gewandt und bestätigt, dass Apple von dem Problem intern weiß, es aber gegenüber den Kunden nicht zugibt.

Bild: Trent Dennison/YouTube

Gerichtsunterlagen von Apple zeigen, dass das Unternehmen sich sehr wohl bewusst ist, dass es vor dem US-Bundesgericht wegen der Verfahren in Kalifornien und Utah verklagt wird. Zusätzlich läuft noch eine Sammelklage in Kanada. Ein Akteneintrag vom 20. September im Utah-Fall besagt, dass Apple einen Aufschub beantragt habe, um auf die Klage zu reagieren. Apple reichte außerdem Anfang dieser Woche einen Antrag auf die Zusammenlegung der beiden Gerichtsverfahren ein—vermutlich um all seine Ressourcen auf einen Rechtsstreit konzentrieren zu können.

„In Anbetracht der Ähnlichkeit der Klagen aus Utah und Kalifornien würde es nur unnötig gerichtliche Ressourcen in Anspruch nehmen, wenn man die Klagen weiterhin als separate Sammelklagen fortführen würde—vor allem, da sowohl die Kläger aus Utah als auch aus Kalifornien behaupten, die vermeintliche Gesamtheit aller iPhone 6 und iPhone 6 Plus Kunden zu vertreten", gab Apples Anwalt als Grund für die angestrebte Zusammenlegung an.

Zur Touch-Krankheit hat sich Apple bisher immer noch nicht öffentlich geäußert und auch auf die fünf Anfragen, die Motherboard im letzten Monat zu dem Thema stellte, nicht reagiert. Auch anderen Medien gegenüber hat Apple bisher kein Statement zu dem Problem abgegeben. Seitdem unsere erste Recherche zur Touch-Krankheit auf Motherboard veröffentlicht wurde, haben wir mehrere Hundert E-Mails von Kunden erhalten, die ihr defektes iPhone 6 Plus durch ein neues Gerät ersetzen mussten. Außerdem haben Apple-Genius-Mitarbeiter uns die internen Abläufe offengelegt, die Apple-Mitarbeiter befolgen müssen, wenn ein iPhone mit Touch-Krankheit in den Laden gebracht wird.

Richard McCune, einer der Anwälte der Kanzlei McCuneWright, der die Kläger der Kalifornier Sammelklage vertritt, bestätigte Motherboard, dass beinahe 10.000 Leute die Kanzlei gezielt kontaktiert hätten, um sich der Klage anzuschließen. Vergangenen Freitag reichte McCune nun eine aktualisierte Klage gegen Apple ein, in der noch weitere Kläger hinzugefügt und außerdem noch drei weitere Kanzleien in den Rechtsstreit eingebracht werden.

„Jede einzelne der sich anschließenden Kanzleien, die alle über eigene Klienten verfügten, stärkt unseren Fall", erklärte McCune gegenüber Motherboard in einer E-Mail. Darunter sei auch der ehemalige US-Bundesrichter Stephen Larson von der Kanzlei Larson O'Brien. „Wir glauben, dass wir durch die Zusammenarbeit mit diesen Kanzleien beste Chancen haben, einen positiven Ausgang des Falls für die Besitzer der Smartphones zu erzielen."

Offiziell tut Apple bisher weiterhin so, als ob die Touch-Krankheit nicht existiert. Aber mit diesen Klagen im Nacken, wird das Unternehmen das Problem nicht mehr lange ignorieren können.